Wie die meisten Bewohner der Färöer aßen wir bei laufendem Radio und hörten schweigend die Nachrichten. Eine alte Tradition. Neben den üblichen Berichten über das Elend im Lande und in der Welt war Hauptthema ein Banküberfall oben im Norden, bei Streym. Die Diebe waren durch ein Fenster eingestiegen, und da es keine Alarmanlage gab, konnten sie in aller Seelenruhe den Tresor mit einem Schneidbrenner aufschweißen und sich mit zwei Millionen Kronen wieder davonmachen.
Aus einem Gespräch mit dem Bankdirektor ging hervor, dass man am Sicherheitssystem gespart habe, man jetzt aber in allen Abteilungen Alarmanlagen installieren wolle. Hier hätte ein gewisses Sprichwort gut gepasst, aber der Interviewer meinte vielleicht, dass man lieber kein Salz in die Wunde streuen sollte, deshalb begnügte er sich damit, das Mikrofon zu halten und zu schweigen.
Am Nachmittag hatte man einen jüngeren Mann, einen alten Bekannten der Polizei, aufgegriffen, der am folgenden Morgen dem Richter vorgeführt werden sollte.
»Das hätten wir sein sollen, was?« Haraldur hob sein Schnapsglas: »Prost!« Er leerte es in einem Zug, und auch ich folgte der Landessitte.
»Nein, der Meinung bin ich nicht«, erklärte ich, nachdem der scharfe Nachgeschmack vom Schnaps verschwunden war. »Diese Art von Diebstahl zahlt sich nicht aus. Die Diebe werden fast immer geschnappt, zum einen, weil sie sich dumm anstellen, zum anderen, weil die Gesellschaft alles daransetzt, die Täter zu finden. Wenn du es dagegen wie Gaia machst, dann musst du schon unwahrscheinliches Pech haben, falls überhaupt jemand herausfindet, was da eigentlich vorgegangen ist, und einen Prozess anstrengt. Und wenn es tatsächlich zu einer Anklage kommt und die Staatsanwaltschaft den Prozess gewinnt, dann gibt es einfach nichts zu holen. Die GmbH oder die AG ist Konkurs gegangen. Der Gewinn liegt weit über dem, was du dir bei einem Bankraub jemals beschaffen kannst.«
»Du und deine Gaia.« Haraldur schenkte die Gläser voll. »Geld, Geld, Geld ... Die Leute reden über nichts anderes mehr. Ja, ja, ich weiß nur zu gut, wie es um das Land steht, aber deshalb müssen wir doch nicht die ganze Zeit nur über Geld reden. Wir sind doch keine Dänen!«
Er prostete mir zu und trank und das Gleiche tat ich. Jetzt war es langsam an der Zeit, dafür zu sorgen, dass der Montag nicht fließend ins Wochenende überging. Noch ein paar Schnäpse, und Haraldur und ich würden im Eyskarið enden, in dem wir beide Mitglied waren – das war so sicher wie das Amen in der Kirche.
Der Eyskarið war eigentlich im Sommer bei einem Versuch, mich umzubringen, bis auf die Mauern niedergebrannt, aber während ein neues, schöneres Haus gebaut wurde, war man bei Strond untergekommen. Haraldur war der Wirt des alten Eyskarið gewesen und auch jetzt noch beteiligt, obwohl er nicht mehr so stark im Club engagiert war wie früher. Er hatte angefangen, mit der Rani II auf Fischfang zu gehen – dass die erste Rani auf dem Grund des Meeres landete, daran hatte ich auch meinen Anteil. Ich wusste, dass Haraldur zeitweise unten in Vágsbotnur Fisch verkaufte, aber viel brachte das nicht. Auch wenn die Fische ausgenommen und gesäubert waren, gaben die Leute lieber das Doppelte aus für ein Filet aus irgendeiner Tiefkühltruhe in der Stadt. Das Essen sollte die heutigen so zartbesaiteten Färinger möglichst nicht daran erinnern, wo es herkam. Man wollte es lieber in Plastik eingepackt haben, denn dann sah es ausländischer Ware ähnlich.
Bei Haraldur zu Hause gab es nicht besonders viel, was an das Plastikzeitalter erinnerte. In dem alten Haus auf Reyni war es ziemlich unordentlich, und das war es eigentlich immer, aber es war eine sehr gemütliche Unordnung. Einige Kleidungsstücke waren nicht an Ort und Stelle gehängt – Haraldur war Junggeselle –, aber ansonsten war das Wohnzimmer von seinen Interessen geprägt: Bögen und Bleilote für Angelschnüre – Haraldur goss sie selbst –, ein zerlegtes Jagdgewehr auf dem Couchtisch und auf dem Schreibtisch am Fenster große Aufstellungen für Ahnentafeln.
