An der Tür klingelt es. Gleich darauf geleitet Frau John den Assistenten Becker herein und verschwindet wieder in der Küche. Noch ehe der Gast die Anwesenden richtig begrüßt hat, ist Frau John wieder da, mit Besteck und einem Tablett voll dampfender Schüsseln.
„Sie müssen nachexerzieren, Herr Becker. Mein Mann hat schon gegessen.“
„Herzlichen Dank. Aber ich müßte wohl erst ...“ Becker sieht seinen Vorgesetzten fragend an und platzt dann rasch heraus mit der Neuigkeit, die er bringt. „Herr Kommissar, wir wissen bereits, von wem der Fußabdruck bei der Jagdhütte herrührt!“
„Im Falle Dahlen? So?“
„Jawohl, Herr Kommissar. Kurz nachdem Sie fortgegangen waren, meldete sich ein Fräulein Janka Bolana in Präsidium bei mir und gab an, vorgestern abend bei Dahlen in der Jagdhütte gewesen zu sein.“
„Das müssen Sie mir mal erzählen, Becker.“
Frau John gibt ihrem Mann eine leichte Kopfnuß. „Schon wieder deinem eigenen Grundsatz untreu, Alfred? Du sagst doch immer: Zu Hause wird nicht gefachsimpelt.“
„Ja ja, Grete. Mag ich auch nicht, die paar Heimstunden hab ich gern für mich. Der Beruf frißt einen ja sowieso schon mit Haut und Haaren auf. Aber das hier ist wichtig. Es handelt sich um einen neuen Fall, der ... Na, Becker, schießen Sie los!“
Frau John nimmt ergeben eine Handarbeit vor. Sie weiß: nun wird Becker doch das gute Essen, sein Lieblingsgericht, erst halbkalt bekommen.
„Ich habe das Protokoll mitgebracht, Herr Kommissar.“ Becker zieht ein paar Bogen hervor und reicht sie über den Tisch. „Janka Bolana hat in der Abendzeitung von dem Tod Dahlens gelesen und ist gleich zum Präsidium gestürzt, um Näheres zu erfahren. Im Verlauf der Unterredung stellte ich dann fest, daß die Bolana mit Dahlen befreundet war und ihn vorgestern abend in seiner Jagdhütte besucht hat. Mir fiel auf, daß sie sehr kleine Füße hat, und ich nahm daher gleich einen Abdruck. Er stimmt mit dem bei der Hütte gefundenen vollkommen überein.“
John hat das Protokoll durchgelesen und legt es auf den Tisch. „Janka Bolawinsky, Künstlername Bolana, 36 Jahre alt, Leiterin einer choreographischen Schule“, wiederholt er sinnend das Gelesene. „Welchen Eindruck hatten Sie von ihr, Becker?“
„Ich glaube, daß sie die Wahrheit sagt. Wenigstens im wesentlichen. Die Bolana ist ein etwas verblühtes, aber sehr schickes und pikantes Persönchen. Sie war sehr aufgeregt, teils über die unerwartete Todesnachricht, teils wohl auch aus Angst, selber in die Sache verwickelt zu werden. Daß sie vorgestern bei Dahlen war, sagte sie mir aus freien Stücken. Er soll sie eingeladen haben, ihn da draußen zu besuchen. Angeblich interessierte sich Dahlen für ihre Tanzschule und wollte sich daran finanziell beteiligen. Na ja ...“
John wirft einen vorsichtigen Blick nach seiner Tochter. „Ich denke mir schon das meine, Becker. Hm, die Tänzerin sagt aus, daß sie gestern abend bis 23 Uhr Tanzunterricht gegeben hat?“
„Soweit ich in der Eile feststellen konnte, ist das richtig, Herr Kommissar. Zwei der von Fräulein Bolana angegebenen Zeugen hab ich telephonisch erreicht. Sie bestätigen die Einlassung der Bolana.“
„Da kann sie also gestern nicht draußen gewesen sein. Die angegebenen Personalien stimmen?“
„Jawohl. Nach Auskunft des Meldeamtes sind sie richtig.“
John schenkt sich ein neues Glas Bier ein. „Da hätten wir dann also die Dame, die zu dem Fußabdruck gehört. Ist mir offen gestanden sehr lieb, denn es vereinfacht die Sache. Man rennt oft so einer Spur nach und verliert kostbare Zeit mit Dingen, die sich schließlich als gänzlich harmlos erweisen. Kennt Fräulein Bolana den Bildhauer Brögli?“
„Nein. Ihrer Aussage nach hat sie den Mann nie gesehen.“
„Werden das alles ja noch nachprüfen. Für alle Fälle können wir die Bolana morgen noch mal vorladen. Aber vormittags, lieber Becker. Am Nachmittag möcht ich selber mal zur Jagdhütte rausfahren. Hm. Geuer hat heute Nachtdienst?“
„Zingsheim, Herr Kommissar.“
„Richtig, Zingsheim. Haben Sie ihm gesagt, daß er mich anrufen soll, wenn Nachricht von einer Grenzstelle über Brögli eingehen sollte?“
„Jawohl.“
„Na dann ... lassen Sie das Essen nicht kalt werden, lieber Becker. Meine Frau glubscht schon.“
Nach dem Essen wird bei Bier und einer Zigarre noch eine Stunde geplaudert. Nicht von dienstlichen Angelegenheiten, Kommissar John weiß seinen Assistenten zum Erzählen zu bringen. Von seiner Heimat an der schwarzen Wupper erzählt Becker, von Burger Bretzerln und der schwindelhohen Konstruktion der Müngstener Brücke, von seinen Vorfahren, die ehrsame, alteingesessene Schwertschmiede waren im Remscheider Land.
Georg, der Sekundaner, ist näher gerückt und hört interessiert zu. Auch Waltraut hat John an den Tisch gelotst, aber sie hat ihr Abenteuerbuch mitgenommen und guckt von Zeit zu Zeit verstohlen hinein, um darzutun, wie wenig sie die Erzählung Beckers fesselt.
Um halb zwölf — Georg ist schon zu Bett, und Assistent Becker ist eben im Begriff, sich von Frau John zu verabschieden — ruft der Beamte vom Innendienst an. Telephonische Meldung der Grenzkriminalpolizei. Der Bildhauer Hans Brögli, geboren am 20. 8. 1904, ist bei der Paßkontrolle im D-Zug Berlin—Basel angehalten und vorläufig in Gewahrsam genommen worden.
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