Topalow spielte zu jener Zeit gegen e4 nur Sizilianisch und war damit sehr erfolgreich. Ich hatte zwar Initiative aus der Eröffnung, aber es ist in diesen Stellungstypen einfach, falsche Entscheidungen zu treffen, nicht nur in einer Blindpartie, sondern sogar im klassischen Schach. Ein erster wichtiger Moment war Topalows Springeropfer 22. … Sxc2. Nach 23. Kxc2 und 23. … Lxe4+ war mein König ein wenig verwundbar. Objektiv hätte Weiß besser stehen müssen, aber tatsächlich ist die Stellung nicht so einfach.
Schwarz hatte einen sehr starken Springer auf e5, der das Zentrum kontrollierte. Er wollte seine Türme auf der h-Linie aktivieren. Es gab keinen direkten Weg für Weiß, und Schwarz hatte potenziell gefährliches Gegenspiel. Ich tauschte die Damen, und danach spielte er h6, um seine Türme zu aktivieren. Wäre ihm das gelungen, wäre die Stellung sehr unklar geworden. Deshalb nahm ich auf b5, eine Entscheidung, die ich während der Partie – soweit in der kurzen Zeit und blind möglich – ernsthaft berechnet hatte. Ich gab damit Material zurück, übernahm dafür jedoch die Initiative. Danach spielten wir interessante und starke Züge: Das Spiel wurde von beiden Seiten wirklich hochklassig geführt.
Topalow begann mit dem sehr starken 28. … Kd7, wonach die Partie unglaublich bissig wurde. Nach 29. … Lxd5+ musste ich mit meinem König nach a4 flüchten, die beste Verteidigung. Topalow spielte mit 31… Lc6 einen natürlichen Zug, hätte jedoch besser 31. … Sc6 gezogen. Okay, Weiß würde immer noch einen Vorteil behalten, aber Schwarz hätte wesentlich bessere Chancen gehabt, die Partie zu halten. Und nun begann ich mit meinem König in sein Lager einzudringen: ein ganz erstaunliches Motiv. Ich konnte nicht alles berechnen, aber ich spürte, dass es funktionieren würde. Wir befanden uns immer noch im Mittelspiel, und in dieser Phase einer Partie passiert so etwas sehr selten.
Mein König drang auf seine siebte und achte Reihe ein und unterstützte so den Angriff. 35. Tc1 war dabei eine bedeutende Ressource. Alles arbeitete für Weiß, einfach aus einer einzigen Bewegung und im Vorteil eines Tempos. Im 36. Zug war es sehr wichtig, nicht abzutauschen, sondern Tc7+ zu spielen Das musste ich schon im Voraus kalkulieren, was ich tat. Nach 37. Tfc1 gab es zwei schöne Motive: Nach 37. … Te8 habe ich Kb7, was ich auch sehr mag. Der König hätte den Turm in die Falle gelockt, eine wirklich sehr befremdliche und außergewöhnliche Sache. Er spielte jedoch 37. … Tc5 und dachte vermutlich, er könnte die Figur halten.
Aber nachdem 38. Txc5 dxc5 gespielt wurde, kam jetzt der Moment, als ich wirklich diese Schönheit fühlte, alles sah. Mein Herz begann zu pochen, schneller zu schlagen. Es war so schön, so außergewöhnlich, dass ich es erst gar nicht glauben konnte. Ich hatte nur noch wenig Zeit auf der Uhr, aber es funktionierte wegen des sehr akkuraten Zuges 39. Kc6, mit dem ich Matt in zwei Zügen drohte. Es war ein Wahnsinn, er hatte eine Figur mehr, mein König war exponiert, aber er konnte gegen diese Drohung nichts machen.
