Diese jeweils für fünf Jahre geförderten 54 Projekte teilten sich in folgende Themenfelder:
Aktuelle Formen von Islam-/Muslimfeindlichkeit (14)
Homophobie und Transphobie (9)
Aktuelle Formen des Antisemitismus (13)
Demokratieentwicklung im ländlichen Raum (9)
Antiziganismus (9)
Im ersten Förderjahr gingen bundesweit 54 Modellprojekte an den Start, darunter fünf im Bundesland Sachsen-Anhalt (Träger: Katholische Erwachsenenbildung im Land Sachsen-Anhalt e.V., Bildungsvereinigung Arbeit und Leben Sachsen-Anhalt e.V., Netzwerk für Demokratie und Courage e.V., Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen e.V. und .lkj) – Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt e.V.). Im Gegensatz zu den meisten Bundesprogrammen gab es bei den Modellen keine flächendeckende Verteilung: Während in Berlin allein 19 Projekte angesiedelt waren, gingen sechs Bundesländer (Brandenburg, Bremen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Thüringen) völlig leer aus*
Das in diesem Buchbehandelte Projekt Dehnungsfuge – Auf dem Lande alles dicht? gehört einerseits zum Verbund der fünf Modellprojekte in Sachsen-Anhalt, andererseits zu den bundesweit neun Modellen der „Demokratieentwicklung im ländlichen Raum“. In den ersten Jahren der Modellprojektphase war der Austausch der Akteur*innen in den Bundesländern oder den Themenfeldern nicht strukturiert oder systematisiert. Das zuständige Landesministerium für Arbeit und Soziales Sachsen-Anhalt beteiligte sich finanziell an den maßgeblich vom Bund finanzierten Modellprojekten. Koordinierung, Beratung und Unterstützung durch das Land kamen erst im Lauf der fünf Jahre auf Nachfrage hinzu. Eine Zusammenarbeit der Projektträger mit der zuständigen Bundesbehörde war zum Projektstart ebenfalls durch Unsicherheit und Kompetenzwirrwarr geprägt. Zuständig war nämlich die Nachfolgebehörde des Bundesamtes für den Zivildienst, die sich ab 2011 BAFZA (Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben) nannte. Die sogenannte Regiestelle im BAFZA wurde im Referat 304 am Standort Schleife (Landkreis Görlitz) gebildet. Hier wurden im Laufe der Jahre die administrativen Rahmenbedingungen erprobt und entwickelt.
Weitergehende Informationen sind unter folgendem Link einsehbar:
www.dji.de/fiLeadmin/user_upLoad/DemokratieLeben/Zweiter_Bericht_ModeLLprojekte_2016.pdf
Ein weiterer Player war das Deutsche Jugendinstitut, das vom BMFSFJ mit der Programmevaluation beauftragt wurde. Dieses untersuchte die Umsetzung und die Effekte der Programmaktivitäten in ihrer Gesamtheit, ordnete sie fachlich ein und bewertete sie. Die wissenschaftliche Begleitung realisierte eine Projektbegleitung mit unterschiedlicher Reichweite und Tiefe: Sie kombinierte quantitative Erhebungen bei allen Projekten mit qualitativen Erhebungen bei einem ausgewählten Teil der Projekte.
Ein besonderes Merkmal der Dehnungsfuge war, dass im Grundkonzept mit Theatern im ländlichen Raum nicht nur in unterschiedlichen Regionen, sondern auch in drei unterschiedlichen Bundesländern kooperiert werden sollte. Es erwies sich als außerordentlich schwierig, Ko-Finanzierungen aus Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern zu generieren, was im Lauf der Jahre dazu führen musste, dass sich Schwerpunkte verlagert haben. Dadurch wurde die Projektentwicklung spannend und kreativ – sie wurde über die fünf Jahre dynamisch und von verschiedensten äußeren und inneren Faktoren, die nicht immer planbar waren, abhängig. Diese Kreativität, Dynamik und Spannung spiegeln daher auch die Beiträge in dieser Publikation wider.
„Jugendliche brauchen Freiräume“
Ein Gespräch mit Klaus Farin, Gründer des Archivs der Jugendkulturen in Berlin und Vorsitzender der Stiftung Respekt! , über Jugendkultur heute, Fachkräftemangel und Zukunftsperspektiven.
