Sie wurde blass und schwieg. Dann nahm sie sanft seinen Arm, um mit ihm nach vorn zu gehen. Er entzog sich heftig dem weichen. Frauenarm, an dem von heute mittag her die Berührung eines anderen haftete. Lonny Lotheisen zuckte zusammen. Presste die Lippen aufeinander, wurde auf einmal totenblass. Stumm, einer neben dem andern, schritten sie zu dem Speisezimmer und setzten sich an den grossen, weissgedeckten kahlen Tisch.
Lonny Lotheisen goss besorgt ihrem Mann Tee ein.
„Du musst vorlieb nehmen“, sagte sie. „Es ist deutscher Tee, aus Erdbeerblättern! Anderen gibt’s nicht mehr! . . . Tu dir nur tüchtig Zucker hinein! Ich hab’ gerade noch die fünf Stückchen seit langem aufgespart.“
Er schlürfte und starrte vor sich hin.
„Seife hab’ ich, gottlob, noch auf Jahre! . . . Fasten und frieren . . . meinetwegen . . . aber ohne Seife hielte ich das Leben nicht aus.“
Er nickte. Sie konnte nicht erkennen, ob er ihr überhaupt zuhörte. Ihr warmer Atem ballte sich leise in der Luft. Sie hatte sich ein Pelzcape um die schmalen Schultern gelegt.
„Frierst du nicht? Unsere Warmwasserheizung ist natürlich für die Katze! Wir haben so gut wie keine Kohlen im Haus. Soll ich dir nicht einen Mantel von hinten holen?“
Er antwortete nicht. Nach einiger Zeit fragte er dumpf:
„Was hast du denn nun gemacht, seitdem du nicht mehr gepflegt hast?“
„Ich habe mich mit mir beschäftigt, Bruno. Ich habe mich geistig gebildet. Ich musste es. Ich stand ja ganz allein dem Leben gegenüber.“
„Wie hast du denn das angefangen?“
„Ich hab’ mich auf Rat von Papa mit dem Nötigsten im Bankwesen befasst und einen Kursus in Buchführung durchgemacht. Dann habe ich mir die Verwaltung unseres Vermögens von dem alten, langweiligen Justizrat übergeben lassen und selbst in die Hand genommen. Es war höchste Zeit. Aber ich hab’ es geschafft. Ich habe mich von vernünftigen Leuten beraten lassen, hiesigen Geschäftsfreunden von Papa aus der Hochfinanz. Du wirst dich wundern!“
„Lonny . . .“
„Ich hab’ die Kriegsanleihe verpfändet und hab’ Diamanten und Teppiche gekauft. Von der anderen Hälfte von unserem Geld hab’ ich den grössten Teil schon glücklich in kommender Friedensindustrie angelegt. Ich bin stolz! Auf der Bank machen sie mir auch immer Komplimente, wenn ich komme, und sagen, ich machte das wie ein Alter . . .“
Ihr Mann sah sie traurig aus seinen kinderreinen, hellblauen Augen an. Dann fragte er: „Und weiter?“
„Dann habe ich mich sehr viel mit Politik beschäftigt . . .“
„Du?“
„. . . Ich bin doch nicht so dumm, Bruno . . .“
„Nein. Gewiss nicht. Du bist eine sehr gescheite Frau . . .“
„. . . und habe viele ernsthafte Bücher über die Gegenwart gelesen und einen Überblick über unsere Zeit gewonnen. Ich habe sogar im letzten Jahr selbst ein paar Vorträge gehalten . . . in Frauenvereinen . . .“
„So . . . so . . .“
„Aber hauptsächlich habe ich Vorträge gehört! Es tut ja so bitter not, dass man seinen Gesichtskreis erweitert . . .“
„Vorträge — über was denn?“
„Über all das, was man uns Frauen künstlich vorenthielt: Über Politik und Staatslehre und Volkswirtschaft und soziale Probleme! Und dann sind auf einma alle Männer, auf die wir uns im Leben verliessen, fort im Krieg, und wir stehen ratlos vor der Zeit und der Wirklichkeit! Aber ich hab’ das Meine getan. Du darfst es mir glauben!“
Ihre Wangen hatten sich im Eifer der Rede rosig getönt, ihr Mienenspiel sich belebt, ihre Augen glänzten. Bruno Lotheisen hatte kaum mehr zugehört. Er war in Gedanken verloren. Er machte eine kurze, ungeduldige Handbewegung durch die Luft. als scheuchte er leere Worte von seinem Ohr. Er schob Teller und Tasse von sich. Er erhob sich brüsk. Er trat zur Türe. Dort liess er seiner Frau den Vortritt. Sie ging rasch und flüchtig vor ihm in das Vorderzimmer. Der kurze Rock wippte im elastischen Schreiten zwei Hand hoch über ihren schlanken Knöcheln. Sie trug den Kopf im Nacken, über dessen warmem Weiss das Blondhaar flimmerte. Ein zarter Veilchenhauch wehte hinter ihr her. Hinter sich vernahm sie seine dumpfen Tritte. Sie klangen schwer und müde. Er folgte ihr. Er sah die leuchtende, lebende Jugend, die da vor ihm ging, und dachte, sich mit einer plötzlichen, unsäglichen Bitterkeit: Dich hat das Leben und der Krieg nicht gebrochen . . . dich! Du brauchst mich nicht mehr. Du findest auch ohne mich deinen Weg. Aber ich . . . aber ich . . .
