Southampton, England am 9. Januar 2005. Fast 2000 Passagiere besteigen voller Vorfreude das im Jahr 2000 im deutschen Papenburg fertig gebaute 270 Meter lange Luxus-Passagierschiff »Aurora«. Vor ihnen liegt eine 103-tägige fantastische Kreuzfahrt, die sie zu Traumzielen wie Madeira, den Kapverdischen Inseln, San Francisco und Hongkong bringen wird. Die ausnahmslos betuchten Passagiere haben für dieses Vergnügen je nach Kabinenausstattung bis zu 60 000 Euro bezahlt. Dafür wird ihnen aber auch Luxus pur geboten. Mit Gold überzogene Wasserhähne, teuerste Möbel in den als Suiten angelegten Kabinen, Geschäfte, Kinos, Musik, Unterhaltung und beste Speisen warten auf die Gäste.
Das Schiff liegt zum Auslaufen bereit. Die Passagiere treffen sich in den verschiedenen Bars auf dem Schiff oder machen einen ersten Bummel durch die vielen Shops im Inneren des Schiffs. Dann kommt die Durchsage über die Lautsprecher. Die Abfahrt verzögert sich aufgrund eines technischen Problems. Zwei Stunden später die erneute Durchsage: Das Problem konnte noch nicht gelöst werden. Die Schiffsbetreiber bitten die Gäste um Geduld. Mehrere Stunden später eine erneute Durchsage. Das Schiff kann nicht auslaufen. Man hofft, das Problem innerhalb des nächsten Tages lösen zu können. Für die Gäste ist der Zwischenfall zunächst nur halb so schlimm. Man vertröstet sie in der Zwischenzeit mit Gratisdrinks, Unterhaltungsmusik, Kino und üppigen Menüs. Nach zwei Tagen liegt die »Aurora« immer noch im Hafen von Southampton. Auch noch nach fünf Tagen. Die ersten Gäste reagieren nun doch ärgerlich. 385 Personen verlieren die Geduld und verlassen wütend das Schiff. Am neunten Tag ist es dann doch so weit. Der Schaden ist behoben, das Schiff verlässt den Hafen und sticht in See. Die Laune steigt und die Gäste freuen sich auf die vor ihnen liegenden Wochen auf See. Am nächsten Tag, das Schiff befindet sich gerade im Ärmelkanal, erreicht die Gäste die unglaubliche Hiobsbotschaft: Die Luxusfahrt muss definitiv abgebrochen werden. Die verbleibenden 1300 Passagiere werden zurück nach Southampton gebracht.
Was war geschehen? Das Antriebssystem der »Aurora« wies einige gravierende Mängel auf, sodass das 289 Millionen teure Schiff die für die Kreuzfahrt erforderliche Geschwindigkeit nicht erreichte.
Was war das Problem der »Aurora«? Es war die Diskrepanz zwischen ihrer äußeren Erscheinung und ihrem inneren Zustand. Äußerlich gesehen war die »Aurora« ein sehr beeindruckendes Schiff. Sie galt als ein Bespiel für beinahe vollendete Schiffsbaukunst. Von der Ausstattung über das Aussehen bis hin zum angebotenen Service bewegte sich alles auf höchstem Niveau. Ein beinahe vollkommenes Luxusschiff. So sah es von außen aus. Im Inneren wies dieses Schiff jedoch einige gravierende Schwachstellen auf. Der innere Zustand stand in keinem Verhältnis zur äußeren Ausstattung. Dieses Schiff scheiterte, weil sich die Schönheit, die Perfektion, die Genialität und das hohe Niveau nur in den sichtbaren Bereichen des Schiffs niederschlugen. Im Inneren, dort, wo es wirklich darauf angekommen wäre, im verborgenen Bereich der Technik und des Antriebssystems, wurde schlecht gearbeitet. Diesen für die Gäste nicht sichtbaren Bereichen widmete man zu wenig Aufmerksamkeit. Außen Luxus, innen Wartung dritter Klasse. Und das erwies sich als ein fataler Fehler.
Das Schicksal der »Aurora« weist auf eine Tendenz hin, nach der viele Christinnen und Christen ihr Leben gestalten. Es gibt die Urversuchung in uns allen, uns nach außen anders zu geben, als wir tatsächlich sind. Das gilt im Allgemeinen und besonders auch im Blick auf unseren Glauben an Jesus Christus. Wir definieren unseren Glauben und unsere Reife vielfach über unser äußeres Verhalten. Solange es uns gelingt, fünfzehn Minuten täglich in der Bibel zu lesen, sind wir vor Gott okay. Durch meine Gemeindezugehörigkeit und meine Mitarbeit ist doch mein Glaube legitimiert. Dass ich nicht rauche, nicht fluche und mit keinen anderen Frauen ins Bett steige, ist der Beweis dafür, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Ich wachse als Persönlichkeit und als Christ, wenn es mir gelingt, den allgemein von mir erwarteten christlichen Verhaltensnormen zu entsprechen. Wie es in mir wirklich aussieht, ist zweitrangig. Welche Gefühle, Ängste, Zwänge und Sorgen sich in meinem Inneren tummeln, dafür scheint man sich im Kreis vieler meiner Mitchristen nicht zu interessieren. Und ich bin ja auch nicht traurig darüber. Wer hat schon Lust darauf, in den manchmal dunklen Sphären seiner Seele zu rühren?
