„Einmal ist es simmer das erstemal!“
„Er ist doch ausserdem schon im Schwabenalter!“
„Gott . . . “
„Na ja . . Allerdings . . . “
Ein Schweigen.
„Also hältst du es für unmöglich, Alfred?“
„Unmöglich?“ Der junge Mann sann nach. „Möglich ist schliesslich alles. .“
„Ich finde keine andere Erklärung!“
„Aber das wäre ja für dich furchtbar, Käte — wo du so an ihm hängst. .“
„Das Hermännle — das hertz er noch! Sonst ist ihm alles im Hause gleichgültig! Immer sitzt er in Gedanken. .“
„Hast du keine Vernutung, an wen er denkt?“
„Hier in Berlin an keine! Das steht nun einmal fest! Er ist hier viel zu bekannt. Den ganzen Tag unter Menschen. Man kann ihm jede Minute nachrechnen. Ich hätte auch schon längst anonyme Briefe gekriegt!“
„Aber wo sind dann seine Gedanken?“
„Da fragst du mich zuviel!“
Die junge Frau stand an dem halboffenen Fenster und schaute in die laue, dunkle Julinacht hinaus. Der breite Hohenzollerndamm lag leer im Laternenschein. Nur der Wind spielte auf dem Asphalt wie eine unsichtbare Katze mit ein paar Zeitungsfetzen.
„Eben kommt Otto!“ sagte sie.
Der Patentvertreter Vögeding hastete unten auf dem Bürgersteig heran. Er hatte den Hut, über das kurze, graue Borstenhaar weg, tief im Genick und den Kopf im Gehen gesenkt, Schwarz wie ein Scherenschnitt hob sich vom bläulichen Schein der Laterne sein Profil mit der niederen Stirn, der energischen, geraden, kurzen Bismarcknase, den zähen, dünnen Lippen, dem runden Willenskinn. Aus dem breitschulterigen, massigen Leib wölbte sich, bei seiner gebeugten Haltung, der Ansatz des Bauchs. Die Knie knickten ihm unter seinen schweren, schnellen Tritten. Er lief mehr als er ging.
„Warum ist er denn so pressiert, Käte?“
„Ich hab’ den Otto noch nie so eilig gesehen!“
„Jetzt bleibt er steh’n und stiert zu Boden und schüttelt den Kopf!“
„Aber was er im Kopf hat . . . ?“
„. . . nu setzt er sich entschlossen wieder in Trab!“
Otto Vögeding öffnete das Haustor. Im Widerschein des erleuchteten Treppenflurs stand sein rötlich-gedunsenes, sattes Gesicht ein paar Sekunden hell vor der dunklen Nacht, bartlos, mit schlaffen Backen, die Zigarre schief in dem grausam-leutseligen Mund, den Zwicker vor den wässerigen, kleinen, fuchsschlauen Augen.
Man hörte, wie er draussen mit dem Drücker den Wohnungseingang öffnete. Er räusperte sich tief auf der Diele. Es klang wie ein Brummeln ode rein schweres Seufzen. Nun schlug eine Türe. Alles wurde still.
Käte Vögeding wartete eine Weile, ob ihr Mann hereinkommen würde. Dann klingelte sie dem Mädchen.
„Fragen Sie den Herrn, Berta, wo er den Tee . . . ?“
„Der Herr Doktor will keinen Tee. Er packt seine Handtasche. Er hat dem Krause sagen lassen, er sole sofort vorfahren!“
„Dein Mann verreist, Käte?“
„Es scheint!“
„So Knall und Fall?“
„Das tut er manchmal! Das ist nichts Ungewöhnliches! Wenn gerade ein dringendes Geschäft . . . “
Die Türe öffnete sich. Otto Vögeding schaute in Hut und Mantel herein, die Reisetasche in der Hand.
„Ich fand eben, wie ich heimkan, einen Brief vor, Käte!“ sagte er schnell und kurzatmig. „In Frankfurt am Main machen sie wieder lauter Dummheiten. Ich muss sofort hin! Ich war eben schon im Kinderzimmer und hab’ dem Kommerzienrätle gute Nacht gesagt!“
Er musterte geitesabwesend seinen Schwager. Endlich erkannte er ihn.
„Hohe Ehre, Alfred! Wer hat dich denn eingeladen?“
„Ich!“ sagte die junge Frau schnell und hart.
„So? Na — schön!. . Du — alter Kronensohn: Strömich und Merz sind bald zu schön für diese Welt! Eiherrchäses — da staunen Sie, mein Kutester? Nicht? — Um so besser!“ Kätes Mann war ganz der alte. Er zwinkerte listig mit den leicht geröteten Lidern. Die Goldplomben blinkten beim breiten Lachen in seinen starken, gelblichen Zähnen. Er sah auf seine Uhr: „Herrgott — wenn ich nach Frankfurt will, darf ich mich eilen! Es ist nur wegen der Patente, Käte, von Wiese’s Erben — weisst du — die ich vertrete! Morgen abend bin ich wieder da!“
Er lief fast ohne Abschied aus dem Zimmer. Seine Frau schaute ihm nach.
„Das ist auch das erstemal, seit wir verheiratet sind“, sagte sie langsam, „das ser mir anvertraut, in was für Geschäften er verreist!“
„Weisst du, was mir aufgefallen ist, Käte: Er hat die ganze Zeit vermieden, dich anzusehen!“
„Ich habe nicht darauf geachtet.“ Die junge Frau zuckte die Achseln. Sie stand in dem rötlichen, dämmerigen Zimmer wie ein Schatten an dem halboffenen Fenster. Ihr Bruder trat zu ihr. Unten kam Otto Vögeding hastig aus dem Haus und rannte auf seinen Wagen zu. Der Motor lief schon. Der Patentvertreter musste seine trockene, vom Rauchen belegte Stimme verstärken, um dem Chauffeur durch das tieftönige Brummen laut zuzurufen:
„Nach dem Lehrtet Bahnhof, Krause!“
Er kletterte, ohne rechts und links zu sehen, schwerfällig und eilfertig in den Wagen. Die Limousine rollte davon. Alfred Giebischs Gesicht oben am Fenster war sehr Ernst.
„Hast du gehört, Käte? Er fährt nach dem Lehrter Bahnhof!“
„Nun ja . . . “
„Solange die Welt steht, ist vom Lehrter Bahnhof noch nie ein Zug nach Frankfurt am Main gegangen! Der ganze Verkehr geht von dort nach Norden!“
„Also fährt er woanders hin, al ser gesagt hat? . . . .“
„Nach der Waterkant . . . Kiel oder Hamburg oder so . . . “
„In Hamburg war er schon vor vier Wochen . . . “
„Aber diesmal will er es nicht wahr haben!“
„Alfred . . . um Gottes willen — warum will er es nicht? . . Alfred: sieh’ mir ins Gesicht: denkst du in diesem Augenblick dasselbe, was ich denke?“
„Weisst du, Käte: Ich verbrenn’ mir lieber nicht die Zunge! Ich äussere keine Mutmassung, die ich nicht beweisen kann!“
„Aber jedenfalls“, setzte Alfred Giebisch nach einer Weile hinzu, „hat er reineweg den Kopf verloren! Er hätte dir doch seelenruhig sagen können, dass er nach Hamburg reist! Was ist denn dabei? Warum hat er’s nicht getan? Irgend etwas hat ihn zurückgehalten!“
„Das schlechte Gewissen!“
„Liebe Schwester, nichts Gewisses weiss man nicht . . . “
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