Sie sah ihn an und musste erleben, dass sie zum ersten Mal den Blicken ihres Sohnes ausweichen wollte.
»Warum hast du das getan, Mutter?«, fragte er leise.
»Ich weiß es nicht«, meinte sie. »Das Geld, Adrian. Wir brauchen es notwendig.«
»Nein, das ist nicht wahr«, schrie Adrian auf. »Ich habe dir gesagt, dass ich nicht mehr zur Schule gehen werde, sondern Geld verdienen will.«
»Aber was soll ich jetzt tun?«
»Zur Wahrheit stehen. Dem Sägemüller reinen Wein einschenken und ihm das Geld zurückgeben. Anders ist es Betrug. Und ich will mich nicht für meine Mutter schämen müssen!«
Da senkte sie den Kopf. Innerlich gab sie ihm Recht. Ob sie aber den Mut haben würde dem Sägemüller die Wahrheit zu bekennen? Was sich dann daraus ergab, das musste sie eben auf sich nehmen.
3
Zu Hubers Geburtstagsfeier fand sich als Gast außer dem Kammerdiener Eberlein, dem Oberförster Rucker und dessen Frau auch der Sägemüller ein. Als man ihm unter den vielen Geschenken die »Birken im Sturm« zeigte, wusste er sofort, dass es sich dabei um das rechtmäßig ihm gehörende Gemälde handele, und es hätte keineswegs der Erläuterung Eberleins bedurft, das Bild stamme von dem Maler Sebald.
»So, so, vom Sebald«, sagte er und biss einer Zigarre die Spitze ab. »Ein gutes Bild, soweit ich mich darauf verstehe.«
»Das beste jedenfalls in seiner hinterlassenen Sammlung.«
»Ich möchte mir auch einmal so ein Bild zulegen. Darf man fragen, wie da ungefähr die Preise sind?«
»Ganz gesalzen«, plapperte Siegmund. »Die Frau weiß schon, was sie verlangen muss. Zweitausend zum Beispiel für dieses Bild.«
»Wenn Ihnen der Siegmund vielleicht etwas besorgen sollte«, meinte der Inspektor, »er versteht sich darauf.«
»Ja, herzlich gerne«, antwortete Siegmund eilig, in dem Gedanken, dann bald wieder im Malerhäusl vorsprechen zu können. »Übrigens eine charmante Frau.«
Kaum merklich zog der Sägemüller die Brauen zusammen. »Wer?«
»Na, die Irene halt.«
»Ach so. Möglich. Ich habe noch nicht darauf geachtet.« Der Sägemüller brach dieses Gespräch ab und wandte sich an Rucker. »Was machen die Wildschützen?«
Der Oberförster strich sich seinen grau gesprenkelten Bart. »Augenblicklich ist es etwas ruhiger. Aber es wird nicht lange dauern, dann wird es wieder an allen Ecken und Enden krachen. Wir haben einfach zu wenig Personal und das Revier ist zu groß, stößt auch an zwei Stellen an die Grenze, was sich besonders ungünstig auswirkt.«
»Merkwürdig, dass man niemals einen erwischt.«
»Sie sind zu gut organisiert. Seit der Mirisgleich den Tobler Hartl niedergestreckt hat, ist uns keiner mehr in die Hände gelaufen. – Wie werden die Holzpreise im Herbst, Antretter?«
»Ich denke, dass sie sich halten, zumal, wenn sich die Regierung entschließen könnte die Einfuhr etwas zu stoppen.«
Bald jedoch war man über diese fachlichen Gespräche hinweg. Es wurde noch recht gemütlich, aber um elf Uhr brach der Sägemüller dennoch auf.
Es war eine helle Mondnacht. Eilfertig plätscherte der Bach neben der Straße. Auf der Brücke blieb Antretter stehen und schaute zum Sternenhimmel auf. Seine Gedanken waren heute Abend, wo er wieder einmal in einem Familienkreis gewesen war, mehr als es gut tat, zu der schönen Witwe gewandert, er wurde nicht fertig damit, dass sie das Bild zum zweiten Mal verkauft hatte.
Das war doch Betrug? Trotzdem versuchte er ihr Verhalten zu entschuldigen, weil er von Irene nur Gutes denken wollte. Oft war er in den Wochen seit dem Tod des Malers zu ihr gegangen, aber noch nie hatte er eine entscheidende Aussprache herbeizuführen gewagt, obwohl er doch sonst gar nicht so vorsichtig war. Ja, eigentlich konnte ihr Schwindel mit dem Gemälde ihm doch nur recht sein, denn dadurch hatte sie sich doch irgendwie in seine Hand gegeben, sodass er aus der Situation letzten Endes sogar noch etwas herausschlagen konnte!
