ODEEV, HANDSZAR – KRAMNIK, WLADIMIR
U18-Meisterschaft UdSSR, Ukraine 1988, Bedenkzeit: klassisch
1. e4 c5 2. Sf3 e6 3. b3 Sc6 4. Lb5 Sf6 5. e5 Sd5 6. 0-0 Le7 7. c4 Sc7 8. Lxc6 bxc6 9. d4 cxd4 10. Dxd4 c5 11. Dg4 0-0 12. Sc3 f6 13. Lf4 Lb7 14. Dg3 Se8 15. Se1 fxe5 16. Lxe5 d6 17. Lf4 Lf6 18. Tc1 Lh4 19. Dh3 Txf4 20. g3 Td4 21. Dxe6+ Kh8 22. Sc2 Td3 23. Se1 Td4 24. Sc2 Td2 25. gxh4 Dxh4 26. De3 Sf6 27. Dg3 Dxg3+ 28. hxg3 Se4 29. Sb1 Te2 30. Tfe1 Sxg3 31. Sc3 Txe1+ 32. Txe1 Sf5 33. Se3 Sd4 34. Kf1 Te8 35. Sb5 Sxb5 36. cxb5 Lf3 37. Sc4 Lg2+ 38. Kxg2 Txe1 39. Sxd6 Ta1 40. a4 Ta3 41. Sc8 Txb3 42. Sxa7 c4 43. Kf1 c3 44. Ke2 h5 0:1
Wladimir Kramnik:
»Das war mein erster Auftritt im Rahmen eines Turniers auf nationaler Ebene und somit das erste große Jugendturnier in meinem Leben. Es war die sowjetische U18-Meisterschaft und damit das stärkste Jugendturnier der Sowjetunion und zu jener Zeit gleichzeitig das beste der Welt. Alle aufstrebenden Stars waren am Start: Gata Kamsky, Alexei Schirow oder Peter Swidler, um nur einige zu nennen. Insgesamt nahmen 60 Spieler teil, und sie waren im Durchschnitt vier bis fünf Jahre älter als ich. Denn ich war erst zwölf und konnte am Ende immerhin einen hervorragenden fünften Platz belegen.
Es war mein erster großer Erfolg. Danach wusste in Russland jeder, dass es da einen talentierten Spieler aus der tiefsten russischen Provinz gab. Mein 16-jähriger Gegner Handszar Odeev war selbst einer der besten Junioren zu dieser Zeit. Die Partie ist ebenfalls ein gutes Beispiel für meinen Stil: aktiv, positionell und für das Alter ziemlich präzise gespielt. Ich hatte das Läuferpaar und konnte ihn überspielen. Im Endspiel zeigte ich schon eine ganz ordentliche Technik.«
KRAMNIK, WLADIMIR – GERMANAVICHUS, SERGEI
U18-Meisterschaft UdSSR, Pinsk/Weißrussland 1989, Bedenkzeit: klassisch
1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 a6 6. f4 e5 7. Sf3 Sbd7 8. a4 Le7 9. Ld3 0-0 10. 0-0 exf4 11. Kh1 Sc5 12. Lxf4 Ld7 13. De2 Te8 14. a5 Tc8 15. Le3 Lf8 16. Ld4 Lg4 17. De3 Lh5 18. Lxf6 Dxf6 19. Sd5 Dd8 20. b4 Sd7 21. c4 Lg6 22. Tae1 Le7 23. Da7 Tb8 24. Lc2 Sf6 25. La4 Tf8 26. Dd4 Sxd5 27. Dxd5 Lf6 28. e5 dxe5 29. Sxe5 Lxe5 30. Txe5 h6 31. Ld7 Dc7 32. c5 Kh8 33. Te7 Tbd8 34. Dd6 Dxd6 35. cxd6 f5 36. Td1 f4 37. Lg4 Lf5 38. Lf3 Tf6 39. d7 Kh7 40. Lxb7 h5 41. b5 axb5 42. a6 Tb6 43. Te8 Txd7 44. Txd7 Lxd7 45. Le4+ g6 46. Te7+ Kh6 47. a7 Lc6 48. Te6 1:0
