Wladimir arrangierte sich mit den Verhältnissen bestens. Schon als Junge war er dabei ziemlich kreativ. Oft nistete er sich auf dem kleinen Balkon ein und hatte dort seine Ruhe. Irgendwie hatte es sein Vater geschafft, eine winzige Ecke abzutrennen und vor Wind und Wetter zu schützen. Oder er studierte im Atelier seines Vaters, inmitten einer ganzen Serie von Lenin-Kopfskulpturen, die ihm ganz nebenbei auch hervorragende Dienste als Nussknacker lieferten.
Menschen wie Kramnik, die im Sternzeichen Krebs geboren sind, wird hinsichtlich ihres Wesens Sensibilität sowie die Fähigkeit zu heller Freude, tiefer Liebe und großem Leid bescheinigt. Krebs-Männer seien treu, loyal und viel zäher, als man meinen möchte. Andererseits aber auch viel sanfter, als der erste Eindruck glauben mache. Falls sich der Krebs-Mann missverstanden und verletzt fühle, könne er sehr empfindlich reagieren. Wenn er sich dann in seinen Panzer verkrieche, sei es sehr schwer, ihn aus seiner Verschlossenheit zu holen. Diese Verallgemeinerungen im Rahmen von Horoskopen sind verständlicherweise nicht jedermanns Sache. Es ist jedoch erstaunlich, wie zutreffend im Fall Kramniks diese Beschreibungen sind.
Als Wladimir vier Jahre alt war, machten ihn seine Eltern mit den Schachregeln vertraut. Danach ließen sie ihn mit dem Schachbrett und den Figuren ganz bewusst allein. Irgendetwas an diesem Spiel zog ihn magisch an, und auch ohne weitere Anleitung ließ er nicht mehr locker. Sein Interesse war ein für allemal geweckt, und Kramnik lernte schnell, wie es bei Kindern in diesem Alter nicht ungewöhnlich ist. Was im Elternhaus aber auffiel, war seine Freude und Ausdauer beim Spiel und auch schon ein natürliches Gefühl für das Wirken der Kräfte auf dem Brett. Als Fünfjähriger wurde er Mitglied der Schachsektion im örtlichen Pionierpalast.
Am Beispiel Wladimirs zeigt sich die große Stärke der ehemaligen UdSSR im Bereich der Talentförderung. Kinder, die Freude und gute Anlagen in einer Disziplin zeigten, fanden schon in jungen Jahren Strukturen mit Betreuern und Trainern vor, die sich für ihre weitere Ausbildung engagierten.
Selbstverständlich war das gewaltige Schachtalent des Wladimir Kramnik früh erkennbar. Die weiteren Entwicklungsschritte folgten in ungeheuerem Tempo. Als Siebenjähriger zählte er bereits zu den Spielern der sogenannten ersten Kategorie, und mit acht Jahren gewann der dunkelhaarige Junge die Erwachsenenmeisterschaft von Tuapse. Das war 1984. Dabei holte er sagenhafte neun Punkte aus neun Partien. Nie mehr danach gelang ihm eine 100-prozentige Ausbeute in einem Turnier. Deshalb sagt Kramnik noch heute mit einem Schmunzeln, dass diese Leistung das beste Resultat seiner Schachkarriere gewesen sei.
Schach war Nationalsport in der ehemaligen Sowjetunion, und in nahezu jedem Haushalt wurde es gespielt. In einer Stadt mit rund 60.000 Einwohnern im zarten Alter von nur acht Jahren die Stadtmeisterschaft, noch dazu in dieser Weise, vor allen anderen Größen zu gewinnen, macht auch heute noch sprachlos. Die Nachricht ging wie eine Schockwelle durch das Städtchen. Fortan war das Wunderkind Wladimir Kramnik eine lokale Berühmtheit und die Bewohner Tuapses mächtig stolz auf ihren genialen Sohn.
Der hoch aufgeschossene Junge – im Erwachsenenalter sollten es stolze 1,95 Meter werden – war trotz allem zu dieser Zeit nur wenig in der Schachtheorie bewandert. In ein paar gängigen Systemen kannte er sich lediglich hinsichtlich der ersten fünf bis acht Züge aus. Dennoch erlaubte ihm sein bereits erkennbares, außergewöhnliches Positionsgefühl eine gute Entwicklung aus der Eröffnung heraus. In den kleinen Händen Wladimirs begannen seine Figuren kraftvoll zusammenzuarbeiten.
Hin und wieder waren in seinen Partieanlagen schon klare Pläne ersichtlich. Diese herausragenden Fähigkeiten in kindlichem Alter wurden natürlich von einigen Experten der Region erkannt, nicht erst seit seinem ersten Erfolg gegen einen Großmeister. Mit zehn Jahren besiegte er im Rahmen einer Simultanveranstaltung den konsternierten Alexander Panchenko, eine bekannte Schachgröße der Region.