Es ist immer schön, eine Partie zu gewinnen, in dieser Partie war das Gefühl jedoch einfach wunderbar, auch weil ihr ein studienhaftes Motiv zu Grunde liegt. Als ich die Partie später am Computer überprüfte, war ich überrascht, auf welch hohem Niveau wir doch gespielt hatten. Beim Schnell- und Blindschach passiert es leicht, dass jemand blufft. Wir hatten nichts übersehen und auch keine groben Fehler gemacht. Und trotzdem ist so etwas dabei rausgekommen. Daran sieht man, wie schön Schach sein kann. Von irgendeinem Moment an verlief alles logisch. Wenn ich nicht die Ressource Tc1 gehabt hätte, wäre das Pendel vermutlich zu seinen Gunsten ausgeschlagen. Aber dieser unscheinbare Zug hat tatsächlich die ganze Geschichte gedreht, und alles, was ich vorher gemacht hatte, wurde dadurch richtig und gut. Am Ende hatte ich das Gefühl, eine Sinfonie kreiert zu haben. Wenn es nicht dieses Ende gegeben hätte, wäre das ganze Bild unvollständig geblieben oder die Sinfonie wie ein Kartenhaus eingestürzt. Es ist das Gefühl der Vollendung eines Meisterwerkes, und ich war sehr glücklich.«
»Child In Time« Deep Purple (1970)
Vom Stolz einer ganzen Stadt
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1975, im Geburtsjahr von Wladimir Kramnik, sollte ein ganz besonderes Ereignis in Manila stattfinden. Die Filipinos öffneten die Schatulle weit, um Robert James Fischer zu bewegen, seinen WM-Titel zu verteidigen. Drei Jahre zuvor hatte er ihn in Reykjavík – in einem legendären Kampf gegen Boris Spasski – gewonnen und war damit der elfte Weltmeister der Schachgeschichte geworden. Fünf Millionen Dollar hatte das Marcos-Regime für diesen Wettkampf garantiert. Diese für Schach unglaubliche Börse wurde bis heute nicht übertroffen. Der exzentrische Amerikaner erschien dennoch nicht, auch nicht, als die meisten seiner Forderungen vom Weltverband akzeptiert wurden. Die FIDE erklärte daraufhin seinen Herausforderer Anatoli Karpow kampflos am grünen Tisch zum Weltmeister. Die Entscheidung wurde am 3. April 1975 zum Bedauern der vielen Millionen Schachliebhaber bekannt gegeben.
Die Enttäuschung der Leute war verständlich. Dem WM-Kampf Fischer gegen Karpow war besonders in den Grenzen der damaligen Sowjetunion entgegengefiebert worden. Mitten im Kalten Krieg war man voller Zuversicht gewesen, dass Karpow die erlittene Schmach würde tilgen können. Ob es ihm jedoch anders ergangen wäre als Boris Spasski, muss Gegenstand ewiger Spekulationen bleiben. Wladimir Kramnik sieht es so: »Mir scheint, dass Fischer die besseren Chancen gehabt hätte. Allerdings war er ein einsamer Wolf ohne ein funktionierendes Team. Ihm in der Eröffnung Probleme zu bereiten, wäre Karpows einzige Chance gewesen.«
Ein knappes halbes Jahr später erlebten die Philippinen dennoch einen unvergessenen Moment der Sportgeschichte. Ferdinand Marcos und sein Regime wollten unbedingt in das Licht der Weltöffentlichkeit rücken. Bei den Bemühungen um die Schach-WM waren sie an Bobby Fischer gescheitert, nun aber hatten sie den Zuschlag für den Kampf um die Boxkrone im Schwergewicht bekommen. Am 1. Oktober 1975 standen sich Muhammad Ali und Joe Frazier beim »Thrilla in Manila« gegenüber. Dieser dritte Kampf der beiden Kontrahenten gilt bis heute als der härteste und wohl auch beste Boxkampf aller Zeiten. So hart, dass Alis Arzt Ferdie Pacheco beide Kämpfer in der stickigen Halle in Lebensgefahr sah.
Ansonsten waren große internationale Sportereignisse 1975 Mangelware. Jahre, in denen weder Olympische Spiele noch Fußballweltmeisterschaften veranstaltet werden, gehen höchst selten in die Sportgeschichte ein. Auch in der Weltpolitik ging es ziemlich ruhig zu. Auf beiden Seiten hatte man sich längst mit den Verhältnissen des Kalten Krieges arrangiert. Die Ostverträge, der 1975 begonnene KSZE-Prozess und auch das offizielle Ende des Vietnamkrieges sorgten in der Folge für allererste Zeichen der Entspannung.
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Bobby Fischers große Schachkarriere war also zu der Zeit, als Wladimir Kramnik das Licht der Welt erblickte, praktisch beendet. Geboren am 25. Juni 1975, entstammt er einer Künstlerfamilie aus dem südrussischen Tuapse, einem verträumten Städtchen am Schwarzen Meer. Sein Vater Boris Petrowitsch, einst Kunstprofessor an der renommierten ukrainischen Universität Lwiw (Lemberg), arbeitete dort als Maler und Bildhauer, seine Mutter Irina Fedorowna als Musiklehrerin. Bruder Jewgeni ist heute ein erfolgreicher Geschäftsmann in der Region Krasnodar.
Der vierköpfigen Familie ging es für sowjetische Verhältnisse gut. Der Vater verdiente ordentlich, und als bildender Künstler war er in der damaligen Sowjetunion hoch angesehen. Die Kramniks bekamen sogar eine eigene Wohnung zugeteilt. Das war zu dieser Zeit ein außerordentliches Privileg, auch wenn die Zweizimmerwohnung nur 30 Quadratmeter groß war. Ein Zimmer teilten sich Mutter und Vater, das andere Jewgeni und Wladimir. Es gab noch eine kleine Toilette, eine winzige Küche und einen Balkon.
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