Wladimir Kramnik:
»Die Partie spielte ich ebenfalls während der sowjetischen U18-Meisterschaft, nur ein Jahr später. Ich würde sie auch heute nicht viel anders spielen und wäre glücklich damit: im gleichen positionell aktiven Stil. Man kann erkennen, dass sich dieser innerhalb eines Jahres wiederum erheblich verbessert hat, und in dieser Partie stand am Ende ein schön herausgespielter Sieg.«
VAN WELY, LOEK – KRAMNIK, WLADIMIR
U21-Europameisterschaft, Arnheim/Niederlande 29.12.1990, Bedenkzeit: klassisch
1. d4 e6 2. c4 f5 3. g3 Sf6 4. Lg2 c6 5. Sf3 d5 6. 0-0 Ld6 7. b3 De7 8. Lb2 b6 9. Se5 Lb7 10. Sd2 0-0 11. Sdf3 Sbd7 12. Dc2 Tac8 13. cxd5 cxd5 14. Dd3 Se4 15. Sxd7 Dxd7 16. Se5 De7 17. f3 Sf6 18. Tac1 Sd7 19. Txc8 Txc8 20. Sxd7 Dxd7 21. e4 dxe4 22. fxe4 Lxe4 23. Lxe4 fxe4 24. Dxe4 Le7 25. Te1 Lf6 26. Te2 Dd5 27. Dxd5 exd5 28. Kf2 Kf7 29. Ke3 h5 30. h3 b5 31. Kd3 b4 32. Te1 Tc6 33. a3 bxa3 34. Lxa3 Ta6 35. Lb2 Kg6 36. Lc3 Ta3 37. Ta1 Txa1 38. Lxa1 Kf5 39. Ke3 g5 40. Kf3 g4+ 41. hxg4+ hxg4+ 42. Ke3 Le7 43. Lc3 Ld6 44. Le1 Ke6 45. Kd3 Kd7 46. Ke2 Kc6 47. Kd3 Kb5 48. Kc2 a5 49. Kd3 a4 50. bxa4+ Kxa4 51. Lf2 Kb3 52. Le1 Kb2 53. Lf2 Kc1 54. Le3+ Kd1 55. Lf2 La3 56. Ke3 Lc1+ 57. Kd3 Ld2 58. Le3 Le1 59. Lf4 Lf2 60. Le5 Ke1 61. Kc3 Ke2 62. Kb4 Kf3 63. Kc5 Ke4 0:1
Wladimir Kramnik:
»Das war für mich eine sehr bedeutende Partie bei der U21-Europameisterschaft. Ich war erst 15 Jahre alt und belegte am Ende den geteilten dritten Platz. Für die Begegnung mit Loek bekam ich den Preis für die schönste Partie des Turniers. Dabei handelte es sich um meinen ersten internationalen Pokal, auf den ich sehr stolz war und der auch heute noch in meinem Trophäenschrank steht. Viel wichtiger war jedoch, dass mich danach Anatoli Bychowski, der Cheftrainer der sowjetischen Jugendmannschaft, unterstützte. Die Partie gegen van Wely war ein entscheidender Auslöser für ihn. Bychowski erzählte mir Jahre später, dass er durch dieses Spiel verstanden habe, dass ich ein wirklich großer Schachspieler werden könne.
