Er hat eben wieder einmal Molly Reeve erwischt und schwingt sich mit ihr, als sein Blick auf Piet Keulen fällt, der eben eingetreten ist und düster in die lärmende Fröhlichkeit blickt. So bedrückt und niedergeschlagen, fast verzweifelt sieht Piet aus, daß Hans Balck jäh seine Tänzerin losläßt und auf den Freund zugeht.
„Mensch, was machst du denn für’n Gesicht! Ist was passiert?“
Die Musikanten setzen ihre Instrumennte ab, wischen sich den Schweiß von der Stirn und werfen dankbare Blicke auf Piet Keulen, aber er sieht sie nicht. Er schüttelt auf Hans Balcks Frage nur den Kopf und seufzt aus kummervollem Herzen. Hans packt ihn am Arm.
„Schieß los, Piet! Was wollte der Alte von dir? Du bist doch nicht am Ende — entlassen?“
„Schlimmer, Hans! Tausendmal schlimmer!“
„Nanu?“ Hans zieht den Freund mit sich in eine Ecke und drückt ihn auf einen Stuhl. „Erst mal einen Whisky, mein Junge! So! Nicht so zaghaft! Runter mit dem Gift! Und nun erzähl gefälligst!“
Das scharfe Getränk scheint Piets Lebensgeister wirklich ein wenig aufzufrischen. Er faßt die Hand seines Freundes und neigt sich flüsternd über den Tisch.
„Weißt du, wer den „Stern von Südafrika“ übers Meer bringen soll, Hans?“
„Nee.“ Hans Balck blinzelt ein wenig verwundert. „Keine Ahnung.“
„Ich“, sagt Piet Keulen mit Grabesstimme. „Ich bin der Unglückliche.“
„Mach keinen Quatsch, Piet! Du?“
„Leider, leider. Hör zu, Hans, und bemitleide mich. Ich bin der Kurier. Der Alte hat mich nur rufen lassen, um mir das mitzuteilen und mir das versiegelte Päckchen zu übergeben. Ich reise mit der „Köln“ von Port Elizabeth aus.“
Hans Balck pfeift durch die Zähne und betrachtet den Kleinen nachdenklich. „Na und?“ sagt er gedehnt. „Darum brauchst du doch nicht so ne Jammermiene aufzusetzen.“
„Bei meinem Pech, Hans!“ Piet Keulen schluckt schwer. „Mein Todesurteil ist gesprochen. Verlaß dich drauf, ich werde unterwegs ermordet, erschossen, über Bord geworfen, erdolcht. Und wenn ich schon lebend nach Amsterdam kommen sollte, dann bestimmt ohne den Diamanten. Möchte wissen, welcher unselige Dämon dem Alten eingegeben hat, grade mich zum Kurier zu bestimmen!“
Hans Balck betrachtet mitleidig das verstörte Gesicht des Freundes. Ein Feigling ist Piet Keulen keineswegs, er leidet nur an einem unausrottbaren Minderwertigkeitskomplex. Vielleicht weil er so klein und schmächtig ist. Außerdem aber ist er ein kreuzbraver, großartiger Kamerad. Hans Balck und Piet Keulen haben schon manchen Sturm zusammen erlebt und immer kräftig an einem Strang gezogen in den vier Jahren, die sie nun schon Arbeitsgenossen und Freunde sind.
„Du machst dir unnötige Kopfschmerzen, mein guter Junge“, sagt Hans Balck ruhig und gießt vorsorglich dem Freund einen neuen Whisky ein. „Du weißt doch, sie schicken immer mehrere Kuriere ab, wenn ein wertvoller Stein fortgebracht werden soll. Wer sagt dir denn, das gerade du den „Stern von Südafrika“ in deinem Päckchen hast?“
Piet Keulen schüttelt trostlos den Kopf. „Ich bin ein Pechvogel, Hans. Ich sage dir, ich weiß bestimmt, daß ich und kein anderer den Stein hat.“
„Meinetwegen. Aber schließlich sind wir zwei, mein Junge. Wir machen die Reise ja zusammen.“
„Wieso?“ Piet hebt verwundert den Kopf. „Fährst du denn auch ....“
„Am Donnerstag mit der „Köln“, vollendet Hans ruhig. Ich sagte dir ja schon: Ich hab Urlaub bekommen. Wir werden bis Amsterdam gemeinsam reisen. Was soll dir da passieren? Also steck ruhig deine Totengräbermiene ein, und wenn ich dir einen guten Rat geben soll, dann erzähl nicht jedem, daß du der Kurier bist.“
Bei der Aussicht, mit dem Freunde zusammen zu reisen, hebt Piet wirklich etwas getröstet den Kopf. „Ich werde mich selbstverständlich hüten.“
„Na, mir hast du’s doch eben erzählt.“
„Dir, Hans!“ Der Kleine sieht Hans Balck mit einem treuherzig bewundernden Blick an. „Meinem besten Freunde kann ich doch wohl ....“
„So ein Monstrum von Diamant hat schon aus Brüdern Todfeinde gemacht, mein Kerlchen. Also Vorsicht, wenn ich bitten darf. Vor allem laß die Indianer hier nichts merken. Trink, tanz und sei fidel. Ja, ich komme schon, Molly!“ unterbricht sich Hans Balck, denn die Musik hat sich inzwischen erholt und Molly Reeve tänzelt quer durch den Saal auf ihn zu. Eine Minute später walzt er wieder übermütig mit Molly durch das Lokal.
