„Und was für ein Werk war das?“
„Es war ‚Der Geächtete‘, eine prachtvolle Gruppe, welche, als sie vollendet worden war, von einem vornehmen und reichen italienischen Adelsmann gekauft und sehr gut bezahlt wurde.“
„Das wichtigste aber war, daß es den jungen Künstler mit einem Schlag in die Reihe der ersten Bildhauer rückte.“
„Das große Kunstwerk, den ‚Geächteten‘, kenne ich auch sehr gut“, unterbrach mich der amerikanische Herr.
„Dann aber bitte ich Sie“, erwiderte ich ihm, „uns Ihr Urteil über dieses Kunstwerk mitteilen zu wollen.“
„Das will ich gern tun“, antwortete er. „Diese überaus schöne Gruppe ist berühmt geworden. Sie besteht aus einem Geächteten, der mit einer doppelten Bürde beladen ist, nämlich mit der Leiche seiner soeben gestorbenen jungen Frau und mit seinem kleinen Kind. Die Leiche seiner Frau will er in geweihter Erde begraben. Das hatte er ihr vor ihrem Tod versprechen müssen.
Neben dem Geächteten geht sein Hund. Beide, der Mann und der Hund, spähen bekümmert, aber auch fest entschlossen nach allen Seiten hin. Denn der Geächtete konnte sein Vorhaben nur unter der größten Lebensgefahr ausführen. Er wußte, daß jeder, der ihn erkennen würde, ihn ungestraft totschlagen durfte.
Die Gruppe ist wundervoll dramatisch dargestellt, genau nach einem alten isländischen Geschehnis, und fand überall ungeteilten Beifall.“
„Bald darauf“, fuhr ich nun fort, „bekam Einar Jonsson mehrere ehrenvolle und auch sehr aussichtsreiche Aufträge und Bestellungen und wurde dadurch nicht nur berühmt, sondern auch ein gänzlich unabhängiger Mann. Sein dankbares Vaterland baute für ihn in Reykjavik ein großes und würdiges Museum. Dort lebt er jetzt noch, mitten unter seinen zahlreichen Werken, die er fortwährend durch neue vermehrt.“
Der islandfreundliche amerikanische Herr gab mir die Hand und sagte: „Wir alle müssen Ihnen Glück wünschen zu Ihrem großen Landsmann. — Das isländische Volk ist zwar klein, es besitzt aber unverhältnismäßig viele bedeutende Männer auf dem Gebiete der Literatur und der Kunst. — Und da sei es mir auch noch erlaubt, einen Namen zu nennen, der auf Island einen unvergleichlichen Glanz wirft: Ich meine den unsterblichen Bertel Thorvaldsen. Auch er war ein echter Isländer.“
Kaum waren diese Worte gesprochen, da rief jemand aus dem Kreise: „War Thorvaldsen ein Isländer? Ich habe ihn immer für einen Dänen gehalten.“
„Thorvaldsen war ein echter Isländer“, antwortete der amerikanische Herr. „Er ist der Sohn eines isländischen Holzschnitzers, wohnte aber bald in Rom, bald in Dänemark, wo er 1768 geboren und 1844 gestorben ist, und so ist es gekommen, daß viele ihn für einen Dänen halten.“
„Er selber aber trat immer als Isländer auf“, fuhr der Herr fort. „Einmal zum Beispiel schenkte er seinen Landsleuten von Rom aus eines seiner Werke. Es war dies ein prachtvolles Taufbecken aus weißem Marmor, von einem Engel gehalten.“
„Die Widmung, welche Thorvaldsen selber verfaßte und welche er in dem Marmor einmeißelte, lautet:
‚Opus hoc Romae fecit, et Islandiae, terrae sibi gentilitiae, pietatis causa donavit Albertus Thorvaldsen, anno MDCCCXXVII.‘ (Bertel Thorvaldsen hat diese Arbeit in Rom ausgeführt und sie als Zeichen seiner Liebe Island geschenkt im Jahre 1827).
Dieses kostbare Taufbecken ist vor dem Hochaltar der Domkirche zu Reykjavik aufgestellt.“
Jetzt aber war es Zeit für uns alle, uns zur Ruhe zu begeben, denn es war spät geworden, und draußen mußte wohl schon lange stockfinstere Nacht sein.
Die kleine Gesellschaft löste sich auf, und die allermeisten begaben sich auf den Weg nach ihren Kabinen, um sich zur Ruhe zu legen.
