Cian schluchzte.
Das wollte ich nicht , dachte er. Das wollte ich ganz bestimmt nicht.
»Und jetzt?«, fragte einer der Alphas. Ein MacDonnell. »Sie sind beide tot. Was machen wir nun?«
Weiße, harte Mienen wandten sich Cian zu. Es waren noch sieben Alphas. Fünf standen, zwei hielten Cian fest. Zu viele, um ihnen zu entkommen.
Einer der Sutherlands spuckte aus. »Jetzt ficken wir den kleinen MacKay so blutig, dass er daran verreckt.«
Cian wand sich, stemmte die Füße in den Schlamm und versuchte, den Klauen der Alphas zu entkommen. Es war sinnlos.
»Vorher sollten wir von der Brücke weg.« Einer der Alphas sah sich um. »Der Nebel verzieht sich. Nicht, dass noch einer vorbeikommt und uns sieht. Die MacKays dürfen nicht gewarnt werden.«
»Die MacKays werden nicht wissen, was sie erwischt, wenn wir ihre Burg stürmen.« Ein großgewachsener Sutherland rieb sich den Mund. »Und wer zum Mond soll vorbeikommen, auf diesem Weg? Hier ist niemand.«
»Das Tier lebt in diesem Wald«, sagte einer von ihnen. Cian sah ein winziges Zucken in seinem Kiefer. Hatte er etwa Angst vor dem Tier?
»Das Tier hat keine Chance gegen uns«, herrschte der Sutherland-Riese seinen Kameraden an. »Wir sind zu siebt!«
»Ja.« Der andere schluckte sichtbar. »Natürlich. Wir sind zu siebt.«
Wachsam sahen sich nun alle um. Alle sieben. Waren es wirklich zu viele, als dass das Tier sie bezwingen könnte? Es hatte unbesiegbar gewirkt. Stärker als jeder, den Cian je gesehen hatte. Nicht wie ein Wolfswandler. Wie ein Wolf, der sich die Menschenhaut nur übergestreift hatte.
»Ja.« Ein MacDonnell räusperte sich. »Trotzdem. Wir sollten wachsam sein. Eben beim Kampf haben wir nicht aufgepasst. Er hätte uns einfach von hinten aufschlitzen können.«
Schade, dass er es nicht gemacht hat , dachte Cian. Angst kroch in seine Glieder. Wer war er, dass er solche Gedanken hatte? Sicher nicht Cian MacKay.
In diesem Moment spürte er es. Als würde ein Geist durch ihn treten. Etwas Warmes breitete sich in ihm aus, wie das Blut im Wasser des Baches.
Er spürte IHN.
Er ist hier , dachte er. Sein Herz hämmerte. Das Tier war nah.
Irgendwo hinter den dunklen Baumstämmen schlich seine Rettung heran. Er spähte durch die Ginsterbüsche auf der anderen Seite des Ufers, sah aber nichts. Nur Dunkelheit und Dornen. Und doch wusste er, dass der verbrannte Riese da war.
Er beobachtet uns , dachte Cian. Er braucht nur eine Gelegenheit, dann schlägt er zu. Und ausgerechnet jetzt waren die blöden Sutherlands und die dummen MacDonnells so wachsam.
»Hauen wir ab«, sagte der Riese. Offenbar war er jetzt an der Macht, wo die anderen beiden tot waren. »Und nehmt den kleinen Prachtarsch mit. Ich ficke ihn, sobald wir außer Sichtweite sind.«
Diesmal protestierte niemand. Schade. Hätten sie jetzt gestritten, hätte das Tier die Gelegenheit gehabt, ihnen die Kehlen aufzuschlitzen.
Cian wurde auf die Beine gezerrt. Hungrige Blicke betrachteten ihn.
»Keine Sorge, kleiner Auerhahn.« Die Hand des Riesen verirrte sich unter Cians Kilt und tätschelte seinen Hintern. »Gleich werden deine Backen gespalten.«
Cian schnappte nach Luft. Nein. Nein, das wollte er nicht. Und doch war da diese winzige Stimme in seinem Kopf, die ihm zuflüsterte, wie abgelenkt die Alphas sein würden, wenn sie ihn schändeten. Wie leicht es für das Tier sein würde, sie umzubringen.
Ja, und Jaxson würde mich verstoßen, wenn ich beschmutzt bin , dachte er. Ein großartiger Plan.
Aber sie würden ihn ohnehin schänden. Und dann, wenn sie mit ihm fertig waren, würden sie ihn umbringen. Er hatte zu viel gehört und er war ein MacKay. Cian schluckte trocken. Schaffte es, den Mund zu öffnen, obwohl seine Zunge gefroren vor Angst war.
»Ich wette, das Tier würde es gleich hier tun«, krächzte er.
