Frau zur Medden verstand es aber falsch, erachtete es als unerhörte Nichtachtung ihrer sonst so ehrengeachteten und reputierlichen Persönlichkeit und schnellte ihren Stuhl nun gleichfalls mit solchem Knalleffekt zur Seite, dass es dumpfen Widerhall in allen Herzen — hie Welf, hie Weibling! — hervorrief.
Da sassen sich die beiden Kampfhähne nun dos à dos — beide mit zorngeröteten Gesichtern, und die Stühle blieben auch in derselben Grundstellung, gleichviel, ob des Kirchendieners milde Hand sie vor jedem Sonntagmorgen in Reih’ und Glied rückte.
Herr von Vernes Mannesehre verlangte es, dem albernen Frauenzimmer zu zeigen, dass ihm solch ein Benehmen total piepe sei und er sich nicht im mindesten um ihre Ungnade geniere.
Er fühlte sich in sicherem Recht, und darum hielt er das Gesangbuch wie einen feurigen Harnisch, der ihn wappnete, und sang mit seiner furchtbar dröhnenden Kommandostimme, gegen die die Posaunen von Jericho nur lispelten, alle Verse mit.
Der Knabenchor neben der Orgel schien bescheiden vor ihm zu verstummen, und Frau Dorothea fuhr herum wie von der Tarantel gestochen und legte alle Entrüstung über solchen ruhestörenden Lärm in ihre bewegliche, spitze, kleine Visage.
Den Oberst störte es nicht.
„Wem mein Gesang nicht gefällt, der kann ja zu Hause bleiben!“ sagte er lakonisch zu Christiansen, als sie neben Schneider durch die Kirchtür schritten.
Oha! Das hätten sich die Unterkieferndorfer gerade gefallen lassen, dass man sie womöglich noch aus dem Himmel herausbekomplimentieren wollte!
Am nächsten Sonntag hob Frau Dorothea sehr auffällig ihr Handtäschchen und entnahm ihm, nach gutem Taxatum der Gegenübersitzenden, mindestens ein Viertelpfund Watte, um sie als kolossale Pfropfen in die Ohren zu stopfen.
Der weibliche Teil der Bewohner von Unterkieferndorf tat mit scharfem Ruck das gleiche, und der Kanzelredner hatte an jenem Tag mit viel zerstreuten Zuhörern zu rechnen.
Als die Schwiegermama mit wahrem Zetergeschrei der Entrüstung an Frau Christel darüber schrieb, schlug diese nur wie in stummer Anklage wider solche Unbegreiflichkeiten die Hände zusammen und lachte: „Wenn Dorchen mich nur mal einladen wollte! Solch ‚Vielen Lärm um nichts‘ würde ich mir ja liebendgern mal ansehen! Heiliger Lord Begon, alias Shakespeare — in Unterkieferndorf hättest du noch einen Nachtrag zu obigem Lustspiel schreiben können!“
Und dann teilte ihr die verzweifelnde Schwiegermama in jedem Briefe mit, dass sie derart leibliche und seelische Folterqualen in ihrer Erdenhölle erdulden müsse, dass sie ernstlich daran denke, ihr Testament zu machen.
Von Tag zu Tag erhielt dieses wohl neue Kodizills und Verschärfungen, denn es war ja hahnebüchen, wie grausig der Kampf um einen Eierkuchen tobte! Zuerst taten sich die Inspektoren alles an, was das Leben, Aussaat und Ernte vergällen konnte.
Sie hetzten sich gegenseitig die Arbeiter weg, straften es nicht, wenn sich die Feindseligkeiten auch auf Knechte und Mägde erstreckten und anfänglicher Schabernack und Nichtsnutzigkeiten bald zu folgeschweren Bosheiten auswuchsen. Persönliche Missstimmungen kamen noch dazu, Neid und Eifersucht, und so wurde das Dasein für die Ober- und Unterkieferndorfer tatsächlich bald zur Qual!
Das Ende von dieser langen Kette hielt Frau Christel soeben kopfschüttelnd in Händen.
Die Schwiegermama hatte ihr das schöne und einträgliche Gut geschenkt.
Das war ja zum Jauchzen!
Weit entfernt, solchen Klatsch und Tratsch ernst zu nehmen, war sie viel zu klug, zu energisch und zu liebenswürdig, um als gute Reiterin vor der Mauer, der Hecke und dem Graben haltzumachen.
Ein Salto mortale — und hopp! sind wir drüber! — dachte sie.
Und als passionierte Jägerin die Flinte ins Korn werfen, anstatt noch auf den vielumstrittenen Prachthirsch den Meisterschuss zu tun?
