Also der Anfang der ersten Seerosen-Leute geht bis 1966/67 zurück. Da gab es auch wiederum noch keine Kutten, das heißt, das waren eher Fans, die beim Stadionbesuch Trikot trugen, wie man es heute auch noch praktiziert. Diese meist älteren Mitglieder der Seerose haben sich dann keine Kutte mehr übergezogen, meinten, sie wären schon zu alt für diese neue Entwicklung. Ein Privileg der Jugend sozusagen (lacht).
Aber die Jüngeren trugen in der Zeit fast alle Kutten. Es war praktisch so, dass man nicht, wie später leider üblich, 5.000 schwachsinnige Aufnäher draufgenäht hat. Warum? Weil es damals einfach nicht so viele davon gab. Es waren meistens die offiziellen Logos vom Verein und dann vielleicht im besten Fall noch so ein ringverzierter Flügel oder so was. Also nichts von anderen Vereinen, denn Fan-Freundschaften gab es noch gar nicht.
Wie lange dauerte die Kutten-Dominanz an?
Ungefähr bis Ende der 1970er Jahre. Um 1978/1979 ging es dann langsam mit den sogenannten Poppern los. Popper waren Jugendliche, meist aus gutem Hause, die sich den Nacken penibel ausrasierten und eine exakt zurechtgefönte Ponyfrisur hatten. Sie hatten damit quasi auch ihre eigene Uniform. Auch trugen sie bei 30 Grad und blauem Himmel einen Regenschirm. Vorbild und Erkennungszeichen dieser Szene war der Film „A Clockwork Orange“ von Stanley Kubrick. Da gab es ja eine Jugendgang namens „Droogs“. Diese Jungs wollten im Prinzip alle nachahmen. Und die Schirme dienten im Stadion dann auch dazu, dass man die Leute schön verprügeln konnte. Das hat lange Zeit gar keiner richtig gecheckt. Damals konnte jeder fast alles ins Stadion mitnehmen, das war überhaupt kein Problem.
Die Club-Fanszene in den 1970er Jahren: „Der Block 4 war quasi unser Wohnzimmer“
Heute dominieren die Ultragruppen als Stimmungsmacher in den Kurven. Gab es bei euch damals auch schon ein organisiertes Anfeuern oder eine sonstige organisatorische Aufstellung?
Im Prinzip waren wir damals als Gruppe auch eine feste Organisation. Man kann uns deshalb schon als legitime Vorfahren der Ultras bezeichnen. Wir waren auch die Herren in der Kurve (Block 4). Was uns fehlte, war die technische Ausstattung wie Megafon etc. Damals ging es dann los mit den ersten Fahnen. Die wurden mit der Zeit dann immer größer und größer. Das Problem war nur, dass diese noch aus richtigem Baumwollstoff bestanden. Es interessierte niemanden, ob der entzündbar war oder sonst irgendwas. Es war Baumwollstoff, und wenn es mal geregnet hat, ist der ganz schön schwer geworden. Dann kamen die ersten Ideen, auf leichtere Stoffe und Materialien umzustellen. Die Fahnen wurden fortan geschraubt, es gab Mittelstücke, damit man sie zusammenlegen konnte. Ich kann mich noch gut an die Kurvenfahne der Fans des 1. FC Kaiserslautern erinnern, das war eine Riesenfahne, auf der sich schön aneinandergereiht die einzelnen Nationalflaggen der damaligen Spieler wiederfanden.
Eure Heimat war im Club-Stadion damals der legendäre Block 4 …
Der Block 4 war quasi unser Wohnzimmer (lacht). Wir haben es damals aber geschafft, die Stimmung weit über den Block 4 hinaus zu tragen. Der Block 4 war im Prinzip größer als heute der Block 9/11er im Frankenstadion. Dort standen fast 4.000 Leute, das hat schon ganz gut geklappt.
Wie viele dieser Kutten haben den Club auch auswärts begleitet?
Auswärtsfahrten waren früher auch eine Kostenfrage. Es war nicht ganz so billig und einfach wie heute. Autos hatten damals die wenigsten, also musste man meist auf Angebote der Bahn zurückgreifen. Es gab das sogenannte Wochenend-Rückfahr-Ticket, damit konnte man vergünstigt fahren. Oder auch die genannten Gruppenfahrten, für uns eher Großgruppenfahrten. Dafür brauchte man mindestens 15 Personen, und bei 50 konnten zwei Leute umsonst mitfahren. Dadurch, dass alles geteilt wurde, war das dann auch sehr günstig. Hinzu kam, dass wir damals in der Regionalliga Süd spielten, da waren die Fahrten nicht ganz so weit. Außerdem hatten wir auch unsere Methoden, um den Schaffner auszutricksen.
