Und trotz der üppigen Natur fehlte eines … kein Vogel war zu hören, kein Tier, das aufgeschreckt durchs Unterholz davonpreschte. Es war eine gespenstisch anmutende Ruhe, die die Gruppe umgab.
Mit einem Mal öffnete sich das Unterholz und gab den Blick auf eine kleine Lichtung frei. Doch der Anblick ließ die Menschen erschaudern. Statuen, die die Menschen um mehr als einen Kopf überragten, blickten von beiden Seiten der Lichtung aus dämonisch wirkenden Augen auf sie herab. Sie waren grob gearbeitet und wirkten wie Ungeheuer aus einer tiefen Hölle.
Bettina drückte sich Schutz suchend an Dagmar.
»Ich fürchte mich, Herrin«, gab sie mit leiser Stimme zu und wagte nicht, zu den Statuen aufzusehen. »Uns steht bestimmt Schreckliches bevor.«
Dagmar suchte nach tröstenden Worten. Doch auch sie fühlte, wie sich die Furcht mit Eiseskälte um ihr Herz legte. »Das Gefühl habe ich auch«, konnte sie nur erwidern. »Schau nur diese grausigen Figuren überall!«

Sie wagte kaum, nach vorne zu deuten, in das Dickicht, in dem nun noch weitere dieser unheimlichen Statuen auszumachen waren.
Gubo wollte etwas darauf antworten, als dicht vor ihm ein Pfeil in einen umgestürzten Baumstamm einschlug und federnd stecken blieb. Der Abenteurer zuckte zurück, dann sah er das Stück Papier, das auf den Pfeilschaft aufgesteckt worden war.
»Was ist das?«, stieß er aus. »Ein Pfeil mit einer Botschaft?«
Vorsichtig sah er in die Richtung, aus der der Pfeil gekommen war, ohne jedoch jemanden – oder irgendetwas – im Dickicht auszumachen. Dennoch sah er sich nach allen Seiten um, bevor er sich nach vorne beugte und das Blatt vom Pfeil zupfte.
»Lies vor!«, forderte Benno ihn auf, der sich nervös über die Lippen fuhr.
Gubo tat sich schwer damit, die Schrift zu entziffern. »Fremdlinge …«, setzte er an, »… wenn euch euer Leben lieb ist, verlasst diese Insel. Die …«, er stockte, »… die Dämonen töten jeden, der den Frieden ihres Reiches stört.«
Der Abenteurer besah sich die Zeilen, bevor er auflachte und das Papier zusammenknüllte. Mit einer schwungvollen Bewegung warf er es von sich und griff nach seinem Schwert.
»Ach was! Dummes Geschwätz!«, brauste er auf. »Davon lasse ich mich nicht einschüchtern!«
Er sah sich zu den Übrigen in seiner Gruppe um. »Kommt, wir gehen weiter!«, forderte er sie auf und wies mit dem Schwert in die Richtung, aus der er den Pfeil vermutete.
Leises Murren war unter seinen Männern zu hören. Keiner von ihnen wagte jedoch, gegen ihn aufzubegehren, und so schlossen sie sich ihm an, die beiden jungen Frauen in ihrer Mitte.
*
Zwei Augenpaare verfolgten im Dickicht, wie sich die Menschen von der Lichtung entfernten. Nahezu geräuschlos erhoben sich die Gestalten und sahen der Gruppe nach. Einer der beiden Männer schloss die Hand fester um seinen Bogen.
»Die Fremden befolgen Euren Befehl nicht, Humba«, stellte er verwundert fest.
Der Mann neben ihm stieß zur Antwort einen unwilligen Laut aus. Er strich sich den Echsenpanzer zurecht, den er wie einen Umhang trug. »Ich sehe es, Kerum«, knurrte er. »Dann werden sie sterben.«
Er sah seinen Begleiter an. »Lass uns gehen«, wies er ihn an.
*
Stunden vergingen, in denen die Gruppe unter Gubos Führung über die Insel irrte. Zu ihrem Glück fanden sie eine kleine Quelle, an der sie zumindest ihren Durst stillen konnten. Der Abenteurer war selbst kurz davor, die Hoffnung aufzugeben, noch auf die Bewohner dieser verfluchten Insel zu stoßen, als vor ihm etwas zwischen den Bäumen aufragte.
»Seht, eine menschliche Siedlung!«, rief er seinen Gefährten zu und deutete auf die Steinbauten. Die grob behauenen Steine wirkten alt und waren teils vom Urwald überwuchert.