Es wird eine lange Nacht in der „Kohinoor-Bar.“ Sam Wymmers schmunzelt zufrieden, legt aber vorsorglich auch seinen Gummiknüppel unter dem Schanktisch zurecht, denn so übermütige Gelage haben schon oft genug mit einer tüchtigen Rauferei geendet. Die Tanzbegeisterung ist langsam abgeflaut. Dafür haben die Gäste selber das Vergnügungsprogramm in die Hand genommen. Ein Paar deutsche Digger sind auf das Podium geklettert und haben die Musiker verdrängt. Sie singen zu einer Zupfgeige „german - songs“, Heimatlieder, alte Wanderlieder. Ihre Stimmen sind ungeschult und rauh, aber man lauscht ihnen doch gern, denn die Melodien klingen so ganz anders als die gewohnten Schlager. Piet Keulen, der in seinem Kummer fleißig dem Whisky zugesprochen hat, bekommt darüber sogar den Schluckauf und wird elegisch. Er will unter allen Umständen das Lied von „Piet Heim“ zum Besten geben, dessen Namen klein, aber dessen Taten so groß waren. Gesang ist Piet Keulen nicht gegeben. Er wird nach den ersten schüchternen Tönen unter lautem Halloh wieder vom Podium heruntergezerrt.
An der Bar ist es ziemlich leer geworden. Die einzelnen Gruppen haben sich an den Tischen festgesetzt und trinken dort weiter. Molly Reeve verschmäht es heute, von Tisch zu Tisch zu flattern. Sie hängt wie eine Klette an dem blonden Hans Balck und hat sich mit ihm und Piet Keulen an einen Tisch gesetzt.
„Ach, du bist Deutscher?“ Molly schmiegt sich zutraulich an Balck, als er schallend den Heimatliedern applaudiert. „Meine Mutter war auch aus Deutschland.“
„So?“ Hans äugt über die Schulter scharf auf das Mädchen an seiner Seite. „Vorhin hast du dem Digger Dubois an der Bar erzählt, du wärst in Paris geboren.“
„Nun ja — bin ich auch. Darum kann meine Mutter doch eine ....“
„Ich will dir mal was sagen, Mädel?“ Hans faßt die Kleine unter das runde Kinn und hebt ihren Kopf zu sich in die Höhe. „Das Schmusen und Schwindeln kannst du dir für andere aufheben. Bei mir — ist nicht! Haste auch gar nicht nötig. Du bist ein liebes Mädel, und ich will den ganzen Camp drüben umschaufeln, wenn du nicht viel zu schade bist, um hier beim ollen Sam als Animiermamsell herumzutanzen!“
„Ich danke dir, Hans!“ sagt Molly Reeve ganz ernst. Ihre Augen haben alle Lustigkeit verloren und sind plötzlich ganz weich und verschämt geworden. Balck sieht sie mit einem langen Blick an und fühlt einen warmen Strom zum Herzen steigen. Ganz unmotiviert haut er die Faust auf den Tisch, daß Piet Keulen erschrocken aus seinem Brüten auffährt, und springt hoch:
„Kinder, das Geschäft flaut ab! Ich werd mal wieder Leben in die Klabauterkiste hier bringen! Alles herhören!
Ladies and gentlemen, ich habe die Ehre, Ihnen meine Verlobung mit Miß Molly Reeve anzuzeigen!“
In den schmetternden Tusch der Musik mischt sich das lachende Halloh der Gäste. Mollys überraschter Ausruf geht verloren in dem Lärm der andrängenden Stimmen. Lachende Gesichter stehen vor dem Tisch, Whiskygläser strecken sich dem blonden Hans entgegen.
„Mensch, gibst du heute an!“
„Nimm’s nicht zu leicht mit der Molly! Die kratzt!“
„Drei Hurras für das junge Paar!“
Hans Balck hat eines der ihm dargebrachten Whiskygläser ausgetrunken und sieht plötzlich ärgerlich in die vor Lachen rot angelaufenen Männergesichter ringsum.
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