Der hagere Mann stellte sich auf einen langwierigen Zweikampf mit dem armlangen Karpfen ein, der gewiss mehr als ein Drittel von Eftians eigenem Gewicht wog. Die dünne Tegkhra-Leine würde zweifellos halten. Aber galt das auch für die Sorkar-Rute, deren Krümmung nochmals verdächtig zugelegt hatte?
Aus den Augenwinkeln erfasste der Fischer die zierliche Gestalt, die neben ihm mit zwei schnellen Schritten in das seichte Wasser des Uferbereichs trat und die Angelleine ergriff. Der schwere Fisch sprang zappelnd aus dem träge dahinfließenden Gewässer, während der Fremde zurück zur Uferböschung lief und die Leine hinter sich her zog. Das geschah so entspannt, als würde kein riesiger Karpfen am Haken verbissen um sein Leben kämpfen. Bewegungslos und bass erstaunt sah Eftian zu, wie der weißhäutige Mann mit den goldenen Locken den Fisch scheinbar ohne Kraftaufwand unbeirrt aus dem Wasser zog. Mit einem eleganten Schwung warf er ihn dem Angler vor die Füße.
Ein kurzer Blick bestätigte Eftian, dass es sich um ein kapitales Exemplar handelte. Dann nahm er sich die Zeit, den Fremden genauer anzuschauen. Obgleich der Fischer angesichts der gelben Augen mit den schwarzen Sehschlitzen so etwas wie einen inneren Schlag verspürte, blieb er äußerlich völlig gelassen.
Eftians ausgebleichte, abgewetzte Kleidung war an etlichen Stellen nur notdürftig zusammengeflickt. Er ging barfuß, und das leicht angerostete Fischmesser, mit dem er seinen Fang tötete und ausnahm, schien sein einziger nennenswerter Besitz zu sein. In seinen dunklen Augen lag jedoch ein wacher und aufmerksamer Ausdruck.
„Bist du Eftian, der die Versammlungen der Flussfischer leitet?“, fragte der Weiße Mann.
„Ja, das bin ich“, antwortete der Fischer. „Und wer bist du?“
„Mein Name ist Dorothon“, entgegnete der Fremde mit den goldenen Locken. „Ich habe eine Bitte.“
Eftian lächelte und sah an sich herab: „Ich wüsste nicht, was ich dir geben könnte.“
„Ich befinde mich zusammen mit drei Gefährten auf der Flucht“, erklärte der Weiße Mann. „Wir mussten Sindra verlassen und sind nun hier in einem fremden Land, das uns völlig unbekannt ist. Meine Begleiter stammen aus Sindra, Borgoi und Obesien. Wir suchen nach einem Ort, an dem wir uns vorübergehend verstecken können.“
„Fische und Gastfreundschaft sind die einzigen Güter, die wir Fremden anbieten können“, erwiderte Eftian. „Die meisten von uns besitzen nichts weiter als das eigene Leben. Ist es in Gefahr, wenn wir euch verstecken?“
Dorothon sah ihn nachdenklich an.
„Ich glaube, du hast dir diese Frage schon selbst beantwortet“, orakelte er. „Wir sind auf der Flucht vor mächtigen Feinden. Falls ihr uns versteckt, und sie uns finden, ist auch euer Leben bedroht. Aber wir suchen nur für kurze Zeit einen Unterschlupf. Wir wollen herausfinden, wo der Ort liegt, der in den alten Schriften die „Brutstätte des Zorns“ genannt wird. Dort wollen wir Zuflucht und Schutz suchen. Kannst du uns helfen?“
Eftian runzelte die Stirn.
„Die armen Menschen, die die Flussniederungen besiedeln, sind keine Schriftgelehrten“, stellte er klar. „Von dem Ort, den du genannt hast, habe ich noch nie gehört. Aber ich kann mit den anderen Flussfischern besprechen, ob sie bereit sind, euch vorübergehend Gastfreundschaft zu gewähren.“
Dorothon atmete auf.
