In aller Eile hob ich ihn auf, und in der Hoffnung, daß seine Mutter möglicherweise bald kommen würde, wartete ich dort unten noch einige Augenblicke. — Da aber niemand kam, fragte ich den Kleinen: „Where is your mother?“ (Wo ist deine Mutter?)
Da ich auf diese Frage keine Antwort bekam, versuchte ich es mit anderen Fragen. — Doch alles vergebens …
Es war mir nicht möglich, auch nur einen Laut aus dem Kleinen herauszulocken.
Statt zu antworten, schaute er mich unentwegt und in aller Ruhe mit seinen großen und klaren Kinderaugen an.
Schließlich fragte ich ihn so freundlich, wie ich konnte: „Mama? Where is mama?“ — Diesmal hatte ich Erfolg:
„Mama, mama!“ wiederholte er einige Male. — Mama gehört ja zur allgemeinen Kindersprache. — Jetzt verstanden wir uns.
Nun mußte ich aber auf die Suche nach der lieben Mama gehen …
Den Kleinen trug ich aber zuerst einige Schritte weit durch den unteren Gang in die schon bekannte Kinderstube, wo ich soeben gewesen war.
Die drei Knaben saßen noch immer dort und schauten einander an — genau wie vorher … — Das aber paßte mir sehr gut.
Ich nahm ein viertes kleines Kindersesselchen, schob es an den Tisch heran und setzte meinen kleinen Schützling darauf. Er machte keinen Widerstand, sondern kreuzte die Arme vor der Brust und lehnte die Ellenbogen auf die Tischplatte …
Jetzt war die niedliche kleine Tafelrunde um ein Mitglied größer geworden. Sie hielten sich wieder alle ruhig und betrachteten einander grabesernst und unbeweglich. Auch mein kleiner Schützling tat genau wie die anderen und schien sich sehr wohl in dieser Gesellschaft zu fühlen.
Jetzt verließ ich meine kleinen Freunde in der Kinderstube und eilte wieder nach der Treppe hin. Ich lief rasch die Stufen hinauf. Als ich endlich das Deck erreichte, sah ich dort einige englische und amerikanische junge Damen, welche beisammenstanden und miteinander plauderten.
Ich näherte mich der Gruppe, grüßte und berichtete ihnen mein Abenteuer mit dem kleinen Jungen auf der Treppe …
„Oh …! It was my little boy! Poor little Eddie …!“ (Es war mein kleiner Junge …! Armer kleiner Edward …!) rief die eine Dame aus … —
„I am very thankful to you, Sir!“ (Ich bin Ihnen sehr dankbar, mein Herr), fügte sie hinzu, indem sie sich an mich wandte.
Dann bat sie mich, mit ihr in die Kinderstube zu gehen.
Natürlich nahm ich die Einladung an.
Ich ging also zusammen mit der Mutter meines kleinen Freundes Eddie nach der Kinderstube.
Als wir hineintraten, fanden wir die ganze kleine Gesellschaft ruhig an ihren Plätzen rund um den Tisch.
Die Mutter umarmte zärtlich ihren kleinen Sohn, machte ihm aber auch mütterliche Vorwürfe wegen seines Ausfluges nach der Treppe, denn er hatte ihr vorher versprochen, ruhig mit seinen kleinen Kameraden in der Kinderstube zu bleiben.
Jetzt vergewisserte sie sich auch, ob ihm nach seinem Unfall nichts fehlte.
Dann setzte sie den Kleinen wieder auf seinen Stuhl, indem sie ihm sagte, er solle nur noch eine kurze Zeit dort bleiben. Sie müsse ihn nur einen kleinen Augenblick allein lassen, sehr bald werde sie ihn dann holen und auf das Deck bringen …
Nun aber geschah etwas für mich ganz Unbegreifliches … Es kam ganz unerwartet …
Während ich nämlich dort in der Kinderstube mit der jungen Mutter noch ein paar Worte wechselte, erhob sich plötzlich der Nachbar unseres kleinen Eddie, wandte sich gegen ihn und gab ihm mit seiner kleinen geballten Faust mit voller Kraft — die aber glücklicherweise nicht bedeutend war — einen Schlag mitten ins Gesicht …!
Ein ohrenbetäubendes Geheul war begreiflicherweise die Folge. — Der arme kleine Eddie schrie und weinte ganz verzweifelt …
Blitzschnell — aber doch zu spät — kam die Mutter ihm zu Hilfe.
Sie hob ihn auf, drückte ihn an ihr Herz und suchte, wie nur eine Mutter es kann, ihren Liebling zu trösten.
