Der sprang vom Dach auf die Gartenmauer, reichte dem goldhaarigen Mädchen die Hand, und wie eine Katze erklomm sie die Mauer.
Unter den grünen Schattendächern der Vigna waren die beiden alsbald verschwunden.
Als Frau Nina Zeni, die ihre Bettstatt so behäbig füllte, an diesem Morgen die Augen aufgeschlagen hatte, war ihr erster Gedanke nicht, in dem golddurchwirkten Helldunkel hinter den Jalousien noch eine gemessene Frist zwischen Schlaf und Wachen zu verdämmern, wie sie das in früheren Tagen gehalten hatte — nein, Nina Zeni quälte sich an diesem Morgen wieder einmal eifersüchtig um Teresina Margiotta und um ihr Kind. Es waren viele Mädchen in Santa Croce, die in ihrem Herzen auf die Heimkehr Ettore Torinos warteten. Aber Ninetta fürchtete keins — pah, sie mussten alle arbeiten, womöglich gar in Giani Torinos Schnapsfabrik. Sie hatten alle heisse Augen und heisse Herzen und glühendes Verlangen nach den Lippen eines Mannes. Das würde Ettore Torino mit seinen kecken Blicken sehen, und er würde vielleicht auch eine aus dieser Schar gerne sehen und hübsch finden — aber lieb haben oder gar heiraten? Madonna mia, so etwas heiratet Ettore Torino doch nicht! Einer, der bei den Bersaglieri in den Klüften der Berge Afrikas stark wie ein Löwe geworden ist und eine Haut hat wie blankes Kupfer!
So versuchte Nina Zeni in heimlichen Selbstgesprächen ihr Herz zur Ruhe zu reden.
Aber da war Leonetta Margiotta! Leonetta Margiottas flammendes Haar und ihre sonnige Schönheit!
‚Leonetta Margiotta ist ein Wunder des Himmels‘, dachte Nina Zeni, so oft die Flamme der Eifersucht in ihrem Herzen von neuem aufschlug. Und das war an jedem Tage.
Und in der Tat — Leonetta Margiotta hatte alle Schönheit und Behendigkeit des Geierjägers, und sie hatte alle Schmiegsamkeit und das köstliche Wiegen des Leibes von ihrer Mutter. Dazu kam das Wunder ihres goldenen Haares. Weiss Gott, wie sie zu diesem Glücke gekommen — auf hundert Meilen in dem Felsgebirge war keine, die auch nur einen Schimmer der Schönheit dieses Mädchens besass, Teresina Margiotta nicht ausgenommen.
Darum hatten sie — gottlos und frech — das Kind Leonetta getauft. Im ganzen Kalender war kein Tag zu finden, der den Namen einer heiligen Leonetta trug!
Und Leonetta Margiotta war Nina Zenis heimliche Qual.
Während die Frauen an diesem Morgen mit über der Brust gekreuzten Armen auf dem Herdrande sassen und Teresina Margiottas mattes Silber der Ohrgehänge leise läutete, wenn es an die Glieder ihrer Halskette streifte (und das geschah immer, sobald die Neugier Teresinas lebhafter mit der wunderlichen Art der Deutschen sich beschäftigte), legte Ninetta oft mahnend die Finger auf die Lippen: „Still, Teresina Margiotta! Habe ich dir nicht gesagt: Signore Riccardo arbeitet? Arbeitet mit dem Kopf! Madonna mia, Teresina, was sagst du dazu? Ein Mensch, der mit dem Kopfe arbeitet! Sind diese Deutschen nicht verrückt?“
Da war die geschwätzige Nina schon wieder bei ihren Gästen angelangt! Und seit dem frühen Morgen hatte sie sich doch vorgenommen: sie müsse heut oder ehestens über Teresina Margiotta und ihre Pläne ins klare kommen. Sie müsse sie um ihr Geheimnis bestehlen und Antwort auf die Frage bekommen: Was will das mit Leonetta Margiotta werden? Denkt Teresina Margiotta für ihr Kind an Ettore Torino?
Frau Nina hatte schon im Bette an ihren Fingern ausgerechnet, dass Leonetta vierzehn Jahre geworden sein werde, wenn Ettore Torino kupferbraun und schön und stark in die Berge von Santa Croce zurückkehre. Darüber war sie von neuem zu der quälenden Erkenntnis gelangt, dass Teresina Margiottas Kind dann die schönste und jüngste unter den heiratsfähigen Töchtern der Felsendörfer sei.
