„Du sollst das ausrichten, was ich dir gesagt habe.“
Da ging Klaus ans offene Fenster und rief in die Stube:
„Marie, lasse dich niemals rasieren; du verlierst sonst zweieinhalb Jahre vom Leben. Ich lasse mir von heute an einen Vollbart und die Haupthaare wachsen wie Simson. Bitte, zum Kaffee nach der Sommerlaube. Mutter wartet!“
Darauf verschwand Klaus schleunigst vom väterlichen Gehöft.
*
Es war ein wunderschöner Tag im späten Juni. Die Linden blühten, von tausend Bienen umsummt, der Bauerngarten stand in voller Blüte: Pfingstrosen, Akelei, Lilien, rote Nelken, auch ein paar Rosen. Die Knechte und Mägde brachten das letzte Heu ein. Jetzt gab es noch eine kurze Atempause vor den heißen Arbeitstagen der Getreideernte.
Die Bauersfrau saß schüchtern und scheu am eigenen Tisch. Sie hielt sich für einfältig und fürchtete immer, etwas Törichtes zu sagen. So schwieg sie beklommen in Gegenwart fremder Leute. Aber Neumann brachte die Rede auf Wirtschaftsfragen, und da wurde sie munterer und gab freundlich Bescheid. Neumann fühlte sich wohl in dem kleinen Kreise. Da lugte der Kopf eines jungen Burschen über die Gartenmauer.
„Kaffee? — Ich will auch welchen — ach, der neue Schulmeister!“
Der Kopf verschwand. Karl war es gewesen, der betrunken heimkam.
Marie war blutrot geworden vor Scham. Neumann, der Bescheid über Karl wußte, tat, als hätte er gar nichts bemerkt.
Ehe er ging, sagte Marie mit zornfeuchten Augen zu ihm:
„Das war nun mein Bruder Karl — einer aus der guten, alten Schule. Es ist schrecklich!“
„Fräulein Heinrich“, sagte der junge Lehrer milde, „ein Kreuz ist in jeder Familie. Ich hatte auch einen Bruder, der zugrunde gegangen ist, obwohl wir ihm alle helfen wollten. Karl wird sich hoffentlich noch einmal eines Besseren besinnen.“
Marie schüttelte mutlos den Kopf. Er drückte ihr warm die Hand und ging.
Und es war merkwürdig: die beiden jungen Menschen, die sich eben erst kennengelernt hatten, dachten freundlich aneinander, ja sie dachten gern und dankbar aneinander