„Er hat sie gemeuchelt,“ schrie der Kral und trat einen Schritt nach der linken Seite.
„Er hat sie alle dreissig im Kampf selbst erschlagen.“
Da trat der Kral drei Schritt weiter auf den schwarzen Gott zu.
„Was faselt der Knirps? Ein Deutscher hätte dreissig Wenden erschlagen? Drückt ihn der Plon? 1) Was willst du hier, Knabe?“
„Ich bin kein Knabe; ich bin fünfzehn Jahre alt. Aber Gero ist alt geworden. Alle Nächte kämpfen die dreissig Wenden mit ihm. Er ist in sieben frommen Klöstern gewesen, er ist nach Rom gewallfahrtet und findet doch keine Ruhe. Darum suche ich den Kral.“
„Was willst du vom Kral?“
„Ich will, dass er meinem Vater das gibt, wonach er alle Nächte seufzet: die Versöhnung mit den Wenden.“
Als die Menschen so redeten, schwiegen die Götter. Nun aber erhob sich Bely Bog, der gute Gott, und er streckte seine weissen Hände aus, die eine über Wendenland, die andere dem Lande der Deutschen zu, und hob dann die Hände über sein Haupt und wob aus Sonnenschein zwei goldene Ringe der Eintracht. Die hielt er wortlos den beiden hin.
Zwei zögernde Schritte ging der Kral auf den guten Gott zu. Aber auch der deutsche Jüngling nahm nur zögernd den Ring.
Und er sagte dabei:
„Es ist um Geros Ruhe willen!“
„Um Geros Ruhe willen, sagst du? Verabscheust du selbst die Tat nicht?“ fragte der Kral.
„Nein, Gero ist krank geworden am Gemüt. Wäre ich wie er gewesen, ich hätte in Mannentreue die Wenden erschlagen und es nie bereut.“
Da schrie der Kral auf, da stürzte er zum schwarzen Gott; da griff Zarny Bog unter seinen Steinsitz und zog eine Schlange hervor, die sich in ein Schwert verwandelte und gab das Schlangenschwert dem Kral.
Der stiess es dem Jüngling ins Herz.
„Hier steht der Kral der Wenden!“ —
Das junge Herzblut rann, die blauen Augen verblühten, und eine Knabenstimme sprach:
„Ich bin Geros einziger Sohn.“ —
Der gute Gott schlug seine weissen Hände vors Angesicht, der Zarny Bog aber wuchs wie eine schwarze Wolke zum Himmel, und der Kral lachte ein schmerzliches wildes Gelächter.
Die goldenen Ringe rollten die zwei Bergseiten hinab und sanken ins tiefste Wasser.
Gero, der Stadt und Kloster Gernrode gebaut hatte und mit müdem kranken Sinn daselbst alter Blutschuld nachhing, erfuhr von dem grausamen Tod seines Sohnes.
Oft zertritt die Göttin des Leids mit schwerem Tritt das Gewürm nagender Zweifel.
So auch hier. Gero erwachte aus langem Angsttraum, der alte Mut, der alte Hass lohte auf in seiner Brust, und sieben Tage, nachdem die Todeskunde nach Gernrode gedrungen war, rauchten im Wendenlande die ersten Trümmerhaufen.
Gero verwüstete das Land, und seine Mannen verfolgten den Kral durch die Heide, durch alle Wälder und verborgensten Winkel, über Seen und Moräste.
Und der Kral hatte weder ein Ross noch einen Kahn. Wie ein Hirsch floh er durch die Wälder, wie ein Fisch schwamm er durch den Fluss. Kam er aber an ein Wendenhaus und bat um Schutz und Einlass, dann schlossen die Leute die Tür vor ihm und jagten ihn fort, denn sie fürchteten die Rache des Markgrafen und fluchten dem Kral, um dessentwillen alles Unheil über das Land gekommen sei.
Gehetzt von den Deutschen, verraten von seinem Volk, mit zerrissenen Füssen, mit durchnässten, zerfetzten Kleidern, die Augen fieberglänzend von Anstrengung und Hunger, so brach einmal bei herandämmernder Nacht der Kral zusammen, als dreissig deutsche Reiter hinter ihm her waren.
Aber noch ehe der erste vollends herankam, brach in donnerndem Ritt ein schwarzer Reiter aus dem Gebüsch, erfasste den Kral, hob ihn auf sein Ross und ritt durch die Luft mit ihm davon.
Und der schwarze Reiter drehte das Gesicht in den Nacken und blökte den Deutschen eine lange behaarte Zunge heraus, und als er das Gesicht dem Kral wieder zuwandte, war es Morkusky, sein Begleiter aus Morgenland.
„Morkusky, du bist der Nachtjäger?“ rief der Kral entsetzt.
