„Pfui, wie gewöhnlich spricht der,“ dachte die Kleine und wurde schwankend in ihrer besseren Meinung. Erst Kempen, der in gut gewähltem Hochdeutsch dankend die Begleitung annahm und ihr die Lampe reichte, stimmte sie wieder um. So bogen denn alle drei links um die Ecke, dem stilleren Teil der Steglitzer Strasse zu, der in der Nähe der Eisenbahn liegt. Es war nicht mehr weit bis an ihr Ziel; schon nach fünf Minuten machten sie vor einem Durchschnittshause Halt, das aus älterer Zeit stammte und weder Balkon noch Erker zeigte. Da es bereits auf zehn ging, so griffen sie kräftig zu, um ihr Eigentum in das vierte Stockwerk hinaufzutragen, wo sie bei einer Witwe ein grosses, zweifenstriges Zimmer gemietet hatten. In dem breiten, ausgefahrenen Torweg standen Bewohner des Hinterhauses, die von der Abendluft noch nippen wollten. Lorensen nahm die Venus vom Wagen, drängte sich durch und schritt als erster die etwas unsaubere Treppe hinauf, die von zirpenden Gasflämmchen nur schwach erhellt war. Die Schönheit musste vorangetragen werden, das leuchtete ihm ein. Ein altes Weib, das er mit der weissen Larve erschreckt hatte, lachte hinter ihm her. Dann hörte er, wie oben eine helle Kinderstimme rief: „Mutta, die Kinstler kommen!“
Frau Lemke, eine kleine Person mit breiter Taille und aufgeschwemmten Zügen, aus denen aber gutmütige Augen sprachen, stand mitten in der erhellten Flurstube und begrüsste freundlich die neuen Mieter; aber schon beim zweiten Gange der Freunde wurde sie misstrauisch, denn vergeblich wartete sie auf Koffer und Kisten. Und als dann Kempen wiederum beladen die Stufen nahm, hörte er sie durch die offene Tür mit Lorensen keifen: „Nein, nein, das geht nicht! Wenn Sie keine Sachen haben, dann kehren Sie nur gleich um. Sie wollen wohl einen Stall aus meiner Wohnung machen? Wenn ich das nur geahnt hätte!“ Sie hatte erst jüngst schlimme Erfahrungen mit einem Möblierten gemacht, und so schüttete sie rücksichtslos ihren Ärger aus. Schon, als sie zum Fenster hinauslag, war sie verwundert darüber, dass diese Herren wie die Knechte ihren Wagen selbst schoben und statt der Herrlichkeit Lumpen und Eisen mit sich führten.
„Aber erlauben Sie mal, beste Frau,“ muckte Lorensen laut auf. „Das verstehen Sie nicht, hier steckt enormer Wert drin. Unsere Modelle sind unbezahlbar. Die Büste allein kostet hundert Mark. Warten Sie nur erst ab.“ Er schnitt gern auf, und so versuchte er, sie mit seinen Worten zu betäuben, die endlich in dem Satze gipfelten: „Wir haben eine Zukunft, liebe Frau, eine grosse Zukunft!“
Klara Munks helle Stimme klang dazwischen: „Aber das sind ja Künstler, das müssen Sie doch sehen. Die sind anders wie gewöhnliche Menschen.“ Ohne erst viel zu fragen und als verstünde es sich von selbst, hatte sie wacker Hand mit angelegt und hinaufgetragen, was ihre schwachen Arme vermochten.
„Gehörst du vielleicht auch dazu?“ fiel ihr Frau Lemke spöttisch ins Wort.
„So halb und halb,“ erwiderte sie lachend.
Lorensen blickte auf, konnte aber nicht mehr fragen, denn Kempen kam und beruhigte Frau Lemke, indem er ihr mit seiner trockenen Würde auseinandersetzte, dass sie durchaus nichts zu befürchten habe. Sie seien anständige und ehrliche Leute, die zwar keine Reichtümer besässen, aber doch so viel verdienten, um eine brave Frau nicht schädigen zu brauchen. Und um seinen Worten Nachdruck zu verhelfen, zählte er ihr sofort die Miete in harten Talern auf den Tisch; dann bat er, ihnen für heute etwas Petroleum abzulassen, damit sie ihre Lampe füllen könnten. Und um ihr Zimmer brauche sie nicht zu fürchten; es seien ganz reinliche Dinge, die sie hier trieben, dafür bürge er. Sie würde sich bald überzeugen, dass sie sehr gut mit ihnen auskäme, denn sie wollten nichts umsonst haben.
Sein gesetztes Wesen, das dem des andern so sehr widersprach, gefiel ihr, und so strich sie vergnügt das Geld ein, was ihr im Augenblick die Hauptsache war; dann hatte sie wieder freundliche Worte bereit und erfüllte sofort die kleinen Wünsche der beiden.
