Ja, das war so üblich. Ich bin bereits relativ früh, mit 13 Jahren, zum ersten Auswärtsspiel des Club mitgefahren. Das war dann schon so, dass ich von den Älteren, die aber gerade mal vier, fünf Jahre älter waren, in den Hintern getreten wurde (lacht). Du musstest im Zug schon mal den Kellner machen und den Älteren ein Bier holen. Und das dann auch bitte ohne großes Murren. Die Alten kannten nach einem Jahr noch nicht mal meinen Namen. Man musste sich in der Gruppe bewähren. Ich ging ja noch zur Schule, hatte fast kein Geld und die Älteren aus der „Seerose“ haben uns dann oft mal was ausgegeben. Dann fielen Sprüche wie: „Komm, Junge, trink mal ein Bier, das zahlen wir!“ Das war ein sehr angenehmes und freundschaftlich-kollegiales Verhältnis. Wir waren halt alle Clubberer. Im Laufe der Jahre wurde ich dann immer bekannter, und ich bin dabei geblieben, über all die Jahre.
Und damals ist dieser Mythos Seerose entstanden?
Also wir reden jetzt von einem Zeitraum, der 1968/69 nach der letzten Meisterschaft für den FCN begann und bis 1979/80 ging. Also mehr als zehn Jahre. Da war der Fanklub „Seerose“ die dominierende Kraft in der Nürnberger Fanszene. Es war DER Fanklub. Die anderen Fans haben sich uns in der Kurve dann schon irgendwie untergeordnet. Sicherlich gab es auch noch kleinere Fanklubs auf dem Land, die natürlich nicht immer in die „Seerose“ kommen konnten. Zum Beispiel haben sich 1978 die „Altmeister“ aus Hersbruck gegründet. Wir sind öfter mal zu denen rausgefahren, das war nie ein Konkurrenzdenken, sondern ein Miteinander.
Die 1980er Jahre: Die Hooligans rücken ins Rampenlicht
Aber irgendwann kamen doch dann auch wieder Jüngere, die auch ihr eigenes Ding machen wollten, oder?
Ja, das ist der Lauf der Dinge. Die junge Garde, die dann nachkam, war locker fünf bis sieben Jahre jünger als wir, auch ein völlig anderer Typus. Die kamen zunächst zu uns in die „Seerose“ und haben gesagt, sie möchten auch auswärts mitfahren. Das sind sie dann, und sie waren eine willkommene Verstärkung. Wir Seerosler merkten recht schnell, dass die sehr gut waren.
Also auch gewaltbereiter?
Ja. Eindeutig gewaltbereit, richtig gewaltbereit.
Das waren also die Anfangszeiten der „Red Devils“, die ersten Hooligans in der Nürnberger Fanszene?
So könnte man sagen. Aber es gab auch häufig Ärger zwischen alt und jung. Die Jüngeren machten irgendwann ihr eigenes Ding und nannten sich fortan „Red Devils“. Da ich einer der jüngeren von der „Seerose“ war, fühlte ich mich im Prinzip fast mehr zu denen hingezogen als zu den eigenen Leuten von der „Seerose“. Und ich hatte auch eine Freundin, die bei den „Red Devils“ war. Deshalb war ich eigentlich fast mehr bei denen als bei meinen Leuten. Das waren junge Leute, die hatten einfach mehr meinen Musikgeschmack, die haben ihre Freizeit genau wie ich verbracht. Und sie waren körperlich einfach noch mal eine Nummer fitter.
Ich kann mich noch genau an ein Ereignis erinnern. Es war der Jahreswechsel 1979/1980. Der Fanklub „Seerose“ lud jedes Jahr zu einer legendären Weihnachtsfeier ein. Wir hatten damals bei der Tombola einen Hauptgewinn, in dem Jahr irgendeinen Ghettoblaster. Einer von unseren Jungs hat den gewonnen, hat den ins Auto gelegt und kam zwei Stunden später ganz aufgelöst zurück und sagte, man habe ihm die Fensterscheibe eingeschlagen und den Ghettoblaster geklaut. Die breite Masse war natürlich sofort der Meinung, dass dies nur welche von den Jüngeren, neu Dazugekommenen gewesen sein konnten. So was mache doch keiner von uns. Man muss wissen, dass die Jüngeren von ihnen schon in richtig schräge und obskure Geschäfte verwickelt waren. Da waren Drogenhändler dabei, die ersten Leute waren auch schon im Jugendknast etc. Das war eine ganz andere Nummer als unsere Jungs von der alten „Seerose“.