Dagmar schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht … es ist alles wie ausgestorben …«
Gubo überhörte ihre Worte und ging auf einen frei liegenden Durchlass im Mauerwerk zu. »Lasst uns hineingehen«, meinte er und deutete in die Öffnung. Ohne auf eine Antwort zu warten, durchschritt er den Torbogen.
»Ich fürchte mich!«, konnte sich Bettina nicht zurückhalten. »Gubo wird uns bestimmt alle ins Unglück stürzen!«
Die Gräfin wollte ihr gerade antworten, als Benno sie zu sich herwinkte. »Was zögert ihr? Kommt her!«, herrschte er die beiden Frauen an, die der Aufforderung nur langsam folgten.
Die Dunkelheit des schmalen Durchgangs wich schnell einem unheimlichen Licht, das flackernd über die Wände zuckte. Säulen, die mit Ornamenten und Reliefs reich verziert waren, stützten das Dachwerk, das sich über ihnen im Dämmerlicht verlor.
»Wir sind im Heiligtum der Inselbewohner«, mutmaßte Gubo und sah sich um. »Aber kein Lebewesen ist zu entdecken …«
Sie passierten einen weiteren Durchgang und betraten eine gewaltige Halle, die von großen Ölbecken erhellt wurde, in denen Flammen hoch zur Decke züngelten. Doch es war nicht die archaische Architektur, die die Menschen in ihren Bann nahm – es war die gewaltige Statue, die am anderen Ende der Halle über allem thronte. Sie mochte gut zehn Meter an Höhe betragen, und ihre prankenhaften Arme schienen die Decke zu stützen. Eine Fratze, die an einen Drachen aus der Fabelwelt erinnerte, starrte aus glutroten Augen auf sie herab.
»Rubine«, flüsterte Gubo ungläubig. »Seht nur!«, rief er, und seine Stimme hallte in dem Saal wider. »Die Statue scheint aus reinem Gold zu sein und ist über und über mit Juwelen besetzt!«
Sein Blick fiel auf die Edelsteine, die den Hals der Statue wie eine Kette umschlossen.
»Ein unheimliches Götzenbild«, erwiderte Dagmar, die es bei deren Anblick schauderte. »Lasst uns umkehren!«, flehte sie den Abenteurer an.
›Umkehren? Dazu ist es jetzt zu spät!‹, antwortete ihr eine hohle Stimme aus der Tiefe des Raums.
Noch ehe die Gruppe reagieren konnte, war sie von zahllosen halbnackten Menschen umringt, die zwischen den Säulen hervorsprangen und ihre steinernen Speere drohend auf sie richteten. Ein Mann stieg auf ein Podest und blickte sie zornig an. Er war neben seinem Lendenschurz in eine Echsenhaut gekleidet, die ihn wie eine Rüstung umgab und auch seinen Kopf bedeckte.
»Ich bin Vathu«, schmetterte seine Stimme durch die Halle. »Und ihr, ihr habt unsere Warnung nicht beachtet, Fremdlinge!« Drohend wies er auf die Gruppe. »Jetzt müsst ihr euren Leichtsinn büßen!«
»Zum Teufel, wir sind umzingelt!«, begehrte Endres auf. Zähnefletschend stieß er einen Speer zur Seite, doch sofort richteten sich zwei weitere auf ihn.
»Überwältigt die Eindringlinge und bindet sie!«, befahl Vathu den Inselbewohnern.
Bevor sich Gubo von seiner Überraschung erholen konnte, wurde er von den Wilden gefesselt. Er sah, wie sie auch nach den Mädchen griffen, bis er bemerkte, wie es Benno gelang, zum Ausgang zu flüchten.
Ohne es unterdrücken zu können, lachte er auf, doch ein Hieb mit dem stumpfen Ende eines Speers ließ ihn schmerzerfüllt in die Knie gehen.
*
Benno hetzte durch die dunklen Gänge und konnte nur hoffen, sich den Weg richtig eingeprägt zu haben. Hinter sich hörte er das wütende Geheul der Wilden, und trotz der Erschöpfung, die in seinen Knochen steckte, beschleunigte er seine Schritte.
Endlich tauchte vor ihm die lichterfüllte Öffnung auf, die ins Freie führte. So schnell er konnte, rannte er auf das nahe Dickicht zu.
Hinter ihm holten seine Verfolger schneller auf, als er gehofft hatte. Ein Schatten jagte zischend an seinem Kopf vorbei und blieb in einem Baumstamm stecken. Mit großen Augen sah Benno den Speer an und blickte sich verzweifelt um.
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