Man hört Kasperle von weitem singen.
Kasperle.
Nix freut mich mehr, Sackerlot!
Kein Schweins- und kein Kalbshaxl.
Nix freut mich mehr. Der Tod
Schaut mir alleweil über die Achsel.
Chinese. An diesem Lied erkenne ich ihn. Es handelt von einem bedeutenden mystischen Erlebnis.
Kasperle kommt in die Höhle.
Chinese. Ich bin nicht wert, dir den Schuhriemen aufzulösen.
Kasperle. Nur nicht gar so bescheiden! Aber wissen Sie was, Sie kommen mir grad recht, oder nicht? Sie sind doch ein g’lernter Einsiedler, Herr Chinese? Zeigen Sie mir doch, wie man das macht, das Einsiedeln!
Chinese. Warum willst du denn Einsiedler werden? Für sich. Ich weiß nicht, ob er’s ist. Er sieht gar nicht so bedeutend aus.
Kasperle. Hör, Chinese, was mir passiert ist. Als ich neulich nach Haus kam – im Vertrauen g’sagt, ich war ziemlich blau an dem Abend – und meiner Alten ein Busserl geben wollt’, da hab’ ich auf einmal den leibhaftigen Tod im Arm. Seither freut mich kein Bier und kein Schnaps mehr; immer, wenn ich’s Glaserl heben will, kommt dem sein klapperdürres Knocheng’sicht, wenn man das ein G’sicht nennen soll, zwischen mich und mein Glaserl. Wenn man so ein G’sicht hat, das gar kein G’sicht ist, sollt’ man nicht so aufdringlich sein mit seinem G’sicht. Und seit ich das G’sicht immer vor mir seh’, freut mich ’s Leben nimmer. Deswegen will ich jetzt so eine Leimsiedelei eröffnen. Leise. Daß ich der Meinigen davonlauf’, sag’ ich dem Chinesen nicht. Laut. Des G’sicht, immer des G’sicht!
Chinese. Das Gesicht, das Gesicht! Er ist’s, wie könnte ich noch zweifeln. Das Gesicht, das andere Gesicht! Das Gesicht des Todes! O Abgrund des mystischen Erlebnisses! Nun höre wohl zu! Dies war die erste Stufe der Einweihung. Sie wurde dir geschenkt. Nun kommt die zweite Stufe, die mußt du erringen.
Kasperle. Was ist denn das für eine zweite Treppe, die ich ’naufsteigen soll?
Chinese. Du mußt dein Fleisch töten.
Kasperle. Mein Fleisch? Das werden die Schinken und Würst’ sein, die ich mir allemal kauf’. Die gehören mir, die sind mein Fleisch. Aber wie soll ich die denn töten? Die sind doch schon tot. Man tut doch eine Sau vorher schlachten, eh man Würste aus ihr macht. Aber wahrscheinlich meinst du, ich soll tüchtig hineinbeißen. Das wird schon b’sorgt.
Chinese. O peinliches Mißverständnis eines tiefen Gedankenganges! Er ist es nicht, ich habe mich in ihm getäuscht. Die dritte Stufe wirst du nie ersteigen.
Kasperle. Sag mir’s doch für alle Fälle, vielleicht steig’ ich doch ’nauf.
Chinese. Denke tief in dich hinab, denke dich selbst, denke die Dinge, denke das Wesen – dann denke das Nichts! Wenn du das Nichts zu denken gelernt hast, dann hast du die letzte Stufe der Weisheit erklommen.
Kasperle. Nichts denken, haha! Wenn’s weiter nix ist! Das tu’ ich ja immerfort, ohne daß ich mir große Mühe geb’!
An nichts zu denken sei der Gipfel,
Der Weisheit. Mein Chinese spricht’s.
Das ist famos. Ich dummer Zipfel,
Ich denke sowieso an nichts.
Jetzt sag mir aber noch, wo so eine Höhle ist, in der drin ich an nichts denken kann.
Chinese. Du mußt dort zwischen dem Eichenstrunk und dem alten Uhu, der auf dem Stein sitzt, mitten hindurchgehen, dann kommst du zu einer.
Kasperle. Servus, Chinese, und ich dank auch vielmals. Ab.
Chinese. Er ist es doch! Worum die Weisesten sich umsonst bemühen, das hat er in seiner Einfalt längst geübt.
Das Schloß des Königs.
König allein.
Ich weiß nicht, wie es kommt – ich bin ein erstaunlicher Freund von den alten Sitten.
Es klopft. Der Zauberer Beteigeuze tritt herein.
König. Aha, der reisende Herr Sterndeuter. Was bringt er Gutes?
Zauberer. Wollte noch einmal untertänigst fragen, ob Eure Majestät jetzt meine neuen Sternkarten in ihrem Reiche einführen will?
König. Nein, die alten tun es auch. Die Sterne werden ja ganz konfus, wenn man immer neue Karten einführt.
Zauberer. Beim großen Hund! Das alte Geschlecht versteht mich nicht, ich muß es mit dem jungen versuchen.
