„Die Amerikaner . . . “
„. . . sind jetzt gerade ein Fressen für mich!. . Ich bin so sinnig aufgelegt wie ein Preisboxer! Kommen Sie, Joëlsöhnchen!“
Otto Vögeding pfiff falsch, aber laut: ‚Auf in den Kampf, Torero!’ Und kramte seine Papiere zusammen. Zehn Minuten darauf glich in dem Konferenzzimmer sein Antlitz einem winterlichen Gletscher, seine Faust ruhte geballt auf dem grünen Tisch, seine Stimme kollerte in rauhem, stossweisem Englisch.
„Nichts wäre schwieriger, Gentlemen, als einen verträglicheren Menschen als mich zu finden! Abe rich sitze hier zu meinem ernsthaften Kummer nicht als Menschenfreund, sondern als Vertreter der Wiese’schen Erben. Wie Sie wissen, war der verstorbene Geheimrat Balthasar Wiese, Dr.-Jng., Dr. jur. h. c. und so weiter und so weiter — nicht nur eine finanzielle Kapazität ersten Ranges, sondern auch ein hervorragender Techniker, der es — ich darf mich wohl so ausdrücken — durch die Vermählung schöpferischer Phantasien mit angewandter Wissenschaft vom einfachen Schlosser zum vielfachen Millionär gebracht hat!“
„Seine letzte epochale Entdeckung“, Otto Vögeding rauchte heftig, „nämlich die Konzentrierung der in Benzin, beziehungsweise Benzol enthaltenen wirksamen Kraftstoffe zu einer trockenen Pulvermischung, die, in Patronen mitgeführt — etwa eine Patrone auf hundert Liter Wasser — einen erstklassigen Betriebsstoff für Motoren darstellt — nun, gentlemen — Wasser gibt es überall und umsonst!“ Ein Faustschlag auf den Tisch. „Das heist nichts Geringeres, als dass wir künftig in der Lage find, im Auto tausende von Kilometern zurückzulegen, ohne uns mit Benzinmengen zu belasten und von Benzinstationen abhängig zu sein!“
„Hört! Hört!“ rief der Rechtsanwalt Joëlsohn mit hoher, dünner Stimme.
„. . . und diese Patente sind wir entschlossen, mit Nägeln und Zähnen zu verteidigen! Sehen Sie hier eine blütenweisse Piquéweste! So rein ist unser Gewissen! Darüber hilft Mr. Thompsons drüben — wie ich mit Schmerz sagen muss: zynisches — Lächeln nicht hinweg. Aber“, Otto Vögeding faltete treuherzig ie Hände und zwinkerte gewinnend mit den kleinen, schlauen Augen, „ich hoffe als Christ und Geschäftsmann, dass sich noch heute vormittag die Neue und die Alte Welt über diesen Tisch hinüber die Hände reichen warden!“
„Na — dann also nicht!“ sprach er, al ser mittags das Beratungszimmer verliess, zu dem Rechtsanwalt Joëlsohn. „Mir auch, offen gestanden, lieber! Ich bin immer mehr für frischen, fröhlichen Krieg, wie man in Friedenszeiten so schön sagte. Wird ja ein Rattenkönig von Prozessen! Hundearbeit? Wie? Ich fahre mit dem Mittagszug nach Berlin. Gepäck schon am Bahnhof. Ich esse nur jetzt irgendwo hier ’nen Happen! Machen Sie mit? Keine Zeit? Schade! Ich hätt’ jetzt gern ’nen Menschen! Also ruhen Sie sanft!“
Der Patentvertreter Vögeding schlenderte allein durch das Menschengedränge weiter, langsam, in Gedanken, mit einem unruhigen Gesicht und einem glücklichen, zerstreuten Lächeln. Auf der anderen Seite der Strasse ging rasch und fest ein mittelgrosser, junger Mann zu Ende der Zwanzig, vom Äusseren eines Landwirts, in grauer Joppe, die Jagmütze in der Hand. Sein glattrasiertes, strenges Antlitz war so tiefbraun gebrannt, dass es hart wie Erz aussah. Darin flackerten zwei helle blaue Augen. Der Stoppelkopf war blond. Aber er schien durch die Bronzetönung der trotzigen Züge flachsfarben. Der junge Mann sah herüber und dann gleichgültig wieder weg. Otto Vögeding steuerte breitneinig über den Fahrdamm auf ihn zu.
„Hallo — Bruno!“
Der vom Lande hörte nicht. Der andere stellte ihn. „Haste mich denn nicht gesehen?
„Doch!“
„Und stiefelst an deinem eigenen Schwager vorbei?“
„Haben wir uns den ’was zu sagen?“ frug der junge Mann kurz. Er hatte eine eigenwillige, kantige Stirn und dünne, feste Lippen.