Sie waren wieder im Salon. Unten auf der Strasse brüllte die Hupe eines Kraftwagens. Ein Maschinengewehr Auto raste vorbei. Dunkel gedrängte Gruppen, Filzhüte, Gewehrläufe auf seinem Verdeck. Geflacker von Pechfackeln. Zwei weisse, blendende Azetylenaugen.
„Gott sei Dank!“ sagte Lonny.
„Warum?“
„Die Minna hat eben erzählt: Das Auto fährt die ganze Nacht zu unserem Schutz hin und her. Immer von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche bis hinaus nach Roseneck und wieder zurück.“
Sie stand am Fenster, an eben der Stelle, wo er sie vom Kurfürstendamm aus gesehen. Die Ecke ihr gegenüber war leer. Aber er sah im Geist den anderen dort stehen . . . den Dritten. Er liess sich schwer auf einen Sessel in der Mitte des Zimmers nieder.
„Komm! Setz’ dich auch, Lonny!“
Sie folgte fügsam seinem Wort. Sie sass ihm gegenüber, straff aufgerichtet, die Hände im Schoss zusammengefaltet. Sie schien ganz gesammelt und gefasst. Aber er merkte, welche Mühe sie sich gab, um ihre Aufregung zu beherrschen und ihren unruhigen Atem zu unterdrücken. Irgend etwas kroch heran. Irgend etwas richtete sich zwischen ihnen auf. Irgend etwas Notwendiges, Unentrinnbares legte sich langsam über sie beide, statt des Spiels der Worte.
Er stützte den Kopf in die Hand, schloss die Lider, öffnete sie wieder, warf einen gramvollen Blick auf das elegante, modische Halbtrauergewand seiner Frau. Er sagte dumpf:
„Also das hast du im letzten Jahr getan?“
„Ja. Ich hab’ meine Zeit nicht verloren, Bruno.“
Er strich sich mit der Hand über die Stirne.
„Warum gerade im letzten Jahr?“
Sie merkte, wie sein müdes Auge gramvoll über das Schwarz und Weiss ihrer Halbtrauer hinglitt, angstvoll, forschend, von ihrem blonden Scheitel bis zu der zitternd auf und nieder wippenden Spitze ihres hohen Chevreaustiefelchens.
„Warum gerade in diesem Jahr, Lonny?“
„Weil ich da ganz allein war.“
Es war ein jammervoller, schneidender, heller Ton aus ihrem Munde. Sie schrie es auf. Sie sprang auf. Sie stand vor ihm. Plötzlich schossen ihr zwei seit Minuten aufgestaute. Tränenbäche über das schöne, blasse Gesicht. Sie beugte sich zu ihm vor. Sie legte ihm, der sitzengeblieben war, die Hände auf die Schultern. Ihr lebenswarmer Atem wehte um seine bärtigen Wangen. Ihr Busen flog. Sie stiess abgebrochene, stammelnde, weinende Worte heraus.
„Bruno . . . ich konnte es dir nicht sagen . . . die ganze Zeit kämpfe ich mit mir . . . Ich bringe es nicht übers Herz . . . Ich muss es dir sagen! Bruno! Wir haben kein Kind mehr! Unser Evchen ist tot!“
Sie brach schluchzend in dem Sessel zusammen. Weinkrämpfe erschütterten ihren Körper. Ihr Haupt fiel nach vorn auf die Knie. Er fing sie in seinen Armen auf. Sie gab ihm erschöpft die leichte Last ihres Leibes hin. Wie sie in da sassen, sie, eine Stütze suchend, er, sie haltend, da waren sie Mann und Frau, nicht in Liebe, sondern in Trauer.
Auch seine Augen feuchteten sich in bitterem Nass. Er sagte leise: „Ich weiss es schon, Lonny. Ich weiss es seit heute mittag!“
Sie blieb in wildem Weinen. Sie berichtete abgerissen, verzweifelt in seinen Armen, an seiner Brust.
„Unser Mädele ist fort von uns. Unser Mädele ist im Himmel. Die Engländer haben unser Mädele gemordet. Ich hab’ im Laden keine Milch mehr für sie gekriegt. Ich hab’ keine gekriegt. Und wenn ich sie gekriegt hab’, war sie blau und übergegangen . . .“
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