»Komm her, Adrian, ich muss mit dir reden«, sagte die Mutter.
Die Heftigkeit des Gesprächs zitterte noch in ihr nach. Es war die verletzende Art Goliaths, die ihren Gemütszustand auf jenen Grad völliger Erschöpfung herabgedrückt hatte, dass sie vorerst die Worte nicht so zu setzen vermochte, wie sie es gewünscht hätte um dem Sohn auf leichte Art begreiflich zu machen, dass das Ansinnen des Onkels nichts anderes war als ein Glied in der Reihe jener Demütigungen, die seit Jahren von ihm ausgegangen waren. Darum schwieg sie eine Weile, hielt nur seine schmalen Hände in den ihren und fühlte sich getröstet dadurch, dass dieser Sohn nun fortan die Leere in ihrem Leben ausfüllen solle.
Dann sprach sie, ließ Adrian Dinge wissen, die bisher nie vor ihm zur Sprache gekommen waren, und endete da, wo Onkel Goliath den Versuch gemacht hatte den Jungen zu sich hinüberzuziehen.
Bei diesem Gespräch wurde ihr plötzlich klar, dass Adrian kein Kind mehr war. In eindeutiger Weise nahm er Stellung zu den Ansichten des Onkels und deutete auch beiläufig an, dass sich das Leben von nun an wohl etwas ändern würde.«
»Was denkst du, was ich werden soll, Mutter?«
»Bis jetzt waren Vater und ich immer der Meinung, du solltest die Beamtenlaufbahn einschlagen.«
»Das ist ein weiter Begriff, Mutter. Und es wird ja auch von jetzt an davon abhängen, wovon wir leben, bis ich selber etwas verdiene.«
»Wir werden schon durchkommen, Adrian. Wir wollen uns heute nicht das Herz damit beschweren.«
»Wenn alle Stricke reißen, zu einem Bauernknecht reicht es immer noch.«
Das war leichthin, wie im Spaß gesagt, Adrian spann den Gedanken weiter und er dachte, dass diese Arbeit noch lange nicht die schlechteste sei.
Ganz still saßen sie auf der kleinen Terrasse. Der Abend schien tausendfach nachholen zu wollen, was der Tag versäumt hatte. Die Sonne war über die höchsten Gipfel schon hinuntergesunken, nun lachte sie zwischen einem Bergspalt hervor und gab dem ganzen Tal ein glühendes Gepräge. Alles leuchtete noch mal auf. Über dem Park von Siebenzell zitterten rote Schleier. Aus den Fenstern des Schlosses strömte es wie Feuer heraus und gab dem Laub des alten Ulmenparkes schillernden Glanz. Es war schön und tröstlich zugleich, diese Stunde noch zu genießen, bevor aller Glanz erlosch und die Nacht ihren Mantel über das Dorf breitete. Da und dort wurde ein Licht in den Stuben entzündet, Sterne glühten auf, flimmerten ein wenig und brannten dann ruhig als verklärtes Licht.
Irene hatte schweigend dem Übergang von der Dämmerung zur Nacht zugeschaut.
»Wollen wir schlafen gehen, Adrian?«
Sie standen auf. Das Licht im Haus erlosch. Es wurde still, nur das Rauschen der Bäume wurde lauter. Später kam dann wie jeden Abend die Mutter noch an Adrians Bett. Aber heute war etwas anders. Die Verlassenheit gab ihrem Gutenachtkuss eine tiefere Zärtlichkeit. Über dieses Gutenachtsagen blieb ihr Gesicht noch eine Weile neben dem seinen in den Kissen ruhen. Dann ging sie wieder hinaus und griff an den Lichtschalter.
Nun kroch die Nacht über den Jungen und legte sich schwer auf seine Seele. Aus der Dunkelheit heraus sah er den Vater auf sich zukommen, er hörte seine Stimme und wollte, wie so oft, eingehüllt sein von der Geborgenheit des Vaters. Doch nichts mehr geschah. Weder der schwere Schritt auf der Stiege noch das leise Niederdrücken der Türklinke. Es gab keinen Weg zurück aus dem Abgrund der Ewigkeit.
2
Der erste Schmerz war überwunden. Es ist merkwürdig, wie schon wenige Wochen alles lindern können. Irene hatte am Anfang die schwarze Kleidung aus wirklicher Trauer getragen und nun findet sie, dass sie zu ihrem aschblonden Haar gut passt. Das Gesicht des Mannes, das zwanzig Jahre um sie gewesen ist, verblasst ein wenig. Natürlich wusste sie, wie Felix ausgesehen hatte. Aber sein Gesicht und seine Statur hätten auch anders sein können. Schlanker vielleicht und kraftvoller. So wie der Sägewerksbesitzer Anton Antretter, der vor kurzem seine Frau verloren hatten, die jahrelang krank gewesen war.