„Herrjeses — saagen! . . sagen! Ich möchte jetzt gerade nicht allein sein! Ich bin so ’ner Stimmung! Komm! Frühstück’ mit mir!“
„Danke!“
„Na — was haste denn gegen deinen armen ollen Schwager? Wir beide haben doch niemals miteinander Krach gehabt!“
„. . . weil ich nie ’was von dir gewollt hab’!“
„Richtig! Deinen Vater hab’ ich abwimmeln müssen! Deinen Bruder Friedrich. Gestern ist mir auch noch dein Bruder Alfred durch die Lappen gegangen! Du bist der weisse Rabe in der Familie Giebisch! Was haste denn jetzt vor, Menschenskin?“
„Kunstdünger kaufen! Deswegen bin ich von Holstein herein!“
„Mein Sohn: Der Mist läuft dir nicht davon!“ Otto Vögeding schob gemütlich seinen Arm unter den des Bruders seiner Frau. „Sei doch kein Frosch! Los!“
„Wir sprechen zwei verschiedene Sprachen!“ sagte der junge Landwirt schroff. „Ihr redet vom Dollar und wir von Deutschland! Ihr seid zufrieden, wenn es Deutschland wieder gut geht!“
„Na — und wenn alle immer nur so in hohen Tönen denken wollten, wie du und deine Freunde . . . “
„Deutsch denken wir, weil wir Deutsche sind . . . Ihr seid auch Deutsche! Aber ihr denkt nicht daran! Auf die Art kommen wir nie wieder hoch!“
„Da ist ’ne Porterstube!“
„Deswegen haben ernsthafte deutsche Kerle wie wir nichts mit euch zu schaffen!“
„. . . und werden es nie zu was bringen, Kind Gottes!“
„Darauf kommt’s auch ’nen Dreck an! Ich sorge nicht um mich!“
„Kunststück! Als Junggeselle.“
„Das kann man eben Menschen wie dir nicht begreiflich machen!“
„Verbiestert! Verbiestert! Ihr seid mir schon die Rechten — Du und deine Fanatiker! Glaub’ mir: Ein gesunder Egoismus hält die Welt! Komm, mein Jungchen! Wir redden da drinnen bei ’nem Stout und Steak nur von Lenz und Liebe!“
Otto Vögeding schob väterlich den Schwager die Kellertreppe hinab. Der junge Mann vom Lande liess sich schweigsam von ihm mit Spiese und Trank bewirten. Dann hob er misstrauisch die heissen, blauen Augen vom Hummer.
„Du bist heute so merkwürdig menschenfreundlich, Otto!“
„Ja. Man hat so Tage! Man fühlt sich allein! Piksolo auf der Welt! Da nimmt man mit dem Ersten, Besten vorlieb! Ach — Stuss: allein! . . . Knie’ dich nur in die Austern, mein Sohn!“
„Kommst du nicht zuweilen nach Berlin? Na also!“ Otto Vögeding zündete sich die zehnte Zigarre dieses Tages an und reichte dem Landwirt in versöhnlicher Stimmung Feuer. „Dann lass dich ’mal bei uns sehen! . . . “
Plötzlich schlug seine Laune in Wehmut um. Er beugte sich über den Tisch und flüsterte geheimnisvoll-vertraulich hinter der hohlen Hand:
„Aber es ist langweilig bei uns! Das sag’ ich dir gleich! Die Käte, deine Schwester, ist so still! Sie sitzt da und schweigt und sieht einen liebevoll an. Sie hat mich ja so lieb. Sie ist mir so dankbar für alles. Rührend ist die Frau. Aber sie ist still! Sie rankt sich um einen. Man kann sie kneten wie Wachs. Man hat keinen Halt. Herrgott — man ist doch auch nicht mehr der Jüngste!“
Otto Vögeding starrte in den Zigarrenrauch. Er sah plötzlich älter aus, verfallen . . .
„Da war heute früh . . . “ sagte er langsam.
„Was war heute früh?“
„Da hatt’ ich tolles Zahnweh! Nun ist’s vorbei! Ich fühle mich wie ein Jüngling!“ Der Patentanwalt lachte und stand elastisch auf. Er gab dem Schwager die Hand. „Höchste Eisenbahn für mich! Also du trittst ’mal in Berlin bei uns an! Nimm vorlieb! Still ist die Käte eben. Still.“
„Fräulein Bender: Sie werden am Telephon verlangt!“
„Wie?“ Die blonde Studienreferendarin, die sic him Lehrerinnenzimmer mit zwei jungen Kolleginnen während der Vormittagspause Tee kochte, hob die Hand ans Ohr. Der Kinderlärm, der durch dir sommerlich offenen Fenster aus den Höfen des Mädchenyzeums heraufdrang, war betäubend.
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