Warum nicht.
Und die kleine Witwe schliesst die Augen und sieht ein Bild im Traum — immer dasselbe, — einen flotten Jagdhut ... mit einem Strauss Kornblumen, ein blondes Schnurrbärtchen über heissen Lippen und ein paar Augen ...
Sie wartet auf ihn. — Sie wartet ja schon so lange auf einen Siegfried, der im tiefen Waldesweben ein Weib sucht, als Retter durch wabernde Lohe zu ihr zu dringen, allen Drachen und Steinen im Weg zum Trotz.
Eine Uhr schlägt.
Sie richtet sich jäh auf, tritt vor den Spiegel, und schmückt sich, — für wen? Für ihn? „Wie sich ein bräutlich Weib für seinen Mann schmückt!“ zieht es heimlich durch ihren Sinn.
Da errötet sie und erschrickt über sich selbst. Wie gut, dass Gedanken zollfrei sind.
Wer würde in dieser Stunde die ruhige, gelassene Frau wiedererkennen, die allen andern Männern auf Erden so kühl blieb, — kühl bis ans Herz hinan.
Ob er kommt?
Sie fürchtet sich vor der Enttäuschung.
Das Hotel an den Falkenklippen hat auf Vorherbestellung ein Zimmer für den Forstmeister Zarrentin bereitgehalten. Er hat auch seine Post nach dort bestellt. Ausser Zeitungen ist nur ein eingeschriebener Brief für ihn eingetroffen, der im Schreibtisch des Wirtes für ihn bereitliegt.
Der erwartete Gast ist auch präzise eingetroffen.
Er hat erst einen Imbiss genommen und hat alsdann nach dem Telephon gefragt. Der gefürchtete Regen ist ausgeblieben, eine himmlisch warme Sommernacht hält sowohl die Logiergäste wie Touristen und Bedienung im Freien, wo die Lichter unter den dunklen Tannen angesteckt werden und die Leute nach den nahen Waldwiesen pilgern, wo Millionen von Glühwürmchen schwirren.
Jürgen Zarrentin meldet das Kurhaus in W. an.
Es meldet sich bald.
„Sie, Herr Oberkellner?“
„Nicht hier, alle Bedienung ist auf der Veranda; ich bin das Zimmermädchen Hulda!“
„Um so besser. Sagen Sie mal, mein Fräulein, wer wohnt in dem grossen Balkonzimmer, erste Etage, nach der Strasse hinaus?“
„Verzeihen, einen Augenblick, ich will mal nachsehen! Ich bin nämlich erst seit gestern hier und weiss die Zahlen noch nicht im Kopf!“
„Bitte!“
Nach wenigen Augenblicken flötet Fräulein Hulda: „Sind Sie noch da, mein Herr?“
„Jawohl! Zur Stelle. — Na, wer ist’s?“
Die „Neue“ hat im Eifer vergessen, dass zwei Strassen neben dem Kurhaus zusammentreffen, und da sie für gewöhnlich den Seitenflügel mit Ausblick auf die Talstrasse hat, so richtete sie ihr Augenmerk einzig auf diese.
„Es ist Nummer 36! Da wohnt ein Herr Fabrikdirektor Langermann nebst Gattin!“
„Sooo!“ Das klingt sehr gedehnt. „Ist die Dame heute nachmittag ausgefahren?“
Das weiss Hulda zwar nicht genau, aber sie ist wenig skrupellös und antwortet so auf gut Glück: „Ja, die ist mit ein paar andern ins Gebirge hinein! Der Herr musste für zwei Tage nach R., da soll er sich mit dem Sozius treffen!“
„Danke schön, Fräulein!“
„Soll ich vielleicht was bestellen?“
„Nicht nötig. Ich habe mich geirrt.“
Und recht nachdenklich, den Kopf so tief geneigt, wie dies sonst gar nicht bei dem lebhaften, urwüchsigen Mann der Fall ist, schreitet er nach seinem Zimmer.
Ein Brief vom Onkel.
Sicherlich wieder derselbe Spektakel wie immer.
Er ist so gar nicht in der Stimmung, auch noch andern Ärger zu schlucken.
Ärgert er sich denn auch?
Komisch! Warum denn?
Vorhin war er doch noch so fidel und guter Dinge, als hinge ihm der ganze Himmel voller Bassgeigen! „Und der Flieder blüht in den Zweigen und der Himmel hängt voll Geigen!“
Blödsinn. — Albernes Lied.
Der Flieder hat längst abgeblüht und der Himmel sieht so dunkel und bedeckt aus, als gebe es doch noch Regen.
Die Mücken stechen auch so unverschämt. Das ist ein sicheres Zeichen.
Er setzt sich an das offene Fenster, ohne das Elektrische anzuknipsen, — das lockt nur das Geschmeiss herein.
Ausserdem möchte er noch mit seinen Gedanken allein sein.
Er ist so missgestimmt. — Ganz plötzlich.
Soll auch einer sein!
Den ganzen Tag während seiner Wanderung hat er an das reizende kleine Weib mit den schelmischen Glutaugen und den entzückenden weissen Händen gedacht.
Endlich mal eine, die ihm gefiel.
Ging so lustig auf seinen kecken Scherz ein, als Zeichen dafür, dass sie gescheit ist, und Spass versteht, was man nicht allzuoft findet! Und dann so hübsch, so rund und mollig, was er, der Formen-Enthusiast, besonders schätzt, und schick und elegant, mit einer so sympathischen Stimme. — Wie ein Student hat er Feuer gefangen. Den ganzen Weg über nachgedacht, wie das wohl klingen muss, wenn man so ein reizendes Frauenzimmerchen im Arme hält und sie lacht einem mit ihren schwellenden Lippen ins Herz hinein: „Ich habe dich lieb!“
Nur vier Worte! und schliessen doch alle Himmelsseligkeiten in sich ein!
Und wie er sie dann so plötzlich wiedersah ... und wie das ulkige Spiel von neuem anhub ... und wie ihr Gesichtchen so nah dem seinen war, als er sich über sie neigte und sie zu ihm aufschaute — und das elegante Frou-Frou rauschenden Seidenfutters, als sie so erschreckt das Kleid zusammenraffte, es vor der brennenden Schwedenschachtel zu retten ... und der ganz feine, süsse, zarte Duft, den selbst ihre Handschuhe aushauchten, als sie ihm die Zigarette zurückreichte!
Am liebsten hätte er sie sich von ihr in den Mund stecken lassen.
Ja, da hatte er momentan wirklich an Zeichen und Wunder geglaubt, an das schöne Wahrwort, dass die Ehen im Himmel geschlossen werden!
Und nun?
Kann es ihn wundern?
Nicht er allein hat Augen im Kopfe, ein heisses Herz und guten Geschmack, und wer zuerst kommt, mahlt zuerst, und wer die Braut hat, der ist der Bräutigam! Langsam streicht er mit der schlanken Rechten über die Stirn.
„Wenn du also ein anständiger Kerl bist, Jürgen, dann gönnst du Herrn Langermann neidlos sein Glück. ... totschlagen könnte ich den Halunken! — Es ist doch ein verteufelt schweres Ding mit dem neidlosen Gönnen! — Aber was hilft es! — Wenn das entzückende Weib noch zu haben gewesen wäre, dann hätte ich ihr heute nacht ein Ständchen auf dem Waldhorn gebracht — natürlich die „Liebeserklärung“ oder „Du mein und ich allein?“
Aber der Frau Fabrikant Langermann?
Na, in Gedanken stehe ich wieder unter der Loggia und sende noch einen Gruss hinauf: „Behüt’ dich Gott, es wär so schön gewesen, behüt’ dich Gott, es hat nicht sollen sein!“
Und dann ein leises, wehmütiges Halali ...
Er springt auf und schlägt nach den eigenen Gedanken wie nach lästigem Mückenschwarm, tritt seitwärts und entflammt das Licht.
Dann bricht er an Onkels Brief das grosse Siegel. Eigentlich gehörte noch der Fingerabdruck darauf, so altmodisch berührt das Wappen! Ein eiserner Ring im goldenen Feld! Der mutet so uralt an, wie ein Ritterschlag aus der Ewigkeit! Dann klappt er das steife Briefpapier auseinander.
„Mein lieber, braver Patenjunge!
Habe Deinen Tintenguss erhalten. Na ja, freut mich, dass Du Dich über Deine Erbschaft gefreut hast. Bekommst also dieses Saunest von Oberkieferndorf. Habe keine Lust, mir Gallensteine anzuärgern. Die Sache mit dem alten Kamel wird ja immer toller. Also, warum noch das lange Federlesen! Als Deine Mutter heiratete, sagte ich ihr: ‚Mein liebes Klärchen‘, sagte ich, ‚wenn Du mal mehrere Jungen kriegst, dann adoptiere ich einen davon, denn Du kennst meinen bibelfesten Grundsatz: freien ist gut, nicht freien ist besser.‘ Ergo! Du warst und bliebst der einzige, Dein Vater ist tot, Klärchen weinte sich zu ihm ins Grab, na, da blieben wir beiden zusammen. Nun macht mir das Landwirtspielen keinen Spass mehr. Aber dem infamen Racker von nebenan, dem frechen Weibsstück, weiche ich denn doch nicht ... Offiziell mache ich eine Reise um die Welt und Du hältst solange hier Haus. In der Residenz treffen wir uns, da bringen wir alles Schriftliche und Geschäftliche in Ordnung. Halte nun dem Klärchen Wort und mache Dich zu meinem Sohn. Weisst Du, Jürgen, solange wie die kleine Kröte von nebenan nur zischte und Gift spritzte, da amüsierte mich die Chose! Da wurde ich auch fuchsteufelswild und setzte meinen Dickkopf auf! Wenn der Ober- und der Unterkiefer zusammenklappen, dann ist der Biss fertig, na und so haben wir denn bis jetzt gründlich hin und hergebissen. Aber weisst Du, wenn sie jetzt anfängt, ... na, hör’ mal zu. Wir beiden Alten hassen uns bis in den Tod, also spielt die Fehde selbst bis in die Kirche hinüber. Frau Dorothees Unverschämtheit, auf meinen schönen Gesang mit ein paar zentnerschweren Ohrenpfroppen zu antworten, kennst Du. Gestern sitzen wir nun wieder wie der österreichische Doppeladler, Rückfront contra Rückfront in dem Kirchenstuhl. Den Kandidate muss ja der Deuwel reiten, denn er erzählt mit Nachdruck von dem braven Martin Luther, der immer versöhnlich wirken wollte — — versöhnlich! Wie findest Du das? War natürlich nur ein Seitenhieb auf den Ober- und Unterkiefer, sozusagen, Maulschelle!‘ und zitiert seinen Katechismus: ‚Gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen!‘
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