Auch etwas umsichtiger hätte der gute Felix sein dürfen, nicht so künstlerhaft leichtfertig, dass Irene trotz allen eifrigen Suchens nichts unter den vielen Papieren finden konnte, das der Police einer Lebensversicherung gleichgesehen hätte, die ihr nun eine beträchtliche Geldsumme ausbezahlen müsste.
Nein, es war nicht schön von ihm gewesen, denn Felix hätte ja bedenken müssen, dass nach ihm das Leben für die Seinen weitergeht. Warum hatte der Mann nicht vorgesorgt? Gewiss, er hatte immer so viel verdient, als man brauchte, aber nun war er nicht mehr da und brachte nichts mehr her.
Wenn wenigstens der Sägemüller sein Bild bezahlen würde! Aber gerade vor zwei Tagen hatte er sagen lassen, dass er bereit wäre für das Gemälde Brennholz zu liefern. Und weil Irene aus einer falschen Scham heraus nicht den Mut fand zu sagen, dass ihr damit jetzt nicht gedient sei, sondern dass sie Geld brauche, weil ja die Beerdingung doch allerhand gekostet habe, darum hatte der Sägemüller gestern drei Klafter Scheitholz anfahren lassen.
Drei Tage später kam er selber vorbei und fragte, ob sie mit dem Gelieferten zufrieden sei.
»Ja, sehr«, antwortete Irene. »Und es ist ganz gut, dass Sie da sind, dann können wir das gleich in Ordnung bringen. Das Bild nehmen Sie doch noch?«
»Ja, natürlich. Das Brennholz ist ja weiter nichts als eine kleine Abschlagszahlung.« Das Bild sei ihm immer noch etwas wert. Nein, nein, nur keine falsche Bescheidenheit. Ob sie denn glaube, dass er etwa nichts von Kunst verstünde? Das Bild, er habe schon darüber nachgedacht, sei sicher mehr wert, als der Sebald ihm dafür hatte berechnen wollen.
Das tat gut. Es war ein tröstlicher Nachgesang auf die Kunst des Verstorbenen und es gab durchaus keinen Grund zu zweifeln, dass der Sägemüller über sie etwas anders dachte als der Goliath. Wie er schon dastand, groß und schlank, kein grauer Faden in seinem dunklen Haar, das Gesicht rot und gesund. Er trug statt der üblichen kurzen Lederhose eine lange aus Hirschleder, unter den Knien zusammengebunden, dazu graue Wadenstrümpfe und Schuhe mit Silberschnallen.
Jawohl, Silberschnallen am hellen Werktag! Sonnenumflossen stand er am Gartenzaun, Daumen und Zeigefinger zwischen die oberen Knöpfe seiner Weste geschoben. Am dritten Finger trug er einen schweren Siegelring, auf dessen breiter Platte der heilige Christophorus, mit dem Jesuskind auf der Schulter, eingestanzt war. Freundlichkeit und Entgegenkommen der ganze Mann, von den Silberschnallen der Schuhe bis hinauf zu dem grünen Plüschhut mit der kurzen Spielhahnfeder. Es ließ sich nicht gut umgehen, dass Irene ihn zu einer Tasse Kaffee einlud.
Anton Antretter sah auf seine Uhr, als müsse er nachsehen, ob er dafür Zeit habe. Unnachahmlich seine Gebärde, wie er den goldenen Deckel aufspringen ließ und dann die Uhr wieder einsteckte!
»Gern, ich habe noch etwas Zeit.« Langsam stieg er die Stufen durch den Blumengarten hinauf, blieb dann noch mal stehen und sagte: »Sie müssten eigentlich hier noch ein paar Zimmer anbauen. Das Bauholz könnte ich Ihnen billig liefern und das andere spielt bei Ihnen sowieso keine Rolle.«
»Wie bitte?«
»Ich meine, das geht in einem hin. Wollten Sie nicht auch einen Wintergarten anbauen? Ich glaube, Ihr Mann hat einmal davon gesprochen. Warum auch nicht? Mit schönen Steinfliesen, das macht sich gut. Wenn schon, denn schon.«
Irene plapperte es mit einem leichten Unterton von Spott nach: »Ja, wenn schon, denn schon.«
Eigentlich war es ja schön, mit einem Ruck auf die Stufe hinaufgehoben zu werden, von der aus man die Nichtigkeit des Lebens ein wenig anders ansah. Es war aber ihre unbedingte Ehrlichkeit, die sie sagen ließ: »So reich sind wir ja nun auch wieder nicht, wie Sie denken.«
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