Ahnenforschung beherrschte das Land wie ein Albtraum und niemand konnte mit erhobenem Haupte herumlaufen, wenn er nicht seine Verwandtschaft mit Heini Havreki oder irgendeinem norwegischen Bischof bewiesen hatte. Nólsoyar-Páll war ein fester Orientierungspunkt in der Ahnenforschung, und das nicht nur für Familien aus Kirkjubø. Die Beharrlichsten hatten sowohl Egil Skallagrimsson als auch König Sverre auf ihrer Seite.
Ich hatte nichts dagegen, dass Haraldur von dieser schrecklichen Seuche befallen war, denn so hatte ich etwas, womit ich ihn ärgern konnte. Ich fragte ihn gern, ob es denn wahr sei, dass er vom Skopper Hansen abstamme, oder ob seine ganze Familie nicht eher türkischer Abstammung sei. Die Schimpfworte, die er mir daraufhin an den Kopf warf, waren eine reichliche Belohnung. Und ich würde mich hüten, ihm ein Wort davon zu erzählen, dass ich Dokumente besaß, die bewiesen, dass ich in direkter Linie vom Kreuzritter und Kirchenwüterer Hans Tausen abstammte.
Am Dienstagmorgen um acht Uhr stand ich vor dem Gerichtsgebäude in der Nólsoyar Pálsgøta und wartete darauf, dass sich die Türen zum richterlichen Verhör öffnen würden. Ich war gespannt, den jungen Mann zu sehen, der es fertiggebracht hatte, zwei Millionen aus einer Bank zu stehlen. Wenn er das allein geschafft hatte, dann hatte er es gut hingekriegt.
Die Sonne versuchte, sich durchzusetzen, aber es war noch zu früh am Morgen und deshalb ging ich ein wenig auf und ab, um nicht zu frieren. Der senfgelbe Betonkasten war weder schön noch anziehend, hatte aber diese gewollte Würde, die die Leute dazu bringen soll, sich klein wie die Ameisen zu fühlen.
Ich war am Abend zuvor nicht mehr mit Haraldur in den Eyskarið gegangen. Ich war in meine Kellerwohnung in der Jóannes Paturssonargøta gegangen und hatte kurz vor Mitternacht wie ein Ausbund der Tugend allein in meinem Bett gelegen.
Um halb neun war immer noch nichts geschehen und ich kam mir etwas albern vor, wie ich da vor dem geschlossenen Gerichtsgebäude herumlief. Normalerweise waren die richterlichen Verhöre immer früh am Morgen, aber das konnte in diesem Fall ja geändert worden sein.
Um zehn Minuten vor neun wärmte die Sonne so sehr, dass es zu spüren war. Zwei Journalisten kamen durch die Gasse beim Havnar Klubbi heran. Sie waren deutlich jünger als ich, ungefähr Mitte zwanzig, und eigentlich repräsentierten sie zwei entgegengesetzte Richtungen. Der eine war von der Kirchenzeitung, der andere vom Republikanerblatt, und in ihren Artikeln ließen sie kein gutes Haar am anderen, aber in Bierclubs und anderenorts waren die beiden die besten Freunde. Beide trugen die färöische Nationaltracht: schwarze Lederjacke und blaue Jeans, aber der Blonde war einen Kopf größer als der Dunkle.
»Na, willst du gerichtlich etwas eintragen lassen?«, fragte der Blonde und grinste ironisch durch sein Kassenbrillengestell.
»Wieso?«
»Weiß ich doch nicht. Aber wenn Leute vorm Grundbuchamt warten, bevor es aufmacht, dann haben sie doch wohl etwas auf dem Herzen, oder?«
»Vielleicht hat er ja in eine Aktiengesellschaft eingeheiratet, wer weiß?« Der Dunkle mischte sich ein.
»Nein, das kann nicht sein. Weißt du denn nicht, dass er mit Duruta Danielsen zusammen ist? Dann heiratet er eher irgendwann ins Polizeipräsidium ein.« Sie lachten und gingen um die Ecke in die C. Pløyensgøta.
Woher sollte ich wissen, wo man ins Gerichtsgebäude hineinkam? Als ich in Tórshavn aufwuchs, musste man die Treppen in der Nólsoyar Pálsgøta hinauf, aber das ist natürlich schon ziemlich lange her; vielleicht sollte ich sogar gerührt sein, dass das Haus immer noch als Gerichtsgebäude diente. Ich ging den beiden Scherzbolden hinterher.
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