Mama geht mit Töchterlein zu H&M einkaufen. Papa geht mit dem Sohnemann zum Rockkonzert. Der Spielraum der Jugend wird immer mehr vereinnahmt, Abgrenzungen zur Elterngeneration werden immer schwieriger. Im Gegensatz zu all den Jahrzehnten zuvor ist es bei der heutigen Jugend offenbar unmöglich, eine treibende Bewegung zu entwickeln. Nicht umsonst wird seit längerem zu nichtssagenden Umschreibungen wie „Generation Golf“, „Generation Pop“ „Generation X - Y - Z“ gegriffen.
Der Mainstream selbst hat sich längst in diverse Subkulturen parzelliert, die deutsche Gesellschaft ist viel zu divers, um noch eine gemeinsame, verbindliche Norm der Lebensstile zu finden. Der früher normative, heute nur noch retro-konservative Familienklassiker – Vater, Mutter,; zweieinhalb Kinder – ist nur noch ein Minderheitenmodell .
Das ist eben das eigentlich Neue an dieser Jugend: Ihr kann kein Stempel mehr aufgedrückt werden. Die Jugendkulturen der vergangenen sieben Jahrzehnte sind ja im Grunde alle bestehen geblieben und existieren in einem bunten Nebeneinander. Dass etwa Hip-Hop, ursprünglich eine Ghetto-Undergroundkultur, eine Mainstreammode geworden ist, ist ein typisches Phänomen unserer Zeit, die durch Kommerzialisierung und Allgegenwart der Medien alles auch nur vermeintlich Neue zum Trend stilisiert, hypt und damit als eigentliche Bewegung entkernt. Die gibt es zwar immer noch, hat aber mit dem, was im Mainstream als Hip-Hop verstanden wird, nur noch die Oberfläche gemeinsam. Das wirkt auf Erwachsene wie Jugendliche und macht es für Letztere in der Folge tatsächlich immer schwerer, sich abzugrenzen. Deshalb werden die Versuche der Minderheiten, die es für ihre Identität nach wie vor wichtig finden, nicht nur „kleine Erwachsene“ zu sein, sondern sich eine eigene Lebenswelt aufzubauen, immer extremer, die Labyrinthe immer verzweigter. Heutige Marketing-Studien sprechen in Deutschland von einer Zahl zwischen 400 und 600 jugend- und subkultureller „artificial tribes“ – also Stammesgesellschaften, die sich durch eigene Rituale, Treffpunkte (reale und virtuelle), Stilmerkmale und vor allem eine eigene Musik voneinander und von der Erwachsenenwelt unterscheiden: Gamer und Ultras, Streetballer und Skateboarder, Health Goth und VSCO-Girls, Trap- und Black-Metal-Fans, Cosplayer*innen und Seapunks – allein die großen Szenen Techno, Heavy Metal, Punk, HipHop und Gothic haben jeweils Dutzende Untergruppen und Substyles herausgebildet. Und wieder – Sie ahnen es bereits – spiegelt das die Entwicklung unserer Gesellschaft wider, die ja nicht umsonst oft als „Minderheitengesellschaft“ definiert wird: Der Mainstream selbst hat sich längst in diverse Subkulturen parzelliert, die deutsche Gesellschaft ist viel zu divers, um noch eine gemeinsame, verbindliche Norm der Lebensstile zu finden. Der früher normative, heute nur noch retro-konservative Familienklassiker – Vater, Mutter, zweieinhalb Kinder – ist nur noch ein Minderheitenmodell, zu dem etwa in Berlin noch rund 20 % der Bevölkerung gehören. Der Anteil der Senior*innen, die inzwischen in Wohngemeinschaften leben, ist fast genauso hoch. Und auch in Sachsen-Anhalt leben inzwischen über 50 % der Menschen in Single-Haushalten. Nicht nur die Jugend ist diverser geworden.
Warum steht davon nichts in den Shell-Studien, Jugendsurveys etc.? Ist die Jugendforschung noch up to date?
Nein. Meines Erachtens war die Jugendforschung mehrheitlich schon immer ein Zweig der Forensischen Anthropologie. Erforscht werden in der Regel Problemlagen: Defizite, die (Mehrheits-) Gesellschaft schädigendes Verhalten, von der Mehrheitsgesellschaft abweichende Einstellungen und Taten. Was also als problematisch (an) erkannt wird, bestimmt nicht das potenzielle Objekt der Begierde, sondern derjenige, der die Definitionsmacht innehält. Also: die politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Elite. So wurden in den 1970er Jahren „die Türken“ zum Problem und damit zum Arbeitsfeld für Forscher*innen erklärt, nicht die den Anforderungen eines modernen, zivilisierten Europas nicht gewachsene deutsche Kriegs- und Nachkriegsgeneration. So wird auch Jugendforschung über die Köpfe der Betroffenen hinweg konzeptioniert. Fragen Sie einmal Jugendliche, was sie gerne erforscht haben möchten, auf welche ihrer Fragen sie sich Antworten aus den Reihen der Wissenschaft wünschten. Extremismusprävention, Jugendgewaltkriminalität und Rauschmittelkonsum stehen da sicher nicht in der Prioritätenliste ganz oben.
