Diese Belehrung liess Signore Riccardo sich schweigend gefallen, während er die Hand flach auf einen Stoss beschriebener und unbeschriebener Blätter gelegt hatte. Dann forderte er Prisca und Nina auf, den einen Tisch in das Licht am Fenster zu rücken, und bedeutete sie, dass von allen Blättern, die für die Folge auf diesem Schreibtische liegen würden, nichts weggetragen, ja nicht einmal berührt werden dürfe, da jedes geschriebene Wort unersetzlich für ihn und die Mitwelt sei.
Das fand die dicke, praktische Nina noch verrückter, als in dem Mondlichte der Nachmitternacht durch die Vignen zu streifen und dann am Tage nicht einmal zu schlafen.
Aber pah — was ging sie die Narrheit der Deutschen an! Für so viel Lire liessen sich ja wohl einige Sonderheiten in Kauf nehmen. Und Nina Zeni war unweigerlich entschlossen, für den bewilligten Mietpreis alles über sich ergehen zu lassen.
„Müssen wir nicht, Prisca? Können wir nicht, Prisca?“ fragte sie, als sie wieder auf der Ecke des Herdes sass, um von der gehabten Mühe sich auszuruhen. „Wir werden nicht mehr arbeiten und haben Eier und Maccaroni, haben Reis und Huhn und Kuchen so viel wir mögen; und jene haben ihre Narrheiten. ... Ob die blonde Signora seine Frau ist, Prisca? Eh, Prisca, was meinst du?“
Sie sah in ein paar verwunderte junge Augen; die fragten: ‚Seine Frau? Ja, was soll sie sonst sein?‘
Dabei beschied sich Nina Zeni und dachte, über derartige Dinge sei besser mit Teresina Margiotta zu reden. Und sie sprach leise und lehnte die Küchentüre an; denn die schöne blonde Signora hatte ihr verraten, dass tiefe Ruhe im Hause herrschen müsse; Signore Riccardo sei ein deutscher Schriftsteller, dessen Ruhm in kurzer Zeit die halbe Welt erfüllen werde, wenn nur kein Laut des Lebens die Stille um ihn her störe.
„O, im Hause von Frau Nina ist es märchenstill! O, im Hause von Frau Nina hört man die Sonnenstrahlen schreiten!“ hatte die runde Nina der ängstlichen Hüterin des Ruhmes ihres stolzen Schriftstellers versichert.
Während Prisca einkaufen war und die Nonna auf dem Herdrande vor sich hindämmerte (es war die Zeit, in der sie vordem sich wieder zu Bette gelegt hatte), knirschte die Feder Richards im Raume drüben jenseits des Flurs in kurzen Zwischenräumen über das Papier.
Margherita sass in einer Ecke des Zimmers und war beflissen, eine Handarbeit fortzusetzen; aber sie rang mit dem Schlummer.
Weil sie die Feder immer seltener vernahm, fuhr sie manchmal erschreckt empor; denn sie dachte, sie habe geschlafen, während er sich mühe und gar kein Zeichen von Müdigkeit an ihm wahrnehmbar sei.
Da wandte er sich um: „Bist du müde, Rita? Möchtest du dich nicht auf das Bett legen?“
Margherita lächelte dankbar. Sie dachte, sie wolle ihm im Vorüberschreiten mit ihrer leisen Hand die Stirne berühren. Aber sie wagte es nicht, aus Furcht, sie möchte das feine Netz seiner dichterischen Gedanken mit dieser leisen Hand zerstören. Darum sprach sie auch nicht, sondern legte sich in den Kleidern lautlos auf das Lager.
Allein der Schlaf mochte nicht kommen; denn die Feder Richards lag nun auf dem Rande des Tisches, und er schaute in tiefem Nachdenken durch das heimliche Spinnen des Rauches seiner Zigarette.
Margherita aber zürnte sich und ihrer Schwäche: die Sorge um sie hatte den Geliebten nun doch wohl aus den Höhen des Fluges seiner Gedanken herniedergezogen in die kleinliche Welt der Wirklichkeit, herniedergezogen durch ihre widerstandslose Mattigkeit.
Ein leises Seufzen Richards machte ihr diese Annahme zur quälenden Gewissheit.
„Rita, du schläfst nicht?“
„Vielleicht bin ich zu müde, oder es ist das Ungewohnte des Lagers und der Umgebung.“
Da erhob sich Richard und warf den Rest seiner Zigarette zum Fenster hinaus: „Natürlich! Man muss sich erst einleben. Und dazu die Strapazen der langen Reise, die durchwachte Nacht. Wie kann ich denn daran denken, an einem solchen Tag etwas Ordentliches zu schreiben — bei der Grösse dieser Gedanken! Erst mal eine lange, gründliche Ruhe. Meinst du nicht auch, Rita?“
„Du weisst am besten, was nötig ist, Richard“, antwortete sie sanft.
