Und was noch mehr ist: Ich mußte zugeben, daß dieser Kasten mit vollem Recht als eine wirkliche und echte Sehenswürdigkeit der Riesenstadt London gelten konnte.
Dies war vor fünfzig Jahren.
In diesem letzten halben Jahrhundert hat sich vieles in London geändert — und zwar meistens zum Besseren.
Den Zentralriesenpostkasten habe ich diesmal nicht mehr gesehen. Ich weiß daher nicht, was daraus geworden ist.
Die wundervolle Stadt London habe ich bei meinem neuen Besuch wieder, so viel wie ich konnte, angesehen.
Dabei ist mir eines stark aufgefallen: das äußere Stadtbild ist viel schöner geworden in diesen letzten fünfzig Jahren.
Ja, London ist innerhalb dieses Zeitraumes in jeder Beziehung viel schöner und vornehmer geworden, als es damals war. Überall herrscht heute in London die größte Sauberkeit in den Straßen, auf den Plätzen und in den unzähligen öffentlichen Parks und kleineren idyllischen Gärten und Rasenplätzen. Überall, wo es nur irgend möglich ist, werden Blumenbeete angelegt und mit größter Sorgfalt in Ordnung gehalten.
Auch Wagen, Autos und Omnibusse sind peinlichst rein und sauber. Die Polizisten sind fast alle groß und kräftig und vor allem auch den Fremden gegenüber höflich und korrekt.
17. Kapitel
Das Recht, in Amerika zu landen, muß ich in London kaufen. — Abschied von meinen Freunden in Endsleigh Street
Meine Besichtigung des „Londoner Zentralpostkastens“ geschah, wie schon gesagt, vor einem halben Jahrhundert.
Bei meinem jetzigen Aufenthalt in London hatte ich ganz andere Geschäfte zu besorgen.
Von London aus wollte ich ja über das Atlantische Meer direkt bis nach Neuyork fahren.
Das war eine lange Strecke, ein wichtiger Teil meiner Reise rund um die Erdkugel.
Da aber entstand plötzlich eine große Schwierigkeit.
Über den Atlantik zu kommen, war an sich eine leichte Sache. Ich brauchte nur einen Fahrschein für die Fahrt mit dem großen Dampfer „Berengaria“ von England nach Neuyork zu bezahlen.
Aber dann kam die Landung in den Vereinigten Staaten Nordamerikas! Dies war mir nicht gestattet ohne besondere Erlaubnis der nordamerikanischen Regierung. Und diese Erlaubnis mußte ich mir in London bei dem Generalkonsul der Vereinigten Staaten Nordamerikas verschaffen.
Für diese Erlaubnis mußte ich aber eine bedeutende Summe Geld bezahlen. Das war mir neu. Ich hätte es mir auch nie denken können.
Da war nun leider nichts zu machen. Es mußte geschehen.
Ich fuhr also zu dem Generalkonsul der Vereinigten Staaten, der seinen Sitz in London hatte.
Als ich nach seiner Amtswohnung kam, fand ich dort eine große Menge von Leuten, die das gleiche Anliegen wie ich hatten und genau nach Amerika reisen wollten. Alle mußten zuvor Geld bezahlen und verschiedene Erklärungen unterschreiben.
Der eine nach dem anderen wurde vom Generalkonsul oder von seinem Stellvertreter empfangen.
Als die Reihe an mich kam, wurde auch ich zu diesem hohen Herrn geleitet.
Ich begrüßte ihn und wurde sehr höflich von ihm empfangen.
„Sie wünschen nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika zu reisen?“ fragte mich der Herr Generalkonsul.
„Jawohl, mein Herr.“
„Dürfte ich Sie nach dem Zweck Ihrer Reise fragen?“
„Der Zweck meiner Reise ist sehr einfach: ich möchte den amerikanischen Kontinent kennen lernen und einige Freunde dort besuchen.“
„Und warum wollen Sie das?“
„Weil ich gern wissen möchte, wie es in Amerika aussieht. Ich bin nämlich nie dort gewesen.“
„Aber warum wollen Sie das wissen?“
„Weil es mich interessiert.“
Es entstand jetzt eine Pause. Der Herr schien nicht mehr recht zu wissen, was für Fragen er jetzt noch stellen sollte.