In dieser Stunde wollte Nina den Weg in Teresinas Herz finden — jetzt, solange Prisca noch bei den Krämern und droben bei Giani Torino war, um einzukaufen; denn sie dachte: Teresina werde ihr Geheimnis nicht um Gold an eine der Frauen von Santa Croce verkaufen, aber sie werde es in eitler Geschwätzigkeit dem guten Herzen der Ninetta umsonst verraten.
„Teresina mia,“ begann sie schmeichelnd nach einer Weile. Sie hatte den würdigen, gebieterischen Ton ganz vergessen, in dem sie sich der Nachbarin gegenüber vordem hochmütig gefallen hatte. „Teresina mia, wie treu du bist und eine wie vortreffliche Freundin! Es ist herrlich von dir, dass du gekommen bist, meine Sorgen um die deutschen Herrschaften zu teilen ...“
Teresina Margiotta liess die Worte, süss wie reife Feigen, verwundert über sich ausschütten und warf nur einmal einen kurzen Blick aus den Winkeln ihrer klaren Augen auf die dicke, listige Nina.
Was wollte Nina von ihr? Sie konnte nicht zur Klarheit gelangen. Aber fangen wollte sie sich nicht lassen von Ninas List.
Darum sprang sie plötzlich auf: „Ninetta, was sitz’ ich hier und schwätze? Ninetta, müsste ich mich nicht vor Giulio schämen, wenn er wüsste, ich sitze faul auf dem Herde der Ninuccia? Eh, lass mich gehen!“
Aber Nina streckte ihr die Arme entgegen und drückte sie entschieden auf ihren Sitz zurück.
„O, liebe Teresina Margiotta, nur heute, heute musst du bleiben und musst mich mit deiner Klugheit beraten! Ist Leonetta nicht in deinem Hause? Ist Leonetta nicht in deinem Garten und bricht Bohnen und schürt das Feuer? Arbeitet Leonetta nicht wie es sich für ein grosses Mädchen schickt? Warum willst du also nach Hause, Teresina Margiotta?“
Da lachte die schöne Frau ihr klingendes Lachen, mit dem sie die festesten Schlösser vor dem Herzen eines Mannes zu sprengen vermocht hätte und mit dem sie Nina Zeni toll machen konnte vor Eifersucht. Dann schwieg sie plötzlich, liess den fürwitzigen roten Pantoffel auf ihren Zehen tanzen und schlug ihn wieder gegen die Ferse des blossen weissen Fusses.
Nina ärgerte sich auch über dies kecke Spiel mit dem koketten, kleinen Pantoffel — sie ärgerte sich über alles, was Teresina Margiotta anging, und rückte unruhig auf den Steinen des Herdes hin und her.
„Was ist dir, Teresina? Warum redest du nicht? Bist du nicht wunderlich, wenn du heimgehst und arbeitest?“
In den Augen der Nachbarin, die nun lange forschend und zweifelnd auf Ninas behäbiger Fülle ruhten, wusste Nina zu lesen.
Aber nicht die Augen sollten stumme, deutsame Worte reden, sondern der Mund Teresina Margiottas sollte bekennen — sollte klar und unzweideutig bekennen, wohinaus sie mit der schlanken Leonetta wollte.
„Na, Teresina? Magst du nicht verraten, was dir dein Felsentauber heimlich vertraut hat?“ fragte sie giftig. Ninetta fiel allgemach aus ihrer Rolle. Diese kluge, tückische Teresina quälte sie heute wieder einmal bis aufs Blut! Und weil sie immer noch schwieg und Gefallen daran zu haben schien, die dicke Nachbarin zu foltern, lief Ninas volles Herz endlich über wie der Steintrog an der Piazzetta von Santa Croce, wenn alle Frühlingswässer rinnen: „O, Teresina Margiotta, ganz Santa Croce weiss, dass du und dein stolzer, vermessener Giulio — dass ihr beide närrisch verliebt seid in euere kleine Löwin und dass ihr — o heilige Jungfrau! — eine Signora aus ihr machen möchtet! Nicht gleich eine Contessa? Teresina Margiotta, was treibt ihr für Dinge? Du arbeitest, und das Mädchen reibt sich Stirn und Wangen mit Tüchern aus knisternder Seide! Du lässt es dir hart werden, und Leonetta ist müssig wie eine Eidechse in der Sonne!“
Und Teresina Margiotta sah die quälende Eifersucht und lachte — Madonna del Carmine, wie diese Frau lachte!
„Ninuccia!“ sagte sie und krümmte sich vor Lust, „Nin — Ninuccia, liebe, dicke Ninuccia, dein deutscher Dichter arbeitet! Er wird viel Geld verdienen und wird dir davon geben — warum schreist du so, meine liebe, sorgende Nina? Und warum reitest du auf den Steinen unter dir, als wären es heisse Kohlen?“
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