„Na, und du?“ knurrte Kempen das Mädchen an, als die Wirtin hinaus war. „Was sind wir dir denn schuldig?“
„Freundliche Behandlung,“ erwiderte sie lachend, wobei ihre Zähne blitzten.
Er wollte ihr einen Nickel schenken, sie aber dankte mit den Worten, dass es gern geschehen sei.
„Na, dann scher dich nach Hause,“ brummte er, ohne es böse zu meinen.
Die Tür stand noch offen, und so nahm sie ihr Paket und wollte hinausflitzen. Lorensen jedoch hielt sie zurück. „Nimm doch einmal die alte Schute vom Kopf,“ rief er ihr zu, und als sie ohne Ziererei seinen Wunsch erfüllt hatte und nun lächelnd den Hut mit den roten Bändern hin und her schwenkte, riss er seine blauen Augen, die sonst immer etwas müde unter den Lidern lagen, gross auf. Er sah einen schön gewölbten Scheitel, der sich in dem Glanz der saftigbraunen Haare wiegte, das zusammengeknotet üppig über den Nacken fiel. Kleine, anliegende Ohrmuscheln leuchteten zart auf diesem dunklen Grunde, und die Läppchen unten drängten sich nur wenig hervor, zerflossen fast in der weichen Fülle des schlanken Halses. Die Nasenflügel waren vielleicht etwas zu breit, aber sie stimmten zu den vollen Lippen des prachtvoll geschnittenen Mundes. Überall die keuschen Linien der knospenden Jugend, die aus dem Frühling in den Sommer hinein wächst.
„Hör mal, du bist ’ne hübsche Kröte,“ sagte Lorensen mit der Offenheit eines Künstlers, der seine Erfahrung hinter sich hat und nicht viel Umstände macht. Zudringlich fasste er sie am Zopf, Kempen aber fuhr erbost dazwischen. „Lass das, und du mach endlich, dass du dich verziehst. Sonst kommst du schliesslich nicht mehr ins Haus.“
„Ach, ich hab ’n Schlüssel,“ gab sie mit Unschuldsmiene zurück, brennend rot geworden durch die Schmeichelei des Blonden.
Lorensen lachte laut; Kempen aber knirschte ärgerlich mit den Zähnen, denn der Weiberhass packte ihn wieder, der ihm um so notwendiger erschien, je mehr er Beweise für die frühe Verderbtheit dieses Geschlechts bekam, das er niemals hatte verstehen lernen.
„Was ist denn dein Vater?“ forschte Lorensen weiter. Und als sie erwiderte, dass er tot sei, dass ihre Mutter aber für feine Leute Wäsche wasche und plätte, fügte er grossspurig hinzu: „Na, dann bist du ja gerade an die richtige Adresse gekommen.“ Und er schrieb sich ihre Wohnung auf und liess sie gehen. Mit einem Knicks gab sie jedem die Hand und schritt dann hinaus, gefolgt von Kempen, dem nun einfiel, dass der Wagen auf dem Hofe untergebracht werden müsse. Neugierig blieb sie unten stehen, bis er sein Werk verrichtet hatte. „Ja, bist du denn gar nicht fortzukriegen?“ sagte er gutmütig. „Solltest du Schelte kriegen, dann beruf dich nur auf uns.“
„Ach, Mutter schimpft nicht, die kennt mich schon. Ich bin selbständig,“ erwiderte sie mit einem gewissen Stolz und lief dann eilig davon.
„Ein richtiges Berliner Mädel,“ dachte Kempen und stieg nun wieder die Treppe hinauf, auf der das Gaslicht gerade verglimmte.
Oben hatte Lorensen sämtliche Fenster aufgerissen, um die muffige Luft, die noch in den Tapeten steckte, durch frische Luft zu ersetzen. Nun stand er in Hemdsärmeln mitten im Zimmer, umringt von dem Durcheinander ihres armseligen Daseins, wie jemand, der nicht weiss, wo er zuerst mit dem Aufräumen anfangen soll.
„Du, Hermann, das ist ’n Kopp, was? Der muss nächstens ’ran. Da ist Weichheit drin, so ’ne Linie hinten, weisst du, die so —. So was ist furchtbar echt.“ Wenn er nicht den richtigen Ausdruck fand, aber etwas ganz Besonderes sagen wollte, dann wandte er diese Schlussredensart an, die, hart ausgesprochen, etwas Komisches in sich barg, was noch dadurch verstärkt wurde, dass er mit dem gebogenen Daumen krampfhaft Luftlinien beschrieb, als striche er bereits vom weichen Ton etwas ab, um die Form herauszubekommen.
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