„Wissen Sie, ob wir lange in Cherbourg bleiben werden?“ fragte ich Herrn Garfield.
„In Cherbourg“, erwiderte er, „werden wir nur einige Stunden bleiben.“
„Dort werden wohl die neuen französischen Passagiere aufgenommen werden?“
„Nein, die französischen Passagiere werden uns auf zwei Dampfern entgegengebracht werden. Sie werden auf offenem Meer von der „Berengaria“ an Bord genommen.“
„Werden uns auch die Waren und Frachtgüter auf offenem Meer draußen entgegengebracht?“
„Nein. Wenn die französischen Passagiere aufgenommen sind, dann fahren wir in den Hafen hinein und nehmen Frachtgut entgegen für Amerika.“
„Ist das alles, was wir in Cherbourg zu tun haben?“
„Ja, das ist alles. Wenn wir die Waren aufgenommen haben, setzen wir unsere Reise nach Amerika fort.“
Jetzt wußte ich Bescheid.
Wir blieben noch eine gute Weile oben auf dem hohen Deck, um weiter miteinander zu plaudern.
Er teilte mir viele nützliche und interessante Einzelheiten über Leben und Gebräuche in Nordamerika mit, wo ich mich nun jetzt einige Monate aufhalten wollte.
Dann machte mich auch Herr Garfield auf die Tagesordnung der „Berengaria“ aufmerksam und lud mich ein, alle meine Mahlzeiten zusammen mit ihm einzunehmen. Das nahm ich gern an, denn einen angenehmeren und edleren Reisegefährten hätte ich nicht leicht finden können.
Er wählte dann für uns beide in dem großen „Dining-room“ der „Berengaria“ einen kleinen Tisch aus.
Dort nahmen wir dann immer unsere Mahlzeiten ein. Und er sorgte die ganze Reise hindurch dafür, daß mir nie etwas fehlte.
Unterdessen schwamm unser Schiff mit großer Schnelligkeit vorwärts, auf Frankreich zu.
Bald machte mich Herr Garfield darauf aufmerksam, daß die zwei französischen Dampfer mit den Passagieren aus Frankreich nun erscheinen würden.
Jetzt war aber die Küste Frankreichs schon sichtbar geworden. — Von den vorgeschobenen Felsenfestungen der Stadt wurden einige kräftige Kanonenschüsse abgefeuert, und kurz darnach erschienen zwei Dampfer mit französischen Amerikafahrern.
Sofort hielt unser Schiff, und die zwei mit Passagieren gefüllten Dampfer legten sich an unsere Seite.
Durch geschicktes Manöverieren gelang es in kürzester Zeit, die französischen Reisenden auf bequeme Weise in unser Schiff aufzunehmen. Hernach fuhr die „Berengaria“ in den Cherbourger Hafen hinein. Hier legte sie sich dicht an eines der vielen Hafenbollwerke.
Dort entdeckte ich bald einen ganzen Berg von Frachtgütern, welche wir nach Amerika bringen sollten.
Das Einladen dieser Güter in die „Berengaria“ begann sofort.
Flinke französische Arbeiter, worunter viele junge Leute waren, brachten die zahlreichen Kisten, Kasten und Säcke herbei. Alles wurde dann mit Hilfe von mächtigen Maschinen in die weiten Lasträume des Schiffes befördert. Bald war der Berg am Kai von den enorm großen Lasträumen der „Berengaria“ verschlungen.
Als Dank für die sorgfältige Arbeit warfen einige englische und amerikanische Passagiere den flinken Arbeitern glänzende Münzen aller Art zum Kai hinunter.
Ein wahrer Goldregen ergoß sich über die braven Leute …
Die Jüngeren unter ihnen fingen sie mit Geschick auf und steckten sie in ihre Taschen.
Das Zeichen zur Abfahrt wurde gegeben, die mächtigen Schiffsmaschinen liefen an, das große Schiff bebte und zitterte wieder unter der Wucht des Antriebs, dann glitt die „Berengaria“ sanft und ruhig aus dem Hafen hinaus.
Als sie das offene Meer erreicht hatte, wurde vom Kapitän der Befehl gegeben: „Mit voller Kraft“, und nun eilte unser schwimmender Palast mit erstaunlicher Schnelligkeit majestätisch durch die Wassermassen des Atlantischen Meeres auf die „Neue Welt“ zu — diese wundervolle Neue Welt, welche um das Jahr 1000 von Leif Eiriksson — dessen Standbild in Boston zu sehen ist — zum erstenmal entdeckt wurde und den Namen „Markland“ erhielt — welche dann aber wieder verloren ging und vier Jahrhunderte später von Christoph Kolumbus zum zweitenmal entdeckt wurde und den endgültigen Namen Amerika erhielt.