„Ich bin, wer ich will,“ zischte der Schwarze. „Willst du keine Gemeinschaft mit mir? Willst du es mit den Wenden oder mit den Deutschen halten?“
„Ich fluche den Wenden wie den Deutschen!“ schrie der Kral. Da lachte der Nachtjäger.
An der Spree türmte der Nachtjäger einen Berg, grub einen tiefen See rundum, liess gelbe giftige Lichter um den Uferrand erbrennen und baute in einer Nacht für den Kral auf dem Berge mitten im See ein festes Schloss.
Zum jenseitigen Ufer führten nur eine lederne Brücke und ein blukroter Kahn. Die Deutschen wollten das Schloss erstürmen, aber die meisten von ihnen gingen in einem Sumpf elend zugrunde.
Der Wendenkönig wurde nun ein Räuber. Er sammelte eine Horde verkommener Leute um sich, raubte, brannte und mordete und feierte mit seinen Spiessgesellen, mit Hexen und schlechten Weibern auf seiner Burg teuflische Feste. Weit breitete er seine Macht aus. Die Wenden plünderte und unterdrückte er, den Deutschen aber stahl er Kinder. Die Mädchen schlachtete er und frass sie auf, die Knaben steckte er in sein Räuberheer und machte sie zu Unholden. Zuletzt wurde er so schlimm wie Morkusky, sein Meister.
Und als dieser ganz zufrieden mit ihm war, verliess er ihn, um nach anderen Ländern zu reiten und dort Zwietracht zwischen die Völker zu säen; zwischen Wenden und Deutschen war Morkuskys Werk getan.
Der Kral wurde oft verfolgt von Wenden wie von Deutschen. Aber er schlug seinem Rosse die Hufe verkehrt auf, so dass er seine Verfolger täuschte. In höchster Not flüchtete er in sein Schloss, indem er über die lederne Brücke ritt, die sich hinter ihm aufrollte.
Da geschah es, dass der König einmal ein wunderholdes Mädchen raubte. Das hiess Rinetta und war zehn Jahre alt. Und es sass unter einem Fliederbaum, als er es stahl.
Während nun der Kral heimritt mit seiner jungen Beute, war eine blühende Nacht. Alle Wege grün und bunt, die Sterne so träumerisch am Himmel, der sanfte Wind wie ein heiliger, heilender Strom.
Das Kindlein weinte in des Räubers Arm, aber allgemach schlief es ein, ruhte an der Brust seines Mörders und sagte im Traum zu ihm: „Du guter Vater!“
Da sah der König erschrocken auf das Kind. Er sah es mit finsterem Auge an. Aber er sah es zweimal und dreimal, und durch die Mainacht kamen in Sternenglanz und Mondschein alte Freunde, Jugendfreunde seiner Seele — reine wundersame Gedanken. Nur weil er so versonnen war, nur weil er wie in müdem Traum durch den Wald ritt, wies er sie nicht ab.
Und er sah das Kindlein noch einmal an, wie es im Glanz des Himmelslichtes in seinem Arm lag, und wandte in Sinnen versunken langsam sein Ross und trug das Kind in das Haus seiner Eltern zurück.
Die schrien, als sie den Kral erkannten. Das erwachte Kind aber, als es sich wieder bei seinen Eltern sah, lächelte und sagte:
„O, er hat mir nichts getan; er hat mich nur ein wenig auf seinem Pferde reiten lassen.“
Da ging der Kral rasch von dannen.
Und die gute Tat ging dem Kral nach in sein böses Leben. Wohl blieb er ein wilder Räuber, aber er stahl keine Kinder mehr. Und wenn das bittere Heimweh kam, das alle bösen Herzen von Zeit zu Zeit überkommt, wenn es nicht wich bei Raubzug und Zechgelag, dann lenkte der Kral sein Ross zu dem Hause der Rinetta, die lieblicher aufblühte von Jahr zu Jahr.
Zuletzt fasste den Kral eine so verzehrende Liebe zu dem Mädchen, dass er einsam wurde und Wochen lang aus seiner Burg nicht herauskam.
Seine Spiessgesellen murrten. Viele jagte der Kral davon, andere zogen auf eigene Faust in die Fremde. Am Ende war der Kral allein, und am nächsten Tage kam Rinetta zu ihm als seine Frau. Von da an tat er keinen Raubzug mehr.
Und es geschah ein grosses Wunder im Wendenland, als Rinetta dem Kral einen Sohn schenkte. Da ward der Kral dem Lande ein gütiger Vater. Er verteilte von den ungeheuren Geldschätzen, die er gesammelt hatte, er baute Weiler und Dörfer, er wurde ein Feind und Vernichter aller Räuber, die noch im Lande waren.
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