»Was laberst du?«, fragte einer der Alphas, die ihn hielten. »Vorwärts.«
»Das Tier hätte keine Angst, mich gleich hier zu stoßen«, sagte Cian, so laut, dass alle es hören konnten. Panik flatterte in seinem Magen. »Ich wette, der würde sich nicht im Wald verkriechen wie ihr Feiglinge. Das Tier würde mich hier in den Schlamm drücken, meinen Kilt heben und seinen Prügel in mich rammen bis ich schreie.«
Oh Mond, die Sprache, die er benutzte. Beinahe hätte er sich noch einmal übergeben. Und er wusste nicht einmal, ob sein Plan funktionierte.
»Halt die Fresse, Bückling!«, herrschte der Riese ihn an. »Wer bist du, dass du uns Feiglinge nennst?«
»Ich bin Cian MacKay.« Er legte alle Würde in diese Worte, die er aufbringen konnte. »Der älteste Sohn des Rudel-Chiefs. Und wer mich schänden will, sollte die Eier haben, es hier und jetzt zu tun.« Er wandte sich zu einem der Alphas um, der ihn hielt. Dessen Atem stank wie eine verwesende Ratte. »Traust du dich? Dein Anführer ist offenbar zu feige. Komm, ich spreize die Schenkel für dich, dann geht es ganz leicht.«
Und woher wusste er das jetzt? Nun, natürlich hatte er den Erzählungen der anderen Omegas gelauscht. Aber als anständiger Junge hatte er sie anschließend selbstverständlich vergessen. Hatte er zumindest gedacht.
Panisch sah er, wie Hunger in den Augen des stinkenden Alphas aufglomm. Der Mief aus seinem Mund wurde stärker, als er schneller atmete. Kurzes Zögern flackerte über seine Miene, dann wandte er sich zu dem Riesen um.
»Ich nehme ihn«, grollte er. »Jetzt.«
»Einen Scheiß machst du«, blaffte der Riese. »Nimm deine Pfoten von meiner Beute!«
»Wenn du zu feige bist, knacke ich die Walnuss halt.« Der Alpha ließ Cian los und fummelte am Verschluss seines Gürtels herum. »Cathal, halt ihn fest. Das Ferkel bringe ich zum Quieken.«
Der Kilt fiel und eine halb steife Rute kam zum Vorschein, in einem Nest drahtiger Haare. Sie roch noch schlimmer als der Mund, selbst auf die Entfernung. Cian versuchte, zurückzuweichen, aber der andere Alpha hielt ihn zu fest.
»Hände weg!« Der Riese schlug die Hand des Stinkenden weg, als er nach Cian greifen wollte. »Meine Beute!«
»Hol sie dir!«
Knurren. Zähnefletschen. Genau wie eben. Panik rann durch Cians Körper. Und doch war da eine kalte, ruhige Stimme in seinem Hinterkopf. Eine Stimme, die flüsterte: Gut so. Mehr.
»Fickt mich jetzt endlich jemand?«, brüllte Cian, so laut, dass es über das Wasser hallte. »Ihr elenden Feiglinge seid wohl nicht in der Lage, ein Ferkel zu stechen, wenn es gefesselt vor euch liegt! Die Alphas in meinem Rudel zögern nicht! Kein Wunder, dass sie euch die Ärsche aufgerissen haben!«
»Kleiner, das waren deine letzten Worte.« Der Alpha, der ihn hielt, schlug die Zähne in seine Schulter. Cian schrie auf. Er spürte Hände an den Hüften. Der Mistkerl hob seinen Kilt.
»Nein!«, brüllte Cian. »Bitte!«
Ein Schlag ließ seinen Körper erbeben. Ein MacDonnell-Alpha rammte den Stinkenden zur Seite. Seine Zähne wurden schmerzhaft aus Cians Fleisch gerissen. Die beiden Krieger rollten über den Boden.
»Mein!«, schrie einer von ihnen.
Cian stolperte, ging zu Boden und fing sich, kurz bevor er ihnen hinterhergepurzelt wäre. Er krallte die Finger in eine Brombeerranke und sah erstaunt auf die Szene, die sich in der Böschung abspielte.
Sie kämpften. Alle. Sieben Männer rangen miteinander, verbissen sich, verwandelten sich. Wasser spritzte, als einer den anderen in den Bach trieb. Sieben Wölfe, sieben Paar Reißzähne fochten im verschwindenden Nebel. Knurren, Reißen und Platschen erfüllte die Luft.
Dann brach das Tier aus dem Gebüsch. Graues Fell, furchtbare Narben und ein Maul wie das Tor zur Hölle. Gigantische Muskeln unter zottigem Fell. Klauen wie Klingen. Schon sprang er auf den ersten Wolf und schlug die Zähne in seinen Nacken.
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