Er vermittelte mir danach einige Einladungen zu russischen Turnieren, die ich sonst wohl nicht bekommen hätte und die mich in meiner weiteren Entwicklung sehr voranbrachten. Das Beeindruckende an dieser Partie gegen van Wely war, dass ich den drei Jahre älteren Niederländer in einer ausgeglichenen Stellung überspielen konnte. Nach dem 25. Zug bot Loek Remis an. Ich lehnte ab, weil Schwarz über einen besseren Läufer verfügte, spielte über beide Flanken und konnte winzige Vorteile nach und nach ausbauen. Mit 15 Jahren hatte sich meine Endspieltechnik schon ganz erheblich verfeinert. In diesem Stil habe ich später viele wichtige Partien meiner Karriere gewonnen.«
»Time Is On My Side« The Rolling Stones (1964)
Vom chaotischen Genie
8
In der Schachwelt tat sich im Jahr 1992 eine Menge. Garri Kasparow gründete die Professional Chess Association (PCA). Es war sein erster Schritt, um sich vom Weltverband FIDE endgültig zu lösen. Am 27. Juni 1992 starb Michail Tal, achter Schachweltmeister der Geschichte, im Alter von nur 55 Jahren.
1992 war auch das Jahr, in dem Bobby Fischer – 20 Jahre nach seinem legendären Sieg in Reykjavík – noch einmal antrat. Seine allerletzten öffentlichen Partien spielte er für ein Preisgeld von drei Millionen USDollar gegen Boris Spasski in Sveti Stefan (Montenegro) und Belgrad. Es war ein ziemlich bedeutungsloser Show-Wettkampf, den Fischer mit 17,5:12,5 locker gewann. Bobby schien das Geld des jugoslawischen Privatbankiers Jezdimir Vasiljević bitter nötig gehabt zu haben. Das Match brachte ihm nämlich im Nachhinein noch jede Menge Ärger ein, da er damit gegen das UNO-Embargo gegen Rest-Jugoslawien verstoßen hatte, das mit Serbien und Montenegro beide Veranstaltungsorte umfasste.
Fischer drohten daraufhin in den USA Haft und eine hohe Geldstrafe, so dass er den Wohnort häufig wechselte. Wann immer den USA Fischers Wohnort bekannt wurde, versuchten die US-Behörden, seiner habhaft zu werden. Jedoch erfolglos. Nach Aufenthalten unter anderem auf den Philippinen, in Deutschland, Ungarn und Japan fand Bobby sein letztes Domizil auf Island. In Reykjavík, dort, wo er einst seinen größten Kampf ausgefochten hatte, verstarb er am 17. Januar 2008 – ohne seine Heimat jemals wiedergesehen zu haben.
Die Schachwelt begann mich immer mehr in ihren Bann zu ziehen. Ich hatte im Profisport bereits Erfahrungen mit Fußballern, Boxern, Handballern und Tischtennisspielern gemacht. Aber Schach, das war noch einmal ganz etwas anderes. Die Spitzengroßmeister verfügten in der Regel über außergewöhnliche Fähigkeiten und starke Persönlichkeiten. Sie genossen einen ungeheuren Respekt, selbst bei den Medien. Alles war viel intensiver, nachhaltiger. Und: Sie waren echte Globetrotter. Mit ihrem Spiel zogen sie rund um die Welt, nicht wie ein Profifußballer, der vielleicht zwei- oder dreimal im Jahr im Rahmen der Europapokalwettbewerbe ein anderes Land sah. Nein, Schach war viel mehr und das nicht nur wegen seiner Großmeister.
Rückblickend glaube ich, dass die 1980er und die 1990er Jahre das goldene Zeitalter des Schachspiels darstellten. Die Eröffnungsvorbereitung mittels Computerunterstützung war noch nicht so weit fortgeschritten, und der Mensch war der Maschine im Prinzip noch überlegen. Viele Spieler reisten noch mit Schachbüchern und ihren eigenen Aufzeichnungen zu den Turnieren. Die gesamte Szene inklusive der konkurrierenden Großmeister traf sich in den Hotels der Spielorte morgens zum Frühstück. Aus aller Herren Länder kamen sie, und es wurde über Schach, Sport oder Politik gefachsimpelt. Nach den Partien setzte man sich oft und gerne auf ein Glas Wein oder Bier zusammen. Es war noch eine »romantische« oder sagen wir besser gemütliche Zeit. Freundschaften entstanden, und die Gesellschaften eines Artur Jussupow, Jan Timman, Klaus Bischoff, Eric Lobron oder Iwan Sokolow bleiben unvergessen.
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