Ihrem Beispiel konnte ich diesmal nicht gut folgen, denn als ich ins Freie hinausschaute, merkte ich, daß die Nacht nicht stockfinster, sondern ungewöhnlich hell und glänzend war. Ich stieg daher auf das Deck hinauf, um diese Herrlichkeit noch besser genießen zu können. Als ich auf das höchste Deck hinaufgekommen war, blieb ich zuerst von Bewunderung sprachlos stehen, denn das Schauspiel, das sich mir hier oben darbot, übertraf bei weitem alles, was ich mir vorgestellt hatte …!
Eine unbeschreibliche Ruhe hatte sich über das riesengroße schnell vorwärtseilende Schiff niedergesenkt, sowie auch über das unermeßliche spiegelblanke Meer, das sich nach allen Seiten unendlich weit hinausdehnte.
Auch das wolkenlose Himmelsgewölbe war von einer überirdischen Pracht. Der Zauber dieser unvergleichlichen Sommernacht war so groß, daß ich mich vorläufig nicht entschließen konnte, das Deck zu verlassen, um hinunterzugehen nach meiner Kabine.
Ich nahm daher Platz auf einem Stuhl und betrachtete in staunender Bewunderung bald die Herrlichkeit der unzähligen Sterne, die am nächtlichen Himmel mit einem unbeschreiblichen Glanz funkelten, bald die unendliche Fläche des Atlantischen Meeres, welche die ganze Pracht des Himmels auf wundervolle Weise spiegelte, um sie dann in den unendlichen Himmelsraum wieder hinauszustrahlen.
So saß ich dort noch lange — ganz allein — und überließ mich den entzückenden Gefühlen, welche dieses überwältigende Schauspiel in meiner Seele wachrief.
Jetzt erst konnte ich voll verstehen, wie Gott am sechsten Tage nach vollbrachter Schöpfung sagen konnte, daß alles, was er gemacht hatte, gut sei.
Schließlich mußte ich mich doch von den Wundern dieser einzig schönen Sommernacht trennen und von den wonnigen Genüssen, welche sie mir verschafft hatte.
Ich stand also auf und begab mich hinunter in die tiefer liegenden Schiffsräume nach meiner Kabine.
Das Erlebnis auf Deck hatte mich in die Knie gezwungen. Ich ließ mich darum an meinem Bette einige Minuten nieder und betete mein Abendgebet, genau so, wie ich es getan hatte auf dem kleinen „Valdemar von Rönne“ — 70 Jahre früher …
Ich hatte ja meiner lieben Mutter versprochen, es tun zu wollen mein ganzes Leben lang.
Die zauberhafte Stimmung, die mich droben auf Deck ergriffen hatte, hielt mich noch eine gute Weile wach.
Schließlich aber glitt ich sanft und unmerklich in das Reich der Träume hinüber …
26. Kapitel
Amerika in Sicht
Da ich wegen meines langen Aufenthaltes in der herrlichen Sommernacht droben auf dem Deck sehr spät zur Ruhe gekommen war, schlief ich in einem Zug nicht nur den kurzen Rest der Nacht hindurch, sondern auch weit in den folgenden Morgen hinein.
Schließlich aber wurde ich durch ein ungewöhnliches Geräusch draußen auf dem Gange unmittelbar vor meiner Kabine aus meinem tiefen Schlummer geweckt.
Ich rieb mir die Augen und richtete mich in meinem Bette auf …
Was kann denn da los sein? fragte ich mich selbst …
Ich lauschte und blieb im Bette sitzen, um besser hören zu können.
Draußen, nah vor meiner Tür, war ein lautes Gespräch im Gang …
„Wo könnte er denn sein?“ fragte eine hohe Knabenstimme.
„Das weiß ich nicht“, erwiderte eine tiefe Baßstimme.
„Haben Sie ihn heute morgen noch nicht gesehen?“
„Nein, bis jetzt nicht.“
Es war mir klar: der Fragende mußte, nach der Stimme zu urteilen, ein lebhafter Junge sein.
Die Antworten aber kamen offenbar von einem Erwachsenen.
Ich horchte weiter …
„Wo ist seine Kabine?“ fragte eifrig die jugendliche Stimme.
„Die ist hier ganz in der Nähe“, erwiderte der Erwachsene.
Jetzt entstand eine Pause. — Es kamen aber gleich darauf eilige Schritte auf meine Türe zu.
„Darf ich nicht aüfmachen?“ fragte der Junge.
„Nein, das ist hier nicht Brauch“, gab der Erwachsene zur Antwort.
Es war mir klar: jemand war da, der nach mir suchte.
Wer das aber war, und was er wollte, davon hatte ich noch keine Ahnung …
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