Und er lehnte die Läden an, so dass ein trauliches Dämmerlicht das Zimmer füllte, entkleidete sich und legte sich schlafen.
Als draussen wenige Augenblicke später die Türe des Flurs knarrte, erschien Nina Zeni, so rasch es ihres Leibes Fülle litt, vor der Küche und legte die Finger fest auf die Lippen: „Still, Teresina Margiotta! Signore Riccardo ist ein deutscher Dichter, und Signore Riccardo schafft hinter jener Türe unsterbliche Werke!“ sagte sie mit komischer Grandezza.
Teresina Margiotta prallte ein wenig zurück; dann fasste sie sich aber, und ihre roten, reizenden Pantoffeln klappten wie sonst unter dem schmiegsamen, schönen Weibe in die russige Küche der Nina Zeni.
Am Herde berieten sie sich. Was Teresina Margiotta von der blonden deutschen Signora denke — ob sie nicht wundervolles Haar habe, glänzender als die Himmelsmutter, und ob sie nicht viel schöner sei als alle Frauen von Santa Croce — Teresina natürlich inbegriffen? Und was Teresina meine: ob sie eigentlich seine Frau sei? Man könne nicht wissen — diese deutschen Künstler sind verrückte Leute, sagt man ...
„Aber was tut das? Sie sind reich, Teresina Margiotta!“
Und die Augen Nina Zenis leuchteten wie in stolzem Siege.
Von dieser Zeit an war das Leben für Beppino, den Landstreicher, noch wesentlich leichter. Er erfreute sich fortan einer vortrefflichen Gesundheit, und das schrieb Nina Zeni auf das Konto ihrer sorgenden und unermüdlichen grossmütterlichen Treue.
„Teresina Margiotta,“ sagte sie eines Tages, „was glaubst du wohl, was aus den Kindern meiner frommen, unglücklichen Marietta geworden wäre, wenn ich nicht gearbeitet und gelitten hätte Tag und Nacht? Teresina Margiotta, die Hände haben mir geblutet von der Arbeit, und die Augen waren mir rot vom Weinen. Aber ich habe gebetet — o, wie habe ich gebetet und gearbeitet, Teresina Margiotta!“
Da nickte die Schöne aus der Felsengasse, ohne heute für nötig zu halten, der fleischigen Ninetta die Lustigkeit zu verbergen, die sie bei den Beteuerungen überkam, und sagte: „Nina Zeni, über dir ist der Segen des Himmels, sonst wärst du noch dünner geworden!“
Da machte Ninetta ein Kreuz vor ihrer Brust und bewegte die Lippen in heimlicher Anrufung.
Beppino, der auf dem Herde lag und gerade dabei war, die Steine der von ihm verzehrten Pfirsiche in die heissen Kohlen zu werfen und an den stiebenden Funken sich zu ergötzen, hielt diese Gelegenheit für günstig, sein Tagewerk zu beginnen: er entschlüpfte. Dann kroch er über das brüchige, flache Dach des Hauses und warf von dort aus durch ein offenes Fenster jenseits der Gasse eine der rotbäckigen Früchte. Die hatte er schon früh aus dem benachbarten Weingarten gestohlen.
Gleich darauf erschien das lachende Gesicht Leonetta Margiottas drüben, um das die goldroten Haare in glänzenden Strähnen hingen. Leonetta hielt sich mit den Händen am Fensterkreuz, war blossarmig und hatte ausser dem blütenweissen Hemde nichts an als das rote, knielange Röcklein.
Beppino lag platt auf den Ziegeln des Daches und nagte an einem Pfirsich: „Nun, Leonetta Margiotta?“ fragte er lachend hinüber.
„Hast du wieder ein Nest mit goldenen Eiern entdeckt?“ neckte die schlanke Gazelle.
„Nein, aber ich weiss köstliche blaue Feigen und halbflügge Geier im Neste; und die goldenen Eier sollst du doch noch haben, Leonetta Margiotta!“
„Du hast Pfirsiche gestohlen!“
„Ja, für dich! Kommst du?“
„Wohin?“
„In die Berge!“
Da war Leonetta Margiotta mit einem Sprung auf dem Fensterbrett! Da flogen ihre roten, zierlichen Pantoffeln ihr voraus und klackten auf die Fliesen der Gasse. Da hing Leonetta Margiotta über dem Türstein und glitt hernieder und stand vor dem Hause: „Beppino, wo bist du?“
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