Das Wort fiel ihr wieder ein. Akzeptieren. Martin hatte akzeptiert, dass Mama nicht mehr da war. Jetzt waren sie nur noch drei. Agnes, Martin und Papa.
Gar nicht wenig, würde Papa sagen.
Sie war auf dem Weg zum Konsum, wollte nur ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Papa hatte alles auf eine Rechnung geschrieben, auf der auch seine Postgironummer und sein Name standen: Stig Lövstrand, Teppichverleger. Der Zettel hatte auf dem Tisch gelegen, als Agnes aufgestanden war.
Papa war schon weg gewesen.
Milch, Margarine und drei Koteletts , hatte Papa geschrieben. Und: Sonst haben wir alles. Darunter hatte er ein kleines Herz gemalt.
Auf dem Parkplatz standen die Container, die blauen. Sie sahen wie gefährliche Monster aus.
Agnes ging nicht mehr hin zu ihnen, wie sie es noch im letzten Jahr gemacht hatte. Sie reckte sich nicht mehr auf die Zehen und rief ihre Frage hinein, ob da Kinder wären zwischen all den Zeitungen und Kartons. Nein, damit hatte sie aufgehört.
In der Schlange beim Konsum stand Irene. Sie war groß und dick und außerdem war sie Douglas’ Mama. Als Agnes näher kam, sah sie, dass Douglas vor ihr stand. Irenes mächtiger Körper hatte ihn verdeckt.
»Ohoi!«, schrie Agnes. »Douglas!«
Er und Irene drehten sich um. Douglas zog eine Grimasse. Er kniff die Augen zusammen und zeigte seine Zähne.
»Ach, du bist das, Agnes!«, sagte Irene.
Schwiegermutter, dachte Agnes. Große Schwiegermutter.
»Ich muss fürs Wochenende einkaufen«, sagte Agnes. »Wie geht’s dir, Douglas?«
Er hatte eine Verpackung mit drei Überraschungseiern in der Hand, legte sie aufs Band und schlenderte zu Agnes.
Sie dachte an seine Hand, aber er stand zu weit entfernt. »Wollen wir uns heute Abend treffen?«, fragte sie.
»Wie, wo?«, sagte er.
»Bei mir zu Hause. Was Gutes essen und fernsehen vielleicht«, antwortete Agnes. »Vielleicht sind Martin und Elenor auch da.«
»Wir besuchen meine Cousins«, sagte Douglas. »Für die sind die Eier.«
»Ach, du lieber Douglas«, sagte Agnes.
»Bah«, sagte er.
»Komm jetzt!«, rief Irene.
Sie hatte zwei Tüten voll gepackt und hielt sie in ihren Händen. Douglas kniff wieder die Augen zusammen.
»Wir sehn uns«, sagte er.
»Viel Spaß«, sagte Agnes.
Jetzt muss er aber aufhören mit diesen albernen Grimassen, dachte sie, während sie bezahlte.
Es tropfte vom Dach vorm Konsum. Douglas sah wie ein winziger Junge aus neben seiner großen Mama.
Agnes ging in die andere Richtung. Sie sah nicht zu den Containern.
Elenor saß mit gekreuzten Beinen in dem roten Sessel und blätterte in einer Zeitschrift.
»Wo ist Martin?«, fragte Agnes.
»Er joggt«, antwortete Elenor.
»Bleibst du hier heute Abend?«
Elenor guckte auf. Sie hatte die Lippen rot geschminkt und in der Oberlippe eine kleine Perle. Die bewegte sich, wenn sie sprach.
»Vielleicht«, antwortete sie.
»Wir haben aber nur drei Koteletts«, sagte Agnes.
Elenor leckte über ihre Perle. Sie spreizte die Finger und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar.
In Agnes’ Ausweis stand, dass sie blonde Haare hatte. Der Ausweis war neu. Den hatte sie sich erst vor einigen Wochen besorgt. Im Juni brauchte sie ihn. Dann wollten sie in die Türkei, sie, Martin und Papa. Aber Douglas nicht. Und Elenor auch nicht.
In Elenors Ausweis stand wahrscheinlich dunkelblond.
Oder mausfarben, dachte Agnes.
»Vielleicht ess ich nicht hier«, sagte Elenor.
»Bist du in ihn verliebt?«, fragte Agnes. »In Martin?«
»Aber hallo«, sagte Elenor. »Was für eine Frage.«
»Er ist wahrscheinlich in dich verliebt«, sagte Agnes. »Und ich bin in Douglas verliebt.«
Elenor lachte ein piepsendes Lachen.
»Verliebt?«, sagte sie.
