„Jawohl, Herr Kommissar. Und Otto Brielow?“
„Ganz richtig, daß Sie auch an den denken. Könnte am Ende doch so was wie eine Wilderer-Tragödie vorliegen. Aber der ist uns ja sicher, wie Sie selbst sagen. Ich nehme an, daß die Gendarmerie in Pritzow den Mann im Auge behalten wird?“
„Ich habe den Oberwachtmeister in diesem Sinne instruiert.“
„In Ordnung. Vielleicht fahre ich morgen mal selber raus und seh mir die Jagdhütte an. Bißchen frische Luft täte mir verdammt wohl.“
„Das wäre sehr gut, Herr Kommissar. Es ist da nämlich noch etwas ...“
„Na, was drucksen Sie denn, Becker? Kenn ich ja gar nicht an Ihnen. Also was ist noch?“
Assistent Becker gibt sich einen Ruck. „Etwas Bestimmtes nicht, Herr Kommissar. Nur — ich habe den Eindruck, daß in der Jagdhütte nach etwas gesucht worden ist.“
„Wieso?“ John greift wieder nach dem Bericht der Mordkommission und schaut hinein. „Geld und Wertsachen bei den Toten gefunden ... Allem Anschein nach nichts entwendet ... keinerlei Unordnung, die auf Raubmord schließen läßt ... Hm. Sind Sie der Ansicht, Becker, daß Dahlen irgend welche besonderen Wertobjekte in seiner Jagdhütte hatte?“
„Schwerlich, Herr Kommissar. Es ist nur ... In der Schreibtischlade im Jagdhaus fand ich ein wüstes Durcheinander von allerdings unwichtigen Briefen und Papieren, während sonst alles in der Jagdhütte von musterhafter Ordnung zeugte. Frau von Dahlen bestätigte mir auch, daß ihr Mann geradezu pedantisch ordnungsliebend war. Herr Assessor Hakkedans meint allerdings, dieser Unordnung im Schreibtisch sei keine Bedeutung beizumessen.“
Kommissar John hört nur noch halb hin. Er sitzt plötzlich ganz aufrecht und seine Augen haben einen fernen, entrückten Blick. Seine etwas kurzen, dicken Finger kribbeln.
„Gefällt mir nicht“, murmelt er abwesend vor sich hin. „Gefällt mir ganz und gar nicht.“ Dann seufzt er auf, kommt zu sich und fährt mit der Hand über seine Glatze. „Lieber Becker, wir haben’s ja leider schon oft genug erlebt. Anfangs sieht ein Fall ganz klar und einfach aus. Und dann tappt man auf einmal doch im Düstern und die Geschichte erweist sich als höchst verwickelt. Ich fürchte fast, so wird’s auch diesmal werden. Was Sie da eben sagten, schmeißt uns alles über den Haufen, sowohl die Wilderergeschichte wie die vermutliche Täterschaft des Brögli.“
„Aber, Herr Kommissar“, wendet Becker erschrokken ein. „Ich habe doch nur ... Es war nur ein ganz persönlicher Eindruck, den ich erwähnte.“
„Ja, ja. Versteh schon. Aber mir kribbelte es in den Fingern, als Sie eben die Unordnung im Schreibtisch erwähnten. Böses Zeichen. Glauben Sie mir, Becker, dieses — hm — Fingerspitzengefühl ist wichtiger als alles andere. Wer das nicht hat, der soll in Gottes Namen die Kriminalistik an den Nagel hängen und sich einen anderen Beruf suchen.“ Kommissar John hat sinnend, halb zu sich selbst gesprochen. Nun wirft er die Anwandlung ab, packt seine Papiere zusammen und steht auf. „Also veranlassen Sie die Benachrichtigung der Grenzstellen, Becker. Dann haben wir mal wieder unseren Feierabend verdient. Ich seh Sie wohl nachher noch bei mir zu Hause? Soviel ich weiß, hat meine Frau Würstchen mit Kartoffelsalat. Und Waltraut ist auch daheim.“
„Herr Kommissar ...?“
„Na, was denn, Mann? Soll ich glauben, daß Sie meinetwegen so oft zu uns kommen? Mich können Sie tagsüber hier wohl genügend genießen.“
„Verzeihung, Herr Kommissar, wenn ich aufdringlich ...“
„Ach, Blech. Freu mich immer, Sie zu sehen, lieber Becker. Das wissen Sie doch. Und meine Frau und mein Mädel freuen sich auch. Also bis nachher denn.“
„Besten Dank, Herr Kommissar.“
„Uff! Endlich mal wieder vernünftig gefuttert!“ Kriminalkommissar John schiebt seinen Teller zurück, lehnt sich behaglich in seinen Stuhl und läßt eine Flasche Bier ins Glas glucksen. Er liebt es, gut und lange zu essen, kommt aber selten dazu. Oft genug muß Frau Margarete John seufzend das Mittagessen in die Röhre stellen, weil ihr Mann mal wieder nicht los kann vom Präsidium. Und kommt er dann endlich, hat er kaum Zeit, ein paar Bissen herunterzuschlingen. Muß gleich wieder weg.