In diese neue Zauberwelt sollte ich nach fünf Tagen einziehen!
23. Kapitel
Auf der Fahrt durch das Atlantische Meer. Kleinigkeiten aus dem täglichen Leben an Bord
Jetzt erst fühlte ich im Ernst, daß meine große Reise um die Erdkugel nicht nur angefangen hatte, sondern schon voll im Gange war.
Denn jetzt befand ich mich nicht nur auf einem gewöhnlichen Dampfer, der mich — wie schon so oft bis dahin — von einem europäischen Lande zu einem anderen führte … Nein, jetzt war es ganz anders: Ich hatte soeben eine Langfahrt angefangen, die mich von einem Weltteil nach einem andern bringen sollte, von dem alten Europa nach einer jungen Welt, dem amerikanischen Kontinent …!
Diese herrliche Vorstellung wirkte erhebend und bezaubernd auf mein Gemüt und meine Phantasie.
Ich wollte diese Hochgefühle ein wenig genießen und suchte und fand bald einen einsamen Platz oben auf dem Deck.
Dort setzte ich mich auf eine Bank und überließ mich meiner poetischen Stimmung. Diese Träumerei dauerte aber nicht lange, denn bald wurde ich durch Schritte aufgeschreckt.
Das wird wohl mein Freund Garfield sein, dachte ich. — Doch diesmal hatte ich mich getäuscht. Die Schritte kamen näher, und auf einmal erschien gerade vor mir ein kleiner Englisch sprechender Junge, den ich schon mehrere Male während der zwei letzten Tage mitten in der Menschenmenge gesehen hatte.
Er konnte ungefähr zwölf Jahre alt sein.
Jedesmal, wenn er mir zu Gesicht kam, machte er einen guten Eindruck auf mich, denn er war höflich, gut erzogen, dazu auch heiter und gesprächig.
Als er in meine unmittelbare Nähe gekommen war, schaute er mich einen Augenblick an, grüßte mich, indem er seine Mütze abnahm, und sagte: „Good day, Sir!“ (Guten Tag, mein Herr!)
Ich erwiderte ganz kurz seinen Gruß, weil ich meinte, daß er gleich weitergehen würde. Das tat er aber nicht, sondern blieb stehen und sprach mich sehr höflich an: „Mein Herr, darf ich Sie fragen, wieviel Uhr es ist?“
Ich nahm meine Uhr aus der Tasche und zeigte ihm, wieviel Uhr es war.
Er dankte.
Dann fragte auch ich ihn: „Du bist wohl ein Engländer?“
„Nein, mein Herr, ich bin ein Amerikaner.“
So, so. Du bist ein Amerikaner … Aber du hast gefragt, wieviel Uhr es sei. Ich dachte, daß alle amerikanischen Jungen eine Uhr hätten.“
„Das haben sie auch, mein Herr. Auch ich habe eine Uhr, nur ist sie stehengeblieben. Ich habe vergessen, sie aufzuziehen.“
„Dann ziehe sie jetzt auf und stelle sie nach meiner Uhr. Die geht nämlich ganz richtig.“
Das tat der kleine Amerikaner sofort.
Während er noch damit beschäftigt war, fragte ich ihn: „Bist du aus den Vereinigten Staaten?“
„Ja, mein Herr.“
„Aus welcher Stadt?“
„Aus Neuyork“, erwiderte er. Dann aber fragte er mich: „Sie fahren wohl auch nach Neuyork, mein Herr?“
„Ja, gewiß. Und ich werde in Neuyork eine Zeitlang wohnen.“
„Das freut mich. Neuyork wird Ihnen sicher gefallen, mein Herr.“
„Das denke ich auch. Aber wieviel Einwohner hat Neuyork?“
„Zehn Millionen, mein Herr. Sie ist die größte Stadt, nicht nur Amerikas, sondern auch der ganzen Welt.“
Ich lächelte, denn ich hatte oft sagen hören, daß die Amerikaner diese Redewendung gern gebrauchen.
Dem freundlichen kleinen Jungen erwiderte ich: „Welch eine gewaltige Menge Einwohner! Dann wäre die Stadt Neuyork noch größer als London.“
„O ja, das ist sie auch, mein Herr. London kommt erst an zweiter Stelle.“
„Ich will dir gern glauben, mein kleiner Freund, obwohl die Londoner gewöhnlich sagen, daß ihre Stadt die größte sei.“
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