Stampft und geht ab.
König. Es ist ein Elend mit den Hausierern. Aber wenn ich an die alten Sitten denke, dann wird mir gleich wieder wohl. Sie sind so schön! Es ist schade, daß man sie nicht in eine Pastete backen kann, sonst würde ich sie jeden Tag zu Mittag essen.
Es klopft. Der Prinz Wunderschön tritt herein.
Prinz. Möchte untertänigst um die Hand Ihrer Tochter Schöneralsschön anhalten.
König. Wie heißt denn Eure Ansehnlichkeit?
Prinz. Prinz Wunderschön!
König. Großartig! Das paßt ja wie der Stöpsel auf die Flasche. Sie sollen sie kriegen.
Er pfeift. Prinzessin Schöneralsschön tritt auf.
Prinzessin. Befiehlt der Herr Papa ein anderes Kopfpolster?
König. Diesmal nicht. Heiraten sollst du. Schau, der heißt Wunderschön, du heißt Schöneralsschön.
Prinzessin. Haha, das paßt ja wie der Stöpsel auf die Flasche.
König. Siehst du, das hab’ ich auch gesagt. Aber ich gebe euch nur unter einer Bedingung zusammen. Der Herr Schwiegersohn verspricht, daß er auf die alten Sitten achtgibt und, wenn sie kaputt sind, nicht einfach neue kauft, sondern die alten reparieren läßt. Sie tun es immer noch. Das Regieren wird mir allmählich sauer, und ich bin manchmal schon mitten am Tag schläfrig. Ich glaube, wir können dann ruhig die beiden Reiche zusammenlegen. Es ist mir ja bloß um die alten Sitten. Jetzt geht der Herr Schwiegersohn ein wenig in den Garten. Ich muß meine Tochter noch etwas auf die Ehe vorbereiten.
Vor dem Schlosse des Königs.
Prinz unruhig.
Schon seit einer halben Stunde bereitet der König die Prinzessin auf die Ehe vor, wo doch das Heiraten so einfach ist.
Zauberer geht auf den Prinzen zu. Heil der Jugend! Sie glaubt an neue Sterne und an neue Sternkarten. Ich habe mein drittes Ohr im Zimmer des Königs liegenlassen. Es hat gehorcht und sagt mir alles. In drei bis vier Wochen regieren Sie! Und neue Sterne werden aufgehen über neuen Sternkarten. Ich lese es in Ihrem leuchtenden Auge. Sie werden in den beiden vereinigten Reichen meine Tabellen einführen.
Prinz. Nichts davon! Habe soeben dem Herrn Schwiegervater geschworen, daß ich die alten Sitten auf immer bei mir behalte. Wenn sie kaputtgehen, sollen sie wieder geleimt werden.
Zauberer. O verflucht! Noch aus dem Grabe wird sich die modrige Königshand gegen mich emporrecken. Aber ich räche mich furchtbar. Nicht an ihm, den ohnedies bald die Würmer fressen, sondern an seinen Kindern: Das wurmt ihn mehr. Jetzt eben, o Wunderschön, trippelt Prinzessin Schöneralsschön die Stiege herunter in deine Arme. Und jetzt, da ich dies ausspreche, zwingt mein Zauber eine Giftschlange, sie in den Fuß zu beißen –
Prinzessin noch unsichtbar. O jemine! Es beißt mich, es beißt mich! Hilf mir, lieber Wunderschön!
Zauberer. Du aber wirst ihr nicht helfen, denn ich verwandle dich auf der Stelle in das menschenfressende Krokodil Biribi. Prinzessin will sich schluchzend in Wunderschöns Arme werfen, prallt aber vor Biribi zurück. Uh, uh, auch das noch! Mein Vater, es beißt mich! Mein Vater, es frißt mich! Stürzt hinaus.
Zauberer. Es hilft dir nichts, o du vormals Wunderschön, jetzt Biribi, daß dir die dicken Tränen über deine Krokodilsbacken laufen. Du mußt dastehen und zusehen und kannst nichts machen. Nur um deine innere Qual zu vermehren, enthülle ich dir alles. Niemand kann dich erlösen, es sei denn der neue Einsiedler, der diesen Wald bezog, Don Gasparo. Wenn er dem Teufel widersteht, wirst du wieder Mensch. Aber deine Menschwerdung hängt an einem dünnen Faden. Ich weiß, wo Don Gasparo sterblich ist, und da ich schon lange mit dem Teufel zusammenarbeite, werde ich dafür sorgen, daß er rechtzeitig von ihm geholt wird. Deine Prinzessin aber stirbt binnen drei Tagen, außer du heilst sie vorher, indem du als Krokodil deine Zunge auf ihre Wunde legst. Wenn du wieder Mensch geworden bist, kannst du ihr nicht mehr helfen. Aber auch als Krokodil wird es dir nicht gelingen, denn entsetzt von deiner Mißgestalt werden sie und ihr Vater das Weite suchen, sobald du dich zeigst. Du aber kannst es nicht sagen, denn ich mache dich stumm. Wisse und leide.
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