Doch Gott hat es sich nicht so vorgestellt, als er uns schuf. Das war nicht seine Idee, als er Jesus Christus sandte, um uns zu erlösen und zu seinen Kindern zu machen. Seine Idee war, dass wir in der Beziehung zu ihm zu reifen Menschen werden. Zu innerlich starken, wiederhergestellten, erneuerten Persönlichkeiten, bei denen sich die Diskrepanz zwischen äußerem Verhalten und innerer Realität verringert. Gott wünscht sich nicht, dass wir wie die »Aurora« unsere Fahrt vorzeitig abbrechen müssen, weil wir uns zu wenig um die unsichtbaren Bereiche in unserem Leben gekümmert haben.
Dass es in unserem Leben mit Christus um Reife geht, drückt Paulus in Epheser 4,13 aus:
So sollen wir zur Einheit im Glauben gelangen, in der wir gemeinsam den Sohn Gottes erkennen. So werden wir zum vollständig erwachsenen Menschen und gelangen zur Reife, wie sie in Jesus Christus zu finden ist.
Das ist das Ziel, das Gott sich für Sie und für mich gesteckt hat: Wir sollen mündige, reife Menschen werden. Geistlich und emotional erwachsene Töchter und Söhne Gottes. Innerlich stabile, gesunde Persönlichkeiten.
Die Folgen von einseitig verstandener Reife
Woran wird solche Reife sichtbar? Kann man sie irgendwie erkennen und definieren? Es ist erstaunlich, wie verschieden diese Fragen von Theologen und Experten des Glaubens beantwortet werden. Auffallend viele von ihnen definieren reifes Christsein über Stichworte wie diese:
• Reif wird, wer richtig glaubt (zum Beispiel wer die Bibel als wahres Wort Gottes anerkennt und eine klassische Bekehrung erlebt hat);
• Wachstum ergibt sich dort, wo ich verbindlich zu einer Gemeinde gehöre und dort mitarbeite;
• Wachstum drückt sich so aus, dass ich gegen keine biblische Norm verstoße;
• Glaubensreife ist das Ergebnis regelmäßigen Gebets und Bibelstudiums;
• Fortschritte mache ich dort, wo ich in Glaubensfragen Bescheid weiß.
Die meisten der genannten Punkte gehören zu den erstrebenswerten Zielen eines ernsthaften Christen. Diese Dinge können für unser Leben hilfreich sein. Aber sie sind keine zuverlässigen Indikatoren dafür, ob jemand wirklich reif ist oder nicht. Denn letztlich sind diese Kennzeichen alle rein äußerliche Kennzeichen. Hier handelt es sich ausnahmslos um Dinge, die ein Christ tut und weiß. Was uns Menschen aber ausmacht und reif macht, ist weit mehr das, was wir wissen und was wir tun. Es gibt eine zweite entscheidende Ebene in unserem Leben: unsere innere Welt. Unsere Seele, unser Herz, unsere Gedanken, Gefühle, unser Wille und unser Denken. Sie bilden den Kern unserer Persönlichkeit. Hier findet sich das, was für die »Aurora« der Bereich der Technik und Elektronik ist. Von hier aus wird der ganze Mensch gesteuert und geprägt.
Es kann sein, dass jemand alle diese vorher genannten äußeren Kennzeichen aufweist: Er kennt seine Bibel. Sie hat ihr Leben bewusst Christus anvertraut. Er weiß um die Gaben des Heiligen Geistes. Sie gehört zu einer Gemeinde und arbeitet dort mit. Man trifft ihn im Gebetskreis. Gleichzeitig ist es möglich, dass das meiste Wissen und Verhalten dieser Person von ihrem inneren, emotionalen Leben abgespalten ist.
Gott hat uns als Menschen geschaffen. Diese Tatsache blenden viele aus, die sich um einen reifen Glauben bemühen. Sie reduzieren dieses Thema auf einen rein »geistlichen« Bereich, der mit offensichtlich geistlichen Verhaltensweisen zu tun hat. Von diesem »geistlichen« Bereich schließen sie gewisse Seiten ihres Seins aus. Zum Beispiel ihren Körper, ihre Seele einschließlich ihrer ganzen emotionalen Welt, ihre Beziehungen zu anderen Menschen und manchmal sogar ihre intellektuellen Fähigkeiten.
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