Nachdem sie sich von der Reise ausgeruht hatten, waren Sigurd, Bodo und Cassim von Graf Gebhardt empfangen worden. Er hatte sein Bedauern darüber ausgedrückt, dass es Sigurds Vater nicht möglich gewesen war, selbst zu kommen, hatte aber auch Verständnis dafür, dass er als Burgherr seine Verpflichtungen beim Wiederaufbau nicht vernachlässigen konnte.
Sigurd empfand es als Ehre, dass der Graf ihn dann bat, an der Tafel zu seiner Rechten neben dem Bräutigam Platz zu nehmen. Graf Hartmut war kaum älter als Sigurd, und sie fanden rasch gemeinsame Themen, über die sie sich rege austauschten.
Immer wieder warf Hartmut einen Blick zur Seite, auf die lange Treppe, die sich nach oben zog.
»Es ist das Vorrecht der Damen, sich Zeit zu lassen«, meinte Sigurd schmunzelnd.
Hartmut seufzte und lächelte leicht. »Sie ist wohl noch auf ihrem Zimmer und wird sicher gleich herunterkommen. Ich freue mich, dass auch du meine Braut nun kennenlernen wirst.«
Sigurd wollte ihm gerade antworten, als er ein leises Schmatzen hörte. Er drehte sich in die Richtung und wollte gerade etwas sagen, als Cassim empört den Kopf schüttelte.
»Aber Bodo! Kannst du nicht warten, bis Dagmar die Tafel eröffnet?«
Bodo blickte schuldbewusst auf den Hühnerschlegel in seiner Hand und ließ ihn mit einem Ausdruck des Bedauerns sinken, bevor er sich über die Lippen wischte. Er stöhnte unterdrückt auf. »Ja … entschuldige, Cassim.« Er warf einen Blick in die Runde und war erleichtert, dass auch der Graf ihn mit einem Schmunzeln bedachte. »Aber die Braut könnte nun auch kommen, denn ich gebe zu, ich habe schon großen Hunger …«
*
Durch das geöffnete Fenster ihrer Kammer hörte die junge Frau leise die Musik der Spielmannsleute. Sie stand in der Mitte des Raumes und stieß den Atem aus, während die Schnüre in ihrem Rücken fester zugezogen wurden.
»Oh«, sagte das Mädchen, das hinter ihr stand. »Habe ich zu fest gezogen?«
»Nein, nein«, entgegnete Dagmar lächelnd. »Aber beeile dich bitte. Ich befürchte, wir lassen die Gäste schon zu lange warten.« Sie zog einen Ärmel ihres kostbaren Samtkleids zurecht, das am Kragen und den Handgelenken mit Pelz besetzt war.
»Nur noch die eine Schlaufe, Herrin …«, antwortete das Mädchen, »… und Ihr seid fertig!«
Es trat einen Schritt zurück und betrachtete die Grafentochter aus leuchtenden Augen. »Das Kleid ist wunderbar. Es schmückt Euch prächtig«, konnte es sich nicht zurückhalten.
Dagmar lächelte. »Ich danke dir, Bettina.« Sie ging auf einen Tisch zu und griff nach einem Ring. »Glaubst du, dass ich Hartmut gefallen werde?«, fragte sie mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.
Ein Lachen ließ sie herumfahren.
»Mir gefallt Ihr ausnehmend gut, Dagmar! Und das ist im Augenblick doch die Hauptsache.«
Die Braut stieß einen erschreckten Schrei aus. Ihre Zofe wich mit weit aufgerissenen Augen zurück und sah nur ungläubig auf den Mann, der sich durch das offene Fenster ins Innere schwang.
»Gubo!«, entfuhr es Dagmar.
Dieser deutete einen Diener an, als sein Name fiel. Es schmeichelte ihm, dass sie wusste, wer er war.
Von draußen war Rascheln und ein Grunzen zu hören. Gubo machte einen Schritt in den Raum und gab so den Weg frei für seine Kumpane, die mit einem frechen Grinsen durch das Fenster stiegen und die jungen Frauen ausgiebig betrachteten.
»Verzeiht, Ihr Damen, dass wir so ungebeten hier eindringen – aber ich möchte Euch zu einer kleinen Reise einladen«, eröffnete Gubo und strich sich über seinen gepflegten Schnurrbart.
Wütend blickte Dagmar die Männer an, ohne etwas zu erwidern. Ihre kleinen Hände ballten sich zu Fäusten.
Gubo nahm es mit einem dünnen Lächeln hin und trat so dicht an sie heran, dass sie unwillkürlich einen Schritt zurückmachte.