Mit diesem Gedanken legte er das letzte Stück Weges bis zum Sägewerk zurück und wollte gerade den Schlüssel in die Haustür stecken, als er einen leisen Pfiff vernahm. Er ging nochmals auf den Hof zurück, wo sich hinter einem Bretterstapel eine Gestalt löste und auf ihn zuging.
Anton Antretter zerrte diese Gestalt sofort wieder in den Schatten.
»Bist du verrückt – bei dem hellen Mondlicht? Was gibt’s?«
»Zwei Hirsche und drei Rehböcke müssen morgen Nacht weggebracht werden.«
»Ja – und?«
»Der Gschwendner Martl macht nicht weiter mit, wenn nicht mehr bezahlt wird, sagt er.«
»Der Gschwendner soll den Mund nicht so voll nehmen, sagst du ihm. Am Sonntagnachmittag komm ich gegen drei Uhr zur Grandlalm, dann sprechen wir weiter. Sonst noch was?«
»Auf der letzten Fahrt, sagt der Martl, ist er kontrolliert worden und da hätten ihn die Polizisten scharf ins Verhör genommen, woher das Blut im Wagen käm.«
»So ein Hornochs. Kann er nicht Stroh genug mitnehmen? Wie Anfänger stellt ihr euch manchmal an. Aber es ist gut, dass ich Bescheid weiß.«
Die Gestalt verschwand jetzt hinter der Sägehalle und Anton Antretter betrat sein Haus.
Als Adrian Sebald am nächsten Sonntag kurz nach zehn Uhr vor dem schmiedeeisernen Tor des Schlossparkes stand, klopfte ihm doch das Herz ein wenig. Durch die kleine Seitenpforte trat er ein. Uralte, hohe Bäume säumten den Weg, bis er zu einem weiten, fein besandeten Platz kam, den Blumenbeete und zwei plätschernde Fontänen zierten. Das feine Geriesel ihrer Tropfen fiel wie silberner Staub in die Kronen der Büsche.
Wie oft hatte er hier als Kind mit Isabella gespielt! Ob sie wohl hier war? Wie mochte sie jetzt nach den Jahren aussehen, die sie beide sich nicht gesehen hatten?
Nachdenklich betrachtete er das Schloss. Warum konnte er jetzt nicht mehr wie einst unbekümmert hineingehen und nach Isabella fragen? Was hatte sich geändert?
Nun, zunächst einmal, dass er heute als Bittsteller kam, nicht als Spielgefährte. Er wandte sich zu dem Eingang im rechten Seitenflügel, wo sich die Kanzlei des Oberförsters befand.
Als Adrian nach kurzem Klopfen eintrat, hob Rucker den Kopf. Er erkannte den jungen Menschen nicht und fragte darum kurz angebunden:
»Was willst du?«
»Ich wollte fragen, ob die Möglichkeit besteht, dass ich hier in den Forstdienst eintreten könnte.«
Rucker fuhr mit dem Kopf herum und maß den Bittsteller aus zusammengekniffenen Augen.
»Forstdienst? Was heißt hier Forstdienst! Holzfällerarbeiten sind auch Dienst am Forst. Dazu aber sind mir deine Hände zu fein.«
»Ich möchte die Forstlaufbahn einschlagen und Jäger werden.«
»Aha. Jäger werden. Weiter nichts! Wer bist du denn eigentlich?«
»Adrian Sebald ist mein Name. Mein Vater ist der verstorbene Maler Sebald.«
Der Förster schloss ein Fach seines Schreibtisches und raunzte dann: »Warum sagst du das nicht gleich? So, so, der Sebald war dein Vater. Mag ein guter Maler gewesen sein, ich verstehe zu wenig davon. Aber Jäger war er einer, dass Gott erbarm. War einmal zur Treibjagd eingeladen. Wenn du auf diesem Gebiet in seine Fußstapfen trittst, dann lass die Idee vom Jägerwerden nur gleich ins Wasser fallen.«
Adrian lächelte und dachte an seinen Vater.
»Ich glaube, Herr Oberförster, dass man alles erlernen kann, wenn man den guten Willen dazu mitbringt.«
»Sehr richtig. Was hast du bisher gelernt?«
»Ich bin noch zur Schule gegangen, Biologie und Physik waren meine Lieblingsfächer!«
»Biologie ist gut. Wie alt bist du eigentlich?«
»Neunzehn. Im Übrigen war es ja nur eine Frage. Wenn es nicht geht, muss ich mich nach etwas anderem umsehen. Auf alle Fälle kann ich jetzt nicht weiterstudieren, sondern muss verdienen.«
Oberförster Rucker gefiel die offene und gerade Art des jungen Menschen immer mehr. Jetzt erst schob er ihm einen Stuhl hin.
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