»Das ist ein Adjektiv, wie verknallt «, sagte Agnes.
»Und wie neugierig .«
»Martin hat es nicht leicht gehabt«, sagte Agnes. »Deshalb will ich nicht, dass ...«
Sie verstummte und starrte Elenor an, als ob sie sie zum ersten Mal sähe. Sie war schlank in ihrer braunen Stretchhose, dazu trug sie eine gelbe Bluse. Wenn sie sich bewegte, wippte eine kleine Halskette in ihrem Ausschnitt.
»Wir werden Schwägerinnen«, sagte Agnes, »du und ich.«
Elenor piepste wieder und strich mit den Händen über ihre Hosenbeine, wie um sie zu glätten.
»Wie lange er wegbleibt«, sagte sie.
Agnes hob eine der Hanteln an, die auf dem kleinen Tisch lagen, und versuchte sie mit ausgestrecktem Arm zu halten.
»Ich kann sie zehnmal über den Kopf stemmen.«
»Wirklich?«, sagte Elenor.
»Aber jetzt hab ich damit aufgehört. Seit ich zehnmal geschafft habe. Martin macht aber weiter. Außerdem joggt er.«
Elenor stand auf.
»Er ist wirklich lange weg.«
»Er läuft weit«, sagte Agnes. »Mindestens zehn Kilometer.«
Elenor setzte sich wieder und guckte in die Illustrierte.
Agnes blieb stehen.
»Wenn ihr beiden also ...«, sagte sie.
»Was?«
Elenor fuhr sich wieder mit den Händen durchs Haar.
»Dann werden wir Schwägerinnen«, sagte Agnes. »Du und ich. Dann müssen wir uns vertragen.«
»Ich hab einen kleinen Schlumpf auf der Schulter«, sagte Elenor. »Der merkt sich alles, was du sagst.«
»Was alles?«, fragte Agnes.
»Jetzt hör auf«, sagte Elenor. »Ich will lesen, bis Martin kommt. Und du solltest wieder nach unten in dein Zimmer gehen.«
»Für dich reicht das Essen jedenfalls nicht«, sagte Agnes. Aber schließlich ging sie. Sie nahm die Treppe in drei Sprüngen.
In ihrem Zimmer machte sie eine Liste mit Plus und Minus für Elenor. Die Minusliste wurde länger. Auf der Plus-Seite fiel ihr nur hübsch und schlank ein. Aber auf der Minus-Seite stand: eingebildet, albern, Perle in der Lippe, Mausehaare, nicht verliebt, piepsiges Lachen, satt und Schwägerin.
Oben über die Liste schrieb Agnes: Adjektive über Elenor. Dann las sie noch einmal durch, was sie geschrieben hatte, und änderte die Überschrift in Adjektive und anderes über Elenor .
Gründonnerstag holten sie Jörgen vom Flughafen ab. Darauf hatte Agnes sich schon gefreut. Sie mochte ihren Onkel. Er war viel jünger als Papa und spielte in einer Tanzband Gitarre. Die Band hieß Appendix.
Weihnachten hatte Agnes herausgefunden, dass Jörgen eine Perücke trug. Die hatte morgens neben seinem Bett gelegen, als Agnes sich zu ihm hineinschlich. Erstaunt hatte sie seinen kahlen Schädel angestarrt.
Jetzt trug er keine Perücke mehr.
»Was Roger Pontare kann, kann ich auch«, sagte er und strich sich über den Kopf, als Agnes ihn anstarrte.
Noch mehr starrte sie seine Reisebegleitung an.
Die hatte keine Glatze.
Sie hatte helle Haare, die ihr weit über die Schultern fielen, aber klein war sie, kaum größer als Agnes.
»Das ist Sibylla. Und das ist Agnes«, sagte Jörgen und drückte seinen Zeigefinger kurz auf Agnes’ Nase, wie er das immer tat, wenn sie sich trafen.
»Hallo, Agnes«, sagte Sibylla.
Agnes brachte kein Wort heraus.
Sie standen am Eingang und ein Flugzeug donnerte davon. Agnes reckte den Kopf, um es zu verfolgen.
»Aha, das ist also Agnes«, sagte Sibylla.
»Und ob«, sagte Papa, »und jetzt fahren wir nach Hause.« Er griff nach Jörgens und Sibyllas Taschen und ging aufs Auto zu.
Agnes und Sibylla mussten hinten sitzen. Sie hatten viel Platz. »Da ist man also wieder im Lande«, sagte Jörgen.
»Ja, du, Agnes«, sagte Sibylla.
Ihre Stimme klang wie Elnas Stimme. Wahrscheinlich rauchte sie auch ...
Agnes sagte nichts.
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