Um ihm zu Hilfe zu kommen, sagte ich zu ihm: „Ich habe auch vor, über meine Beobachtungen in Amerika zu schreiben.“
„Gut“, sagte daraufhin der Herr, „dann werde ich Ihnen erlauben, etwa sechzig Tage in Amerika zu bleiben.“
„Ich danke Ihnen sehr. Aber ich fürchte, daß sechzig Tage mir nicht genügen werden. Ich habe mir vorgenommen, etwas länger dort zu bleiben.“
„Wie lange ungefähr möchten Sie in Amerika bleiben?“
„Das kann ich unmöglich jetzt so genau sagen. Ich hatte mir vorgenommen, dort zu bleiben, bis ich fertig sein würde mit meinen Beobachtungen und meinen Besuchen.“
„Sollen wir dann vier Monate sagen?“
„Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich lieber sechs sagen. Ich werde vielleicht nicht so lange Zeit brauchen. Aber zur Sicherheit möchte ich lieber um sechs Monate bitten.“
„Gut“, sagte der sehr höfliche und freundliche Herr, „dann sagen wir also sechs Monate. — Haben Sie aber Geld genug, um sechs Monate in den Vereinigten Staaten zu bleiben?“
„Ich hoffe es.“
„Das muß aber ganz sicher sein.“
„Gut, es ist sicher.“
Da kam noch etwas sehr Merkwürdiges. Der Herr sagte: „Kommen Sie bitte bald wieder hierher und bringen Sie eine schriftliche Erklärung mit, daß alles, was Sie mir gesagt haben, richtig ist. Diese Erklärung muß unterzeichnet werden von einer bekannten Persönlichkeit hier in London.“
Damit war diese erste Sitzung zu Ende.
Ich ging nun zu meinen Freunden in Mountstreet und fragte sie, warum die Amerikaner den Reisenden gegenüber so zurückhaltend sind.
Sie sagten mir, es käme daher, weil in den Vereinigten Staaten so viele Arbeitslose und folglich so viele Arme seien. Die dortige Regierung wollte vernünftigerweise die Zahl dieser Armen nicht vermehren.
Natürlich erhielt ich gerne von einem meiner Londoner Freunde die von dem amerikanischen Herrn gewünschte Erklärung.
Diese brachte ich dem Herrn Konsul, der damit zufrieden war.
Daraufhin bezahlte ich die gewünschte Geldsumme und bekam dann schließlich die Erlaubnis, nach Amerika zu reisen und dort sechs Monate zu bleiben.
Jetzt stand mir der Weg offen. Alle Schwierigkeiten waren weggeräumt. Kurz darauf schlug dann die Stunde der Abfahrt. Am letzten Tag meines Aufenthaltes bei meinen Freunden in Endsleigh Street, die mir übrigens eine rührende Gastfreundschaft geschenkt hatten, kam der Hausvater zu mir und sagte:
„Ich höre, daß Sie uns schon morgen verlassen wollen. Ist das wahr?“
„Ja, leider ist es wahr. Ich muß morgen nach Southampton. Dort liegt mein Schiff, die ‚Berengaria‘, und gerade morgen wird sie von England nach Neuyork fahren.“
„Nun gut“, sagte der Hausvater, „dann müssen wir aber Ihre Abreise feiern, so gut wir können.“
Ich verstand gleich, was er vorhatte: er wollte anläßlich meiner Abreise irgend etwas Schönes veranstalten, um mir Freude zu machen. Ich bat ihn aber, davon abzustehen, denn er hatte schon so viel für mich getan während meines Aufenthaltes in seinem Haus.
Da half aber kein Bitten und Protestieren.
Er sagte: „Ich lade Sie ein für heute nachmittag zu einem kleinen Abschiedsmahl.“
Ich mußte es annehmen.
Das „kleine Abschiedsmahl“ gestaltete sich aber zu einem erstklassigen Festmahl.
Da erwiesen mir nun meine liebenswürdigen englischen Freunde und Gastgeber in der Endsleigh Street die rührendste Aufmerksamkeit, für die ich ihnen nie genug dankbar sein kann.
18. Kapitel
Von London nach Southampton. — Ich steige an Bord des Riesendampfers „Berengaria“
Am 28. August 1936 verließ ich also das gastfreundliche Haus in der Endsleigh Street, London, begleitet von den Segenswünschen meiner dortigen Freunde für meine Weltreise.
Mit einem Londoner Zug, der voll besetzt war mit Amerikareisenden, erreichte ich an demselben Tag gegen Abend Southampton, wo der große Dampfer „Berengaria“ auf die Amerikafahrer wartete.
Man wird begreifen, wie sehr ich darauf gespannt war, zum erstenmal diesen mächtigen, riesengroßen Dampfer zu sehen und zu betreten, der mich über das Atlantische Meer nach Neuyork bringen sollte.
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