»Eure Hochzeit sollte morgen sein, junge Gräfin«, führte Gubo aus und neigte den Kopf. »Es tut mir leid, aber Ihr werdet sie wohl verschieben müssen … Graf Hartmut wird gewiss ein hohes Lösegeld zahlen, um seine Braut wohlbehalten wiedersehen zu können.«
Dagmar stieß einen verächtlichen Laut aus. »Was fällt Euch ein?«, fuhr sie ihn an. »Lasst diese üblen Scherze!« Sie wandte sich um und wollte mit schnellen Schritten zur Tür eilen.
Auf ein Zeichen ihres Anführers hin packten die Männer die beiden Frauen und legten ihnen eine Hand auf den Mund. Unterdrückte Schreie drangen zwischen den Pranken der Banditen hervor.
»Scherze?«, meinte Gubo und lachte ungerührt auf, während er Dagmars langes blondes Haar bewunderte, das bei ihren Versuchen, sich zu befreien, hin und her wehte und im Kerzenlicht schimmerte. »Bindet und knebelt die beiden Mädchen«, befahl er seinen Spießgesellen.
Er verfolgte, wie die Männer die Versuche der beiden Gefangenen, sich zu befreien, im Keim erstickten. Binnen kürzester Zeit waren sie mit schweren Stricken gefesselt und ihre Münder mit Tüchern verschlossen. Dennoch sah Gubo nervös zur Tür.
»Beeilt euch!«, zischte er und war erst erleichtert, als die Männer mit ihrer Arbeit fertig waren. Er richtete sich an einen Mann mit einer Augenklappe. »Ihr reitet voraus. Ich bleibe noch zurück.«
Er sah sich um, und sein Blick fiel auf eine Kommode. »Dagmars Schmuck möchte ich mir nicht entgehen lassen …«
*
Im Rittersaal wurden die Gäste langsam ungeduldig. Graf Gebhardt nahm selbst einen Becher Wein in die Hand, um den Gästen so zu zeigen, dass sie nicht zögern sollten, ihren Durst zu stillen.
Alle Anwesenden prosteten ihm und dem Bräutigam zu. Hartmut nahm nur einen kleinen Schluck und sah erneut zur Treppe. »Komm mit mir«, richtete er sich an Sigurd. »Wir wollen Dagmar aufsuchen.«
Graf Gebhardt sah den jungen Mann an seiner Seite nachdenklich an, gab ihm aber dann doch die Erlaubnis, nach seiner Braut zu sehen. Sigurd schloss sich ihm an, und zu zweit stiegen sie die breite Treppe empor.
»So sind die Frauen, wie du schon bemerktest«, meinte Hartmut. »Über ihren neuen Kleidern hat Dagmar sicher alles andere vergessen.«
Sie erreichten den Gang, der zu der Zimmerflucht der Grafentochter führte. Keine Wache verrichtete hier oben den Dienst. Sie alle waren entweder für den Abend freigestellt, um in der Küche an einem eigens für sie zubereiteten Festmahl teilzunehmen, oder wachten über den Rittersaal mit seinen hochrangigen Gästen.
Hartmut blieb vor einer Tür stehen und klopfte gegen das Holz. Doch auch nach mehreren Augenblicken war keine Stimme dahinter zu hören. Der junge Graf klopfte erneut.
»Antworte doch, Dagmar!«, bat er. »Ich bin es, Hartmut.« Noch immer war nichts zu hören. Der Graf wandte sich zu Sigurd um. »Ich verstehe das nicht«, sagte er und runzelte die Stirn. Kurz entschlossen entschied er sich, den Raum entgegen aller Gepflogenheiten zu betreten, öffnete die Tür und trat ein.
»Dagmar, wo bist du …?«
Hartmut machte einen Schritt ins Innere und sah das Aufblitzen vor sich erst im letzten Augenblick. Er schrak zurück und erkannte den Mann, der mit gezücktem Schwert vor ihm stand.
»Gubo?«, rief er aus. »Was wollt Ihr hier?«
Dieser lächelte ihn zur Antwort nur finster an. »Keine Bewegung, Graf Hartmut – oder Ihr seid des Todes!« Wie um seine Worte zu unterstreichen, richtete er die Schwertspitze gegen die Brust des Bräutigams.
Dieser rührte sich nicht und blickte den Abenteurer nur wuterfüllt an. Sigurd hielt sich im Halbschatten des Türrahmens verborgen und konnte nicht sagen, ob der Eindringling ihn gesehen hatte.
Gubo fuhr ungerührt fort. »Eure Braut ist jetzt schon weit fort von hier.« Er lächelte dünn. »Aber seid unbesorgt, sie ist in … sicheren Händen. Und nun«, die Spitze des Schwerts drückte gegen Hartmuts Wams, »gebt mir den Weg frei!«
Ungerührt ob der Bedrohung griff der Graf nach seinem eigenen Schwert. »Sagt mir sofort, wohin Ihr Dagmar gebracht habt, sonst …«
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