Dem Staunen folgte weitere Unterstützung. Mit den Meisterspielern Orest Awerkin und Alexei Ossatschuk wurden Wladimir erstmals zwei Trainer von Rang zur Verfügung gestellt. Mit elf Jahren galt Kramnik als Meisterkandidat und war schon einer der führenden Spieler der Region Krasnodar, einem Gebiet von immerhin mehr als fünf Millionen Menschen.
Im Jahr 1986 schlug er als Zehnjähriger mit Vadim Zaitsew erstmals einen Meisterspieler in einer seriösen Turnierpartie. Für so junge Spieler war dies im Sowjetschach ein höchst seltenes Ereignis. Danach waren für Wladimir Partieerfolge gegen hochkarätige Gegner keine Seltenheit mehr.
6
Allen Legenden und Trainern zum Trotz, die wichtigste Person für die Entwicklung seines Talentes war bis zum zwölften Lebensjahr sein Vater. Doch es kam der Punkt, an dem die familiäre und regionale Förderung ihre Grenzen fand. Dass Wladimir dennoch ohne jegliche Verzögerungen und Einbrüche die nächsten Schritte machen konnte, war einem Zufall und einer einzigen Person zu verdanken. Kramniks Vater arbeitete an einer Auftragsarbeit, einer Wandmalerei, im örtlichen Postgebäude und kam so mit dem Chef der Behörde, Zahar Avetisian, ins Gespräch. Sie unterhielten sich lange über Wladimir.
Zahar Avetisian verfügte als Postchef über sämtliche Telefonnummern des Landes. Ohne dass Vater Kramnik etwas davon wusste, rief er Michail Botwinnik in Moskau an. Der Ex-Weltmeister war eine Institution und unterhielt die berühmte Botwinnik-Schachschule, eine Eliteförderung für die allerbesten Talente in der Sowjetunion. Natürlich erreichten Botwinnik und seine Mitarbeiter Tag für Tag unzählige Anfragen dieser Art, aber wirklich nur die Allerbesten der Besten bekamen eine Chance. Doch muss Avetisian, selbst ein passionierter Schachliebhaber, wohl sehr überzeugend gewesen sein. Sie einigten sich darauf, dass er Botwinnik einige Partien Kramniks schicken sollte.
Dies geschah, Botwinnik sichtete das Material und erkannte in Partieanlage und Spielführung des kleinen Kramnik sofort dessen einzigartiges Potenzial. So war es kein Wunder, dass nur wenige Wochen nach dem alles entscheidenden Anruf des Postchefs die Familie eine Einladung nach Moskau erreichte. Ein sechswöchiges Probetraining schloss sich dort an. Wolodja oder Wlad – wie ihn seine Freunde liebevoll nennen – bestand auch diesen Test und war gerade einmal zwölf Jahre, als er 1987 in die Botwinnik-Schachschule zu Moskau aufgenommen wurde.
Zweifellos waren diese Ereignisse im Jahr 1987 von entscheidender Bedeutung für den Verlauf der weiteren Karriere. Wenn er jedoch heute daran und an seine eigenen Kinder denkt, hat Wladimir gemischte Gefühle: »Es ist schön, so früh Bestätigung zu bekommen, und das motiviert ungemein. Aber eine normale Kindheit hatte ich nicht. Alles drehte sich um Schach. Für andere Dinge, einfach nur spielen, wie es für Kinder und Jugendliche normal ist, hatte ich keine Zeit. Jeden Tag studierte oder trainierte ich mehrere Stunden. Wenn kein Training anstand, reiste ich von Turnier zu Turnier.«
Michail Botwinnik traf ich Anfang 1992 im italienischen Reggio Emilia beim Frühstück. Er interessierte sich dafür, dass wir die Dortmunder Schachtage zu einem Weltturnier entwickeln wollten. Wir unterhielten uns ein wenig über seine Moskauer Schachschule. Botwinnik, der bis weit in die 1980er Jahre seine Schüler noch selbst unterrichtete, wurde bei diesem Thema redselig. Als wir auf seine Schützlinge zu sprechen kamen, bezeichnete er Kramnik als das größte Talent. Es war das erste Mal, dass ich diesen Namen hörte. Jürgen Grastat, ehemaliger Dortmunder Turnierdirektor, sorgte in der Folge dafür, dass Kramnik zum A-Open der Dortmunder Schachtage 1992 eingeladen wurde. Es war eines der bestbesetzten offenen Turniere aller Zeiten, welches Kramnik zur großen Überraschung auch gleich mit einem geteilten ersten Platz gewann.
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