Am Spieltag trafen wir uns immer spontan am Bahnhof, etwa drei bis vier Stunden vor Anpfiff, dann wurde durchgezählt, wer alles mitfahren will, und anschließend wurden die Tickets am Schalter gekauft. Von der Seerose waren immer 50 bis 60 Fans dabei. Und wenn es mal Spiele in der Nähe waren wie Bayreuth, München oder Hof, wurden es auch schon mehr, vielleicht ein paar Tausend. Aber so in der Regel waren wir auswärts etwa 60 bis 100 Personen.
Waren auch Gewaltbereite dabei?
Ja, klar. Da waren schon richtig krasse Jungs dabei. Die haben, wenn es geknallt hat, keine großen Unterschiede gemacht. Wenn wir bei Auswärtsfahrten aus dem Bahnhof kamen, wurde sich erst einmal umgeschaut, ob jemand von der gegnerischen Mannschaft da war. Wenn man einen gesehen hat, gab es oft gleich eins auf die Mütze.
Wie, einfach drauf, egal, wer das war?
Ja, so war das damals. Heute kesselt man die Fans ein, trennt sie schon bei der Anreise peinlichst genau voneinander, das gab es damals noch nicht. Am Bahnhof wusste man nicht, ob das Gegenüber gewaltbereit war oder einem sogar eine Falle stellte. Wie übrigens so oft. Dann ging es halt zur Sache, Schal ziehen, Trikot klauen und so, das war völlig normal.
Also alle kräftig alkoholisiert und gewaltbereit! Ein gefährlicher Cocktail, oder?
Ja, sicher war das so. Alkohol steigert die Emotionen und reduziert auch Hemmungen. Wir sind zum Teil mit ganzen Fässern voll Bier zu den Auswärtsspielen gefahren. Dementsprechend ging es anschließend auch zur Sache. Ich muss mich hier an eine Situation in München erinnern, dort gab es einmal eine komplette „Entglasung“ des „Wienerwalds“ in der Nähe vom Olympiastadion. Die hatten in München damals die „schwarzen Sheriffs“, eine Art Sicherheitsdienst mit Stahleinlagen in den Handschuhen. Das waren extrem gewaltbereite Schläger, die ganz offiziell bei der Stadt als Ordner für die Sicherheit in der U-Bahn engagiert waren. Die haben uns in dem Lokal gleich blöd angemacht, weil unter ihnen auch 1860-Fans dabei waren. Dann wollten sie einen Nürnberger festnehmen, was schließlich der Startschuss für eine Massenschlägerei war, wie man sie sich heute nicht mehr vorstellen könnte.
Der Fanklub „Seerose“: Die Geburt eines Mythos
Wie waren deine sozialen Kontakte zu anderen Mitgliedern des Fanklubs „Seerose“?
Es war im Prinzip so, dass wir uns regelmäßig in der „Seerose“ getroffen haben. Das heißt, für uns war das ein Wohnzimmer. Also für ganz viele Leute, 30 Tage im Monat waren die in der „Seerose“.
Jeden Tag? Erzähl doch mal etwas über euren damaligen Treffpunkt!
Jeden Tag. Das Lokal gibt es schon längst nicht mehr. Bereits als wir es zu unserem Klubhaus bestimmten, wussten wir, dass es irgendwann abgerissen werden würde. Dass es uns dann noch 15 Jahre erhalten blieb, war uns natürlich nur recht. Aber in das Lokal hat natürlich keine Brauerei und kein Wirt mehr Geld investiert. Demzufolge war es alles sehr günstig, der Wirt war Grieche, unser Panos. Es war alles sehr locker, er hat nicht drauf bestanden, dass dort jemand etwas konsumieren muss. Die meisten von uns hatten ja wenig Geld. Wenn also einer gekommen ist und kein Geld hatte, dann hat er halt nichts bestellt. Es war eine Mischung aus Kneipe und Jugendclub. Es gab einen Billardtisch, Flipper, Kicker, Musikbox, also ganz klassisch, wie es in der Zeit halt so war. Die Fans, die dort regelmäßig verkehrten, waren alle Club-Fans, und es entstanden daraus immer mehr Freundschaften. Manchmal kleinere Cliquen, manchmal größere. Die einen verstanden sich besser, die anderen weniger.
Musstest du dich als einer, der zu den jüngeren Seeroslern gehörte, in der Gruppe irgendwie hochdienen?
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