Frau John sieht, wie ihr Mann die Stiefel abstreift, und holt ihm schweigend die warmen Hausschuhe. Sie standen längst schon zum Anwärmen am Ofen, aber es ist besser, nicht darüber zu reden. John liebt es nicht, wenn man allzu besorgt um ihn ist.
Frau John seufzt innerlich ein bißchen. Sie hat es nicht immer leicht. So vieles ist anders gekommen. Als sie im Jahre 1912 Alfred John heiratete, dachte noch niemand an die Polizeilaufbahn. John hatte die Rechte studiert und besaß ein kleines, väterliches Vermögen, das ihm erlaubte, eine Anwaltspraxis aufzumachen. Aber dann war der Krieg gekommen, und nachher war das Geld entwertet. John war nicht zusammengebrochen in dem allgemeinen Elend. Kurz entschlossen war er damals zur Polizei übergetreten.
Die bitteren Jahre, da Alfred John sich als Anwärter mit seinen kleinen Tagesgeldern durchschlagen mußte, gehören der Vergangenheit an. Als es seiner Energie damals gelang, eine weit verzweigte Falschspielerbande zu entlarven, hatte man ihn fest angestellt. Heute ist Alfred John längst wohlbestallter Kriminalkommissar, bezieht ein auskömmliches Gehalt und kann sich die hübsche Vierzimmerwohnung in der Lessingstraße leisten. Aber Frau Margarete hat sich nie innerlich so recht mit dem aufreibenden Beruf ihres Mannes abfinden können.
„Hast doch noch ein paar Würstchen aufgehoben, Grete? Becker kommt wohl noch heut abend.“ John nickt seiner Frau zu und blickt dann zu seinem Liebling hinüber, der zwanzigjährigen Waltraut, die mit hochgezogenen Beinen in einem breiten Sessel hockt und in ein Buch vertieft ist. „Was liest du denn so eifrig, Mäuschen?“
„Magelhaens.“ Etwas ärgerlich kommt die Antwort. Waltraut denkt: Wenn Vater doch endlich mal das dumme „Mäuschen“ sich abgewöhnen würde. Ich bin doch kein Kind mehr!
John trinkt langsam und mit Genuß das schäumende Bier. Seefahrtgeschichten — denkt er —, das hat sie von mir. Man müßte wirklich mal raus aus dem Trott. Sich den frischen Wind um die Ohren wehen lassen. Zum Beispiel mal nach den Kanarischen Inseln. Oder die afrikanische Westküste entlang. Es gibt da billige Gelegenheiten. So mit einem Bananendampfer. Waltraut müßte natürlich mit. Vielleicht auch Grete. Der täte das ganz besonders gut. „Im nächsten Urlaub reisen wir“, sagt er laut und vergnügt. „Paß mal auf, Grete, das wird ’ne Sache. Nicht auf so ’nem schwimmenden Hotel, sondern ganz gemütlich als einzige Fahrgäste auf einem soliden deutschen Frachter. Was meinst du dazu?“
„Ja, das wäre fein, Alfred.“ Frau John nickt mütterlich, sofort bereit, den Gedanken, der ihrem Mann Freude macht, weiterzuspinnen. Ach ja, wenn er es doch nur wahrmachen wollte. Alfred sehnt sich ja schon jahrelang nach so einer Seereise. Aber er kommt nie dazu. Auch diesmal würde es nichts werden. Irgend etwas würde schon dazwischenkommen.
„Und du, Mäuschen? Machst du mit?“
Waltraut John schrickt ein bißchen zusammen und sieht herüber. „Was denn, Vater? Ich war so vertieft ins Lesen.“
„Kohl nicht, Mäuschen. Hast ja eben gar nicht gelesen, sondern in die Luft geplinkert. Du, das machst du in letzter Zeit häufig. Was träumst du denn so?“
Georg John, der fünfzehnjährige Sekundaner, schließt mit vernehmbarer Wucht seine Logarithmentafeln und grient die Schwester wissend an. „Die Lililili-Iiebe“ summt er vor sich hin.
„Orsch, ich verbitte mir deine Dämlichkeiten!“
„Was denn? Wollen wir wetten, daß du eben wieder an deinen Herrn Zaber gedacht hast, Waltraut?“
„Ich kann denken, woran ich will. Kümmer du dich um deine Schularbeiten.“
Читать дальше