... Von unten heraufsehen, bis zu ihm, nach der vierten Etage hinauf, das konnte niemand. Daran dachte ja auch keiner ... wie viele Menschen sind schon aus dem Fenster gefallen! ... Aber sie war ja viel größer als er, entweder sie würde sich sträuben oder ihn mitreißen ...
Mit einem tiefen Seufzer strich er das lange, schwarze Haar aus der Stirn.
Das Mädchen drehte sich augenblicklich um.
„Spiel doch weiter, Marie“, sagte er sanft.
Und mit heißer Freude über das armselige Almosen gehorchte sie ihm.
Er sah sie starr an, wie sie kerzengrade auf ihrem Stuhle saß und, ohne daß sich auch nur ihr blonder Haarknoten bewegte, die Tasten berührte. Die Töne vernahm er gar nicht. Wie sein Körper, so zog sich auch sein Geist noch einmal zurück vor diesem schwarzen, grauenvollen Abgrund.
Morden ... morden wollte er? ... Wo er nur nötig hatte, ein Wort zu sagen, um allein zu sein ... er würde das Wort aber nicht sagen ... Und fort mußte sie. Sie oder er, einer mußte weg!
Wieder ging er ans Fenster.
... man hört einen Schrei, das ist alles. Wer da runterstürzt, ist tot. Der kann nicht mehr sprechen und niemand verraten ... aber um die Taille fassen darf er sie nicht, sonst reißt sie ihn mit ...
Er sah wie in einen finsteren Kessel hinab, in dem Lichter auf- und niedersteigen und Schatten umherirren.
Erschauernd fühlte er, wie sie neben ihn trat. Und während sie sich mit den Händen aufs Fensterbrett stützte, trat er ein wenig zurück. Das dumpf heraufdringende Geräusch der Straße wurde in seinen Ohren zu mächtigen Orgeltönen, die ihn berauschten und ihn seines Verstandes beraubten.
Von der geheimnisvollen Macht des Wahnsinns zum verzweifelten Entschluß getrieben, bückte er sich und packte mit eisernem Griff ihre Beine.
„Hans! Um Gotteswillen, Hans! ... es klopft!“
Er ließ sie los und sagte mit einem blöden Lächeln:
„Ach wo ...“
Der furchtbare Schreck hatte ihr den Atem genommen. Ihre entsetzten Augen ließen ihn nicht los und, sich am Klavier entlang an ihm vorbeischiebend, stammelte sie:
„Aber — — Hans —“
Da klopfte es noch stärker.
„Machen Se doch auf, Herr Barre, ich weeß ja recht jut, daß Se zu Hause sind!“
Der Komponist öffnete.
Ein kleiner, dicker Mensch mit rundem, fast kahlem Kopf und mit Augen, die im trüben Glanz des Alkohols schwammen, drängte sich durch die Tür, deren Klinke der Musiker in der Hand hielt.
„Ick wollte Ihn, bloß sagen, Herr Barre, det det so nich weiter jehn kann! ...“
„Was denn?“ fragte der andere teilnahmslos.
„Na, mit Ihre Braut! Morjen kommt meine Frau zurick und da paßt ma det nich mehr, daß det Frailein hier bleibt ... hat ma überhaupt schon lange nich jefallen; wenn mir eener dadruffhin anzeicht, denn bin ick Onkel! Ihn’ passiert nischt, aber ick falle rin! ... Se dirfen mir’t nich weiter iebelnehm’, Herr Barre, wenn ick Ihn’ det sage: aber Ihre Braut muß wech! Heute noch. Sonst ... ’s bleibt ma denn eben nischt anders iebrig, als selbst uff de Polizei zu jehn ... und det macht man doch nich jerne ...“
Der Mann war schon längst wieder aus dem Zimmer, als die beiden noch immer ratlos, das Mädchen am Klavier, der Musiker am Tisch neben dem Sofa standen.
Ihre Blicke begegneten sich, aber die Furcht lag jetzt in seinen Augen. Sie wollte ihm etwas sagen. Aber sie konnte nicht. Sie fand keinen Ausdruck für das, was sich ihr auf die Lippen drängte.
Seine Hände, seine Knie zitterten vor nervöser Erschöpfung, als er ihr so gegenüberstand. Er war unfähig zu denken. Wohl fühlte er, daß sie jetzt fortgehen mußte, aber es machte ihn nicht froh. Das Mitleid mit ihr hatte ihn wieder ergriffen, stärker, viel stärker als vorhin, und in seiner Phantasie, die ja die furchtbare Tat längst begangen hatte, litt er jetzt die Gewissensbisse des Mörders. Die tödliche Abneigung, die ihn noch eben nach ihren Füßen greifen ließ, um sie hinabzustürzen, schien sich in diesem bestialischen Willensakt ganz verzehrt zu haben.
Langsam, wie somnambul, trat er auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen.
Aber sie wich vor ihm zurück.
Ohne sich zu besinnen, nahm sie ihr graukariertes Cape von der Wand, setzte ihren Hut auf und zog schnell die braunen Glacéhandschuhe an.
Als sie an der Tür war, blieb sie noch einen Augenblick stehen und sagte, die Klinke niederdrückend, furchtsam und leise:
„Ich bin Dir nicht böse, Hans, ich bin Dir gar nicht böse.“
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