Inzwischen saß der kleine Übeltäter und ungerechte Angreifer wieder ganz ruhig auf seinem Stuhl und betrachtete genau wie vorher alles, was da um ihn herum vor sich ging.
Endlich hörte das verzweifelte, laute Weinen des kleinen Eddie auf Die Mutter wandte sich dann an den kleinen Angreifer und fragte ihn, warum er ihren Eddie so geschlagen habe …
Er aber blieb stumm und tat, wie wenn nichts geschehen wäre. Es war nichts aus ihm herauszubringen.
Dann jedoch nahm die Mutter ihren kleinen Eddie mit sich und brachte ihn nach ihrer eigenen Kabine.
Auch die anderen Kinder wurden bald von ihren Müttern geholt.
So endete schließlich dieses erste kleine Kinder-Trauerspiel an Bord der „Berengaria‘.
22. Kapitel
Ich verlasse England und fahre auf das Atlantische Meer hinaus. — Frankreich, Cherbourg
Ich begab mich nun bald wieder auf Deck, von wo aus ich die Abfahrt des Schiffes erleben wollte.
Das ging nämlich recht eigenartig vor sich.
Als ich oben auf Deck ankam, begegnete ich meinem guten Freund. Herrn Garfield, wieder.
„Jetzt fahren wir ab“, sagte er.
„Ja“, erwiderte ich, „das wollte ich mir gerade ansehen.“
Wir gingen beide zusammen auf das höchste Vorderdeck hinauf, denn von dort aus konnten wir am besten alles beobachten, was da vor sich ging.
Alle Einzelheiten wurden mir von Herrn Garfield auf das beste erklärt. Er kannte ja alles genau
Es handle sich da zunächst nur um dieses Eine, sagte mir Herr Garfield, nämlich das riesengroße Schiff in eine solche Lage zu bringen, daß es aus eigener Kraft den Hafen verlassen könne.
Das Schiff lag nämlich mit der einen Seite dicht gegen das Bollwerk des langgestreckten Hafenufers vertäut.
Bevor es sich bewegen konnte, war es notwendig, den Vorderteil des Schiffes vom Lande so weit loszulösen, bis er genau nach dem freien Meere hin gerichtet sei.
Um aber den großen Schiffskörper in die richtige Lage bringen zu können, befestigte man ungewöhnlich dicke Taue vorn am Schiff. Die anderen Enden der Taue wurden an mehrere schwere Schleppdampfer festgemacht. Diese letzteren sollten nun versuchen, den Vorderteil der „Berengaria“ durch kräftiges Ziehen vom Bollwerk zu entfernen.
Diese schweren, ungemein stark gebauten Hafendampfer sahen wie wahre Ungeheuer aus.
Herr Garfield sagte mir, man nenne sie in der englischen Sprache „tuggers“ oder „tug-boats“. — Das heißt „Zieher“ oder „Zieh-Boote“. Ihre Maschinen sind von ungewöhnlicher Stärke.
Diese sogenannten „tuggers“ — es waren mehrere, die gleichzeitig zogen — arbeiteten eine Zeitlang alle zusammen, schienen aber zuerst nichts ausrichten zu können.
Trotz allem Ziehen blieb das gewaltige Schiff an der langen Ufermauer liegen.
Nach einiger Zeit aber fing doch schließlich der enorm große Koloß an, langsam nachzugeben.
Die kleinen „tuggers“ keuchten und strengten sich mit aller Kraft an. Nach härtester Arbeit brachten es die kleinen Ungeheuer fertig, den Widerstand des starken Riesen endgültig zu brechen …
Das mächtige Schiff ließ sich in die richtige Lage bringen. Der Vorderteil wandte sich schließlich genau nach dem offenen Meere hin. Jetzt verließen die kleinen, aber starken Zieh-Boote das große Schiff, und gleich darauf fingen die mitten im Schiffskörper liegenden riesigen Schiffsmaschinen ihre Arbeit an.
Das ganze Schiff zitterte und bebte eine Zeitlang, dann aber glitt es ruhig dahin und zog hinaus auf das freie Meer.
Unsere Reise von Europa nach Amerika durch die endlose Wasserfläche des Atlantischen Meeres hatte begonnen, und bald lagen England und die Stadt Southampton in der Ferne hinter uns.
Nur einmal sollten wir auf dieser Fahrt einen kurzen Halt machen, nämlich bei der französischen Stadt Cherbourg. Denn dort sollten mehrere hundert neue französische Passagiere und auch eine Menge Waren und Frachtgüter für Amerika aufgenommen werden.
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