Klaus Farin, vor 75 Jahren wurde schon über „die heutige Jugend“ geschimpft, heute wieder oder immer noch. Etwas Neues oder eine Konstante?
Dass „die Jugend“ schlecht, ist, ist an sich nichts Neues. Seit Sokrates vor mehr als 2.300 Jahren heißt es über jede Jugend, sie sei schlimmer und unengagierter als die letzte – sprich: wir selbst. Mit der realen Jugend hat diese Einschätzung allerdings wenig zu tun, sie ist viel mehr einer Rosarot-Weichzeichnung und idealisierenden Glorifizierung unserer jeweils eigenen Jugendphase geschuldet.
Wie wild oder angepasst ist denn dann die „heutige Jugend“ im Vergleich zu den Jugendlichen vor 25, 50 und 75 Jahren?
Wir haben es heute mit einer der bravstenjugendgenerationen seit Jahrzehnten zu tun. Ob das gut oder schlecht ist, muss jeder selbst entscheiden. Trotz im Alltag von Jugendlichen allseits präsenter Pornografie findet zum Beispiel der erste Geschlechtsverkehr heute durchschnittlich ein Jahr später als noch in den 1980er Jahren statt und gehen Jugendliche überhaupt eher prüde als offensiv mit dem Thema um: Bei den 14-jährigen Mädchen, ergab eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, sank der Anteil derer, die bereits Sex hatten, seit der letzten Erhebung im Jahr 2005 von 12 auf 7 %. Bei den gleichaltrigen Jungen fiel er sogar von 10 auf 4 %. Mehr als ein Drittel der jungen Frauen und Männer hat bis zu einem Alter von 17 Jahren noch keinen Geschlechtsverkehr, und in der Regel erleben Jugendliche ihr erstes Mal in einer festen Beziehung. Ähnlich brav sieht’s im Bereich der Rauschmittel aus: Der Konsum von Alkohol, Tabak und Cannabis ist unter Jugendlichen in den letzten zehn Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Die Mehrheit der Unter-18-Jährigen trinkt keinen Alkohol mehr. Nur bei den Über-25-Jährigen in ländlichen Regionen ist Alkohol immer noch mehrheitlich ein unverzichtbares Grundnahrungsmittel. Die Raucherquote ist unter den Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren auf einen neuen historischen Tiefstand gesunken: Nur noch 11,7 % der Jugendlichen in Deutschland rauchen. Nur 2,3 % der 12- bis 19-Jährigen kiffen derzeit regelmäßig, also häufiger als zehnmal pro Jahr. Dies ist der faktische Kern der schreienden Schlagzeilen, die von „immer mehr“ jugendlichen Drogenkonsumenten bramarbasieren und schon wahlweise „ein Drittel“ oder gar „jeden Zweiten“ der Jugendlichen als Drogenkonsumenten outen. Der gängigste Medientrick, um hohe Fallzahlen zu generieren (wenn diese nicht gleich wild erfunden werden): Man nennt nicht die niedrigen Zahlen der realen Konsument*innen, sondern die natürlich wesentlich höheren Zahlen der „Lebenszeitprävalenz“, also diejenigen, die irgendwann in ihrem Leben „schon mal probiert“ haben, auch wenn diese nach dem Ausprobieren nie wieder gekifft, geraucht oder Alkohol getrunken haben. Im Vergleich der Generationen bedeutet das: Trotz im Vergleich zu den 1970er Jahren wesentlich erleichterter Zugänge zu Rauschmitteln und weit verbreiteter Angebotsstrukturen saufen, rauchen und kiffen Jugendliche heute deutlich weniger und seltener als ihre Eltern.
Auch Jugendgewalt und -kriminalität sinken in Deutschland seit mehr als einem Jahrzehnt signifikant. Auch die immer wieder behauptete qualitative Steigerung der Gewalt – immer brutalere Täter – lässt sich durch keine Studie oder Statistik belegen. Schutzgelderpressungen auf den Schulhöfen, zwanzig gegen einen, sadistische Quälereien, Einsatz jeglicher Art von Waffen – all das gab es auch schon in den 1950er, 60er und 70er Jahren, zum Glück sehr selten, wie heute auch. Der einzige Unterschied: Jede einzelne dieser Straftaten macht heute Schlagzeilen und die begleitenden Kommentare der Reporter vermitteln den Eindruck, diese Taten seien normal, die Regel und nicht eine Ausnahme.
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