Er hatte gehört, dass Eftians Stimme großes Gewicht bei den bettelarmen Bewohnern der Niederungen hatte, die sich selbst die „freien Menschen der Flüsse“ nannten. Wenn es ihm gelang, seine Schicksalsgenossen zu überzeugen, sollte er mit seinen Begleitern und ihrer außergewöhnlichen Fracht wenigstens vorübergehend in Sicherheit sein. Die „freien Menschen der Flüsse“ lebten tief im Wald an allen fischreichen Nebenflüssen westlich des Tephral. Trotz der erheblichen Ausdehnung ihres Siedlungsgebiets hatten sie wegen ihrer Armut und der landwirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit der sumpfigen, unwegsamen Waldgebiete kaum Kontakte zur restlichen Bevölkerung Borthuls. Zumindest für eine gewisse Zeitspanne erschienen Dorothon daher die Flussniederungen westlich des Tephral ein gutes Versteck zu sein. Dennoch war er enttäuscht, dass sich seine Hoffnung, mit Eftians Hilfe die „Brutstätte des Zorns“ zu finden, zerschlagen hatte.
Der Weiße Mann führte den Flussfischer zu einem dicht bewachsenen Hügel, wo die Kutsche mit der Ovaria stand. Jalbik Gisildawain und der obesische Kutscher hatten sie zusätzlich mit Zweigen und Rankgewächsen abgedeckt.
Beim Anblick Quosimangas fuhr Eftian zusammen. Dorothon führte das darauf zurück, dass seine Söhne allein schon durch ihre ungewöhnliche Erscheinung die Menschen in Angst versetzten.
„Er wird dir nichts tun“, versprach der Replica. „Er ist mein Sohn.“
Der einfache Fischer verstand auf Anhieb die Gefühle des Vaters. „Es tut mir leid“, murmelte er. „Vielleicht liegt es daran, dass wehrlose Menschen besonders schreckhaft sind. Nicht der Anblick deines Sohnes hat diese Furcht in mir ausgelöst, sondern der Anblick seiner entsetzlichen Waffe.“
Dorothon sah Eftian forschend an. „ Ich habe keine Waffe“, stellte er fest.
Der Fischer sah betreten zu Boden. Dorothon hatte offenbar seinen Gemütszustand genauestens ergründet. Vor dem Weißen Mann fürchtete sich Eftian noch weit mehr als vor dem Bewacher der Gruft, was jedoch durch Äußerlichkeiten und Waffen nicht erklärbar war. Das gab Dorothon zu denken.
*
Scharfe Windböen pfiffen in kurzen Abständen über die Hügel von Groch. Auf dem höchsten Punkt einer dieser Erhebungen hatte der Deltong sein Pferd angehalten. Die schwarzen, langen Haare flatterten um den bleichen Kopf des Mannes mit der schwarzen Kleidung. Sein Blick richtete sich hinab zur Surdyrischen Tiefebene.
Er hatte das Gefühl, dass die Durchführung seiner Aufgaben nicht leichter geworden war. Eigentlich wunderte er sich schon darüber, dass er überhaupt etwas fühlte. Genau genommen handelte es sich aber nicht um ein Gefühl, sondern um Empfindungen etlicher Völker, die er mit dem Dunstein in sich aufgenommen hatte.
Die Verfolgung des Ritters mit der goldenen Rüstung hatte er aufgeben müssen. Nach langen Irrwegen hatte er endlich dessen Pferd aufgestöbert; der Reiter blieb jedoch verschwunden. Jetzt galt es zu entscheiden, ob ihn sein nächster Weg nach Modonos oder nach Zitaxon führen sollte. Am Fuß des Hügels gabelte sich die Straße. Bis dahin musste die Entscheidung gefallen sein.
Nun sah der Deltong auch den kleinen Punkt neben der Weggabelung: ein Mensch, der sich nicht von der Stelle rührte. Seine kalten Berechnungen verrieten dem Schwarzgekleideten, dass er erwartet wurde. Von einem Opfer. Jetzt gab es für ihn keine Gegner mehr. Er lenkte sein Pferd zum Fuß des Hügels. An der Straßengabelung stand ein Mann mit weißer Haut und goldenen Locken und sah ihm ruhig entgegen.
„Du bist zu mir gekommen, obgleich du weißt, dass ich dich beseitigen muss?“, wunderte sich der Deltong. Es waren seine allerersten Worte.
„Nachdem die Schöpfer gegangen sind, hat das Eherne Gesetz seine Bedeutung verloren“, entgegnete Tholulh. „Ich bin hier, um den letzten Befehl der Schöpfer auszuführen.“
„Was ist der letzte Befehl?“, fragte der Deltong.
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