Die Jugendforschung krankt. Ihre Konzepte sind von vorgestern. Ihr Personal ist den aktuellen Entwicklungen und Szenen nicht gewachsen. Die stets geforderte Distanz zwischen Forscher*innen und den Objekten ihrer Begierde führt nicht nur zu der typischen Stigmatisierung sogenannter bildungsferner, also proletarischer Milieus durch die in der Regel aus bürgerlichen Schichten, universitär sozialisierten und aus weißer Perspektive kulturalisierenden Forscher*innen, sondern führt auch zunehmend dazu, dass die Forschung Jugendliche einfach nicht mehr versteht. Nur die wenigsten Forscher*innen haben zum Beispiel einen Blick für die nonverbalen, nicht einfach zu transkribierenden und dann mit den Standardprogrammen zu analysierenden Kommunikationsformen; die wenigsten machen sich die Mühe, zum Beispiel ausgiebig deren Partys, Konzerte und andere Events einfach mal als Zaungast zu besuchen, deren Medien zu studieren, um zum Beispiel die Sprache zu verstehen, die in vielen Szenen eminent wichtigen Abgrenzungsrituale und ironischen Spiele zu begreifen. Zwischen 1990 und 2000 sind über 30 wissenschaftliche Studien zur Skinheadszene erschienen – ich möchte behaupten, dass kein einziger der professoralen Autoren je mit realen Skinheads gesprochen, ihre Events besucht hat – bestenfalls, und selbst das stellt noch die Ausnahme dar, haben die Professoren ihre Studierenden „ins Feld“ geschickt. Die meisten aktuellen Szenen sind für Forscher*innen Black Boxes: Sie begreifen die Mode, die Sprache, die Gesten, die feinen Grenzlinien zwischen den Musikstilen nicht. Die Basis ihres Wissens ist ihre eigene musikalische Prägung durch Bands wie die Rolling Stones, Neil Young oder Bob Dylan. Musikvorlieben für Grunge, Hardcore, Thrash, Heavy Metal und andere werden gerne unter der Rubrik „Hardrock“ subsummiert; wer sich zu den Skinheads bekennt, ist immer noch rechtsdenkend, Punks sind Antifaschisten. In Zeiten, in denen Skinheads gegen Rassismus demonstrieren, Nazi-Punks linke Skins verprügeln, neonazistische Jugendgangs im Hip-Hop-Sound rassistische Witze vertonen, in einem Techno-Club oder auf der Partymeile von Mallorca Dutzende Männer mit Krämpfen im rechten Arm den Adolf Hitler tanzen, während im Club nebenan an der Eintrittskasse Solidaritätsbeiträge für gewalttätig obdachlos gewordene Geflüchtete gesammelt werden, kann eine derart schablonenhaft konstruierte Jugendsoziologie und -forschung allgemein nur entsprechende Resultate erzielen. Überraschend viele positive Ausnahmen findet man lediglich unter Musikwissenschaftler*innen und Europäischen Ethnolog*innen – aber die betreiben leider nur sehr selten Jugendforschung. Die ist offenbar kein lukratives und förderfähiges Geschäft – wozu auch, wo doch ohnehin fast jeder seine Meinung zur Jugend hat. Schließlich war man selbst auch mal jung und rebellisch – damals, nach dem Krieg.
Was sagt uns die Jugendforschung denn über die Landjugend, Jugendliche und Jugendkulturen jenseits der großstädtischen Ballungsräume?
Nichts. Abgesehen von wenigen tollen, exemplarischen Ausnahmen konzentriert sich die gesamte Jugendkulturforschung auf die Großstädte. Dass es auch in ländlichen Räumen Jugendkultur gibt, viele großstädtische Szene-Aktivist*innen in Dörfern und Kleinstädten aufgewachsen sind, Klubs und andere Locations in ländlichen und kleinstädtischen Regionen oft für die Entwicklung einer Szene eine herausragende Bedeutung hatten, wird kaum wahrgenommen. Auch deshalb haben wir das Projekt WIR. Heimat – Land – Jugendkultur initiiert. Es ist ein kleiner Versuch, den Blickwinkel zu erweitern. Fast eine Million Menschen sind seit der Wende aus Sachsen-Anhalt ausgewandert. Diese große Welle, überwiegend mangelnder wirtschaftlicher Perspektiven geschuldet, ebbt seit drei Jahren ab. Wer aber immer noch abwandert, sind die Jungen. Selbst dort, wo es Arbeit für sie gäbe. Und damit verspielt das Land seine Zukunft, wenn es sich nicht allmählich dafür zu interessieren beginnt, warum die Jungen abwandern und was sich ändern müsste, damit sie es nicht tun oder nach der Ausbildung, dem Studium gerne zurückkehren.
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