Gut, die späteren und heute noch aktiven „Red Devils“ streiten das bis zum heutigen Tag kategorisch ab. Das glaube ich ihnen auch, denn in der Gegend haben damals noch ganz andere Leute gewohnt. Aber sie nahmen das zum Anlass, ihr eigenes Ding zu machen. Sie fühlten sich von uns verraten und ungerecht behandelt. Typisches Generationsproblem, besonders und gerade auch bei Subkulturen. Sie spalteten sich von uns ab und machten dann ihren eigenen Fanklub auf, die „Red Devils“. Sie waren die erste und auch jahrelang dominierende Hooligan-Gruppe beim FCN.
Letztendlich bist du zu einer Ikone der „Seerose“ geworden. Was hat dich bis heute dort gehalten?
Die Jungs von den „Red Devils“ haben mich natürlich auch gefragt, ob ich zu ihnen übertreten möchte. Es gab übrigens auch zwei Seerosler, die das gemacht haben. Ich aber habe mir gesagt: Nein, ich bin von der „Seerose“ und das bleibe ich auch. Das ist kein Thema für mich! Vielleicht war es auch so, weil ich damals doch schon ein bisschen älter war und mir die ganze Nummer eine Idee zu gewaltbereit war. Es gab ja kein Spiel, bei dem es nicht richtig geknallt hat.
Seid ihr zusammen mit den „Red Devils“ zu den Auswärtsspielen gefahren?
Ja, wir sind meistens alle zusammen gefahren. Es gab nie eine Konkurrenz, da waren wir gemeinsam in der Sache: „Nur der FCN“. Es kam auch nicht vor, dass die einen in dem und die anderen in dem Waggon waren, das war komplett gemischt. Auswärts waren wir immer zusammen, ein unzertrennbarer und sich gegenseitig schützender Verbund. Das musste auch so sein, denn es gab ja auch Angriffe von anderen Fans auf uns. Aber ab Mitte der 1980er Jahre waren die „Red Devils“ schon die führende Kraft. Das ist der Lauf der Dinge.
Duelle nach Art „Dritter Halbzeit“
Fallen dir noch Beispiele für besondere Auseinandersetzungen ein?
Köln fällt mir hier spontan ein. Ich erinnere mich noch genau, als wenn es gestern wäre. Aus dem Zug raus, raus aus dem Bahnhof, gleich links die 40 Jahre für den Club 51 Rolltreppe hoch Richtung Domplatte. Und dann standen sie schon vor uns, die Kölner Hooligans. Die sind allerdings gleich reihenweise gefallen. Die Kölner hatten zwar quantitativ sehr viele, aber qualitativ war das nichts. Die ersten Erfolge waren schon gigantisch. In den 1980er Jahren begann auch die Freundschaft mit den Schalkern. Zusammen mit denen waren wir ein unglaublicher Mob, der in Westdeutschland seinesgleichen suchte.
Gab es zwischen den Kölnern und den Nürnbergern bestimmte Verabredungen?
Du musstest nicht viel verabreden. Es war ja klar, wann wir am Bahnhof in Köln ankommen. Und da haben sie schon auf uns gewartet. So war das eigentlich fast überall. Damals hat es ja nahezu kein Spiel ohne Auseinandersetzungen gegeben. Die Polizei hat dann immer mehr aufgerüstet und hat auch versucht, die Fans frühzeitig zu trennen. Das ist ihnen natürlich nicht immer gelungen. Zu der Zeit gab es auch noch Jagdszenen mitten im Stadion. Keine Kameras, dafür sehr viel Platz, da die Stadien fast nie ausverkauft waren.
Das klingt ziemlich nostalgisch und gewaltverherrlichend …
Was heißt gewaltverherrlichend? Ich erzähle die Geschichten nur, wie sie sich damals ereignet haben.
Hast du denn nie darüber nachgedacht, dass da einige Sachen aus dem Ruder gelaufen sind?
Klar habe ich das. Was glaubst du, warum ich mich seit 25 Jahren beim sozialpädagogischen Fanprojekt Nürnberg engagiere. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was die Jungs im Alter von 13 bis 15 Jahren bewegt, was sie antreibt, durch Deutschland zu fahren und ihre Abenteuerlust beim Fußball auszuleben. Fußball, Gruppendynamik, Reisen und Gewalt, das geht manchmal miteinander einher.
Als ich älter wurde, habe ich mir mal gedacht, dass ich meine Erfahrungen, vor allem auch die schlechten, an die jungen Leute weitergeben sollte. Deshalb engagiere ich mich auch schon seit mehr als 25 Jahren in der Jugend- und Sozialarbeit, fahre deshalb auch zu fast jedem Auswärtsspiel.
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