Du sprichst hier nur über die Nürnberger Verhältnisse. Ist der Prozess der Etablierung einer eigenen Hooligan-Szene in anderen Städten ähnlich verlaufen?
Ja, das kann man so sagen. In den meisten größeren Städten gab es zu dieser Zeit eine Hooligan-Gruppe. Es gab damals praktisch kein Bundesligaspiel ohne Hooligan-Ausschreitungen. Das wurde nur medial nicht so ausgeschlachtet wie heute.
Wie ging das dann eigentlich mit der „Seerose“ weiter?
Die Mitglieder der „Seerose“ haben sich nach wie vor weiter getroffen. Das Lokal gab es nach dem Abriss nicht mehr. Wir sind dann ein paar Meter weiter gezogen, haben uns dort regelmäßig vor dem Spiel getroffen. Fast alle sind weiterhin auch auswärts gefahren, der Zusammenhalt war da. Mit der Zeit und dem Alter haben wir dann nicht mehr die ganz großen gemeinsamen Aktionen gemacht. Auch mit dem Kickern und Flippern jeden Abend bis in die Puppen war es vorbei. Wir haben uns samstags am Spieltag getroffen.
Sicherlich haben auch einige von euch Familien gegründet. Sind dadurch nicht viele der „Seerose“ ferngeblieben?
Doch, schon einige. Es gab in den 1990er Jahren tatsächlich eine Phase, in der viele eine Familie gegründet haben. Sie bekamen Kinder und hatten nicht mehr die Zeit, überall mitzureisen. Auch das Geld wurde knapper. So zog sich auch der eine oder andere zurück, das muss man ganz klar sagen. Die sind zwar immer noch ins Stadion gegangen, aber waren dann irgendwo in einem anderen Block, allein mit ihrer Familie. Erst so 1997/98, als wir in die 3. Liga abgestiegen sind, da waren viele plötzlich wieder da.
Fanszene im Hier und Jetzt
Was empfindest du, wenn du nach diesen Erlebnissen an die augenblicklich sehr intensiv geführte Gewaltdebatte denkst?
Das ist eigentlich ein Witz. Es ist lächerlich und auch ein Stück weit verlogen. Mir wird oft vorgeworfen, dass ich das Ganze verharmlose, aber ich frage dann, was ich verharmlosen soll. Ich weiß, wie es früher war, und wenn ich das mit heute vergleiche, dann ist das für mich eben harmlos. Wir hatten damals die schrecklichsten, diffamierendsten Gesänge, da hat sich niemand drum gekümmert. Und stell dir mal vor, wir konnten in den 1970er und 1980er Jahren das komplette Feuerwerkssortiment mit ins Stadion bringen. Das war kein Problem. Da gab es Stifte, die aussahen wie Kugelschreiber. Vorne konnte man wahlweise einen Vogelschreck (das nannte man damals so, weil es dafür eigentlich gedacht war) – also Böller – oder eine Feuerwerksrakete draufsetzen und dann in die Luft schießen. Wir haben im Fürther Ronhof den ersten Spielabbruch im deutschen Fußball provoziert. Als dem Schiedsrichter eine Leuchtrakete genau vor die Füße flog, hat er das Spiel der zweiten Liga (Saison 1972/73) abgebrochen. Unfassbar, wenn ich heute darüber nachdenke. Aber so war das damals halt.
Wie erlebst du diesen schon seit Jahren anhaltenden Hype im Fußball? Jeder redet darüber, mal mit mehr, mal mit weniger Ahnung …
Dafür muss ich ein wenig ausholen. Als ich angefangen habe, zum Fußball zu gehen, war Fußball so unpopulär und unangesagt, das kann man sich heute gar nicht vorstellen. Fußball galt schlichtweg als primitiv. Das war wirklich so. Meine Klassenkameraden in der höheren Schule haben dann immer gesagt: „Was, zum Fußball gehst du? Das ist ja asozial!“
Denen war ja nur das öffentliche Bild bekannt, dass Fußballfans immer besoffen sind, sich prügeln und nur Krawall suchen. Fußball zu dieser Zeit war nur was für die ungebildete Unterschicht und Krawallmacher. Ich weiß zum Beispiel, wie Leute, die studiert haben oder angesehene Berufe hatten, mit hochgezogenem Kragen am Block 8 standen. Immer in der Hoffnung, dass sie niemand erkennen möge. Man hat sich regelrecht geschämt, Fußballfan zu sein.