Nein! — ad infinitum nicht!
Sie musste wieder an den flotten, eleganten, famos schneidigen Jägersmann mit dem Kornblumenstrauss auf dem Hut und den blühenden Solitair an der Brust denken, der ihr so keck und siegesbewusst sein „Halali“! entgegentriumphierte!
Heute hatte ein Weidmann sie besiegt, obwohl naturgemäss das Wasser das Feuer löschen musste!
Wenn sie aber ihr treues, altes Gewehrchen in Händen hält, gut und wohl vorbereitet zielt und dann Feuer gibt, dann ist es im Unterkieferndorfer Buchholz wohl an ihr, das „Halali“! dem Rivalen zu verkünden!
Seltsam!
Zu jeder andern Stunde hätte es sie wohl namenlos erregt, Besitzerin von einem so lang und heiss ersehnten Grund und Boden zu werden, — dann hätte sie sich wohl, alles andere beiseitelassend, „in das Tintenfass gestürzt“, um Frau Dorothea eiligst ihr schriftliches grosses und kleines Ehrenwort an Eidesstatt zu geben, dass sie ihr generöses Geschenk unter allen Umständen und unwiderruflich annehme!
Und jetzt?
Sie schliesst die schwerwiegende Urkunde der Schwiegermutter in ihre Schreibmappe und wirft sich in einen Sessel zurück.
Die Arme verschränkt sie hinter dem Kopf und blickt mit grossen, verträumten Augen in die tiefer und tiefer sinkenden Schatten des Waldes hinaus.
Nach Unterkieferndorf?
Nein, — seltsamerweise nein.
Warum denkt sie eigentlich noch an den kühnen Bettler, der für seinen Hut um ein duftiges Almosen bat?
„Waghälslein, Frechliebster, ich kenn’ dich!“ — lässt Scheffel die Frau Aventiure sagen.
Nein, sie kennt ihn nicht.
Das ist’s ja!
Sie möchte so gern wissen, wie er heisst ... „Wie seine Art und woher der Fahrt.“
Eigentlich war die Zumutung an Elsa von Brabant doch ein wenig stark, einen ritterlichen Verehrer, der sogar als Freier erschien, nicht nach seinen Legitimationspapieren fragen zu dürfen! Sonst hat sie, roh und lieblos, die arme, zu solch unerträglichem Schweigen verurteilte Königstochter kaum bedauert, heute fühlt sie plötzlich die wärmsten Sympathien für sie.
Leidensgenossinnen!
Blödsinn!
Ist sie denn verrückt geworden?
„Seine hohe Gestalt, sein edler Gang — seines Mundes Lächeln — seiner Augen Gewalt ...“ — tatsächlich, als wäre es auf ihren Jägersmann gedichtet!
Ihren? — — Nun schlägt’s zwölfe! Bist du von Sinnen Frau Christel, an deinen Jägersmann zu denken?
Vielleicht ist er längst verheiratet.
So eine Gemeinheit.
Wenn endlich mal einer kommt, der so hübsch ist, so ganz ihrem Geschmack entspricht, und dann verheiratet?
Wenn man es näher betrachtet, hat er sie eigentlich nur verhohnepiepelt!
So wie sie ihn zuerst!
Wurst wieder Wurst!
Anscheinend hatte er sie beobachtet, und in seinen Augen, da blitzte so etwas ... so ... wie soll sie es nur ausdrücken?
Einen Telephonfunken kann man auch nicht sehen, und plötzlich klingelt er an.
Na ja, — Telephondrähte hatte der Kerl in den Augen, — seltsam ... mit vorzüglichem Anschluss an die ihren!
Stracks in die seinen hineinsehen musste sie.
Blau, — blaue Augen.
Aber nicht etwa so verwässert und nichtssagend wie Vergissmeinnicht in Milch gekocht, — nein, Augen, in denen ein Himmel liegt — und die trotz ihrer so viel tieferen Färbung ein sehr deutliches „vergiss ... mein ... nicht!“ sagen.
Um alles nicht!
Wie sollte sie ihn denn vergessen? Dazu war die Begegnung viel zu originell und ... eindrucksvoll!
Auf sie! — Auch auf ihn?
O Torheit, dein Name ist Weib! würde Shakespeare staunend den klugen Kopf schütteln.
Wie kann sie sich so etwas einbilden!
Was einem Weib das ganze Leben füllt, ist für den Mann oft nur eine Episode!
Er wanderte als Tourist.
Wo er wohl die Nacht bleiben wird?
Vielleicht kommt er hierher zurück.
Wenn er noch an sie denkt ... wenn er sich dafür interessiert, wer sie ist?
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