Früher waren auch die Zuschauerzahlen im Vergleich zu heute lächerlich. Dortmund, Schalke, 1860 und Nürnberg waren einige der größten Publikumsmagneten, mit zum Teil schon 30.000 bis 40.000 Zuschauern und das sogar in der zweiten Liga. Es gab viele Städte, da waren in den Bundesligastadien 10.000 Zuschauer, wie beispielsweise im schönen Hamburg beim HSV. Ja, der HSV hat vor 12.000 oder 13.000 Zuschauern gespielt. Im Olympiastadion konnte man sich ganz normal an der Kasse zehn Minuten vor dem Spiel eine Karte kaufen. Dann kam auch noch der Bundesligaskandal 1971 hinzu, das war dann der Tiefpunkt, da haben viele Leute erst recht gesagt, dass sie gar nicht mehr zum Fußball gehen wollen, da das alles Beschiss sei.
Aber auf einmal ging es dann langsam nach oben, Fußball wurde immer attraktiver und populärer. Ende der 1970er Jahre hat man gemerkt, dass er einen größeren Stellenwert bekam. Das lag mit Sicherheit auch daran, dass Deutschland 1974 Weltmeister geworden ist. Es gab immer mehr Menschen, die sich öffentlich zum Fansein bekannt haben. Die haben offen gesagt, dass sie Fußballfans sind. Was zu dieser Zeit immer noch sehr mutig war.
Wie sich der Fußball ab 1980 entwickelt hat, ist für mich ein Wahnsinnsphänomen. Da spielen wohl verschiedene Faktoren mit rein. Zum einen natürlich, dass Fußball gesellschaftlich immer mehr akzeptiert wurde. Der Professor hatte sich fortan als Fan des Vereins XY geoutet, hatte womöglich sogar eine Dauerkarte. Das wäre in den 1970er Jahren undenkbar gewesen. Dann hat auch noch die Nationalmannschaft ihren Teil dazu beigetragen, speziell als sie 1990 die WM in Italien gewann.
Aber eins muss ich trotzdem loswerden: Dem Typen, der erst drei Jahre dabei ist und sagt: „Nur der FCN!“, kaufe ich das genauso ab wie den alten Jungs aus der „Seerose“. Im Prinzip sind wir gar nicht weit auseinander, und das wissen und spüren die Jungen, speziell auch die Ultras. Denen liegt viel daran, uns alte Leute zu integrieren. Die Ultras freuen sich sehr, wenn wir kommen. Und das ist für uns auch eine gewisse Anerkennung oder auch Respekt, der uns da entgegengebracht wird. Bei uns gab es damals schließlich auch Leute, die sich schon nach drei Jahren „FCN“ tätowieren ließen. Halt nur nicht so kunstvoll wie heute.
Was unterscheidet die Ultras Nürnberg im Jahr 2012 von dem Fanklub „Seerosen“ im Jahr 1972?
Eigentlich gar nicht so viel. Wir hatten keine Megafone und keine so straff und gut geführte Organisation wie die Ultras von heute. Das Interessante, was mich persönlich immer fasziniert hat, war auch, dass wir wirklich vom Müllmann bis zum Architekten alles dabeihatten. Das ist heute bei den Ultras genauso. Man akzeptiert und respektiert jedes Mitglied, weil jeder seine Stärken hat, die er in die Gruppe einbringt. Damals wie heute. Allerdings war es damals bei einigen, die eine wissenschaftliche Ausbildung hatten, so, dass es deren berufliches und privates Umfeld überhaupt nicht nachvollziehen konnte, wieso die zu solchen Leuten wie denen vom Fanklub „Seerose“ gingen. Ich durfte schon als kleiner Junge erleben, wie dieses gemeinsame Erlebnis Fußball uns richtig zusammengeschweißt und verbunden hat. Das war und ist für mich nach wie vor das Faszinierendste an diesem Sport. Egal ob arm oder reich, gebildet oder nicht, rechts oder links, die Liebe zu unserem Verein verbindet und das ist unter sozialen Gesichtspunkten unglaublich wertvoll und wichtig. Leider kapieren das viele Politiker bis heute nicht.
Viele kamen, viele gingen. Heino Hassler aber blieb …
Ja, so ist es. Der Club hat natürlich mein ganzes Leben geprägt. Ehrlich gesagt, gab es aber schon auch Phasen, in denen es auch mir schwer fiel, immer wieder und Samstag für Samstag dem Club treu zu bleiben. Ich hab über all die Jahre parallel einen anderen intakten Freundeskreis gehabt, der Fußball immer konsequent ablehnte. Das Ganze zu koordinieren, war manchmal schwierig für mich. Aber das, was du vorhin gesagt hast, dass Leute wegfallen, das kam immer wieder vor. Aber es waren trotzdem immer noch genug alte dabei. Und der harte Kern der Truppe, die Leute, mit denen ich damals bei der „Seerose“ zusammen angefangen habe, sind eigentlich immer noch dabei, und viele fahren auch heute noch mit 53, 54 Jahren zu Auswärtsspielen. Wir organisieren jetzt sogar wieder Busse, da sitzen dann fast 60 Leute drin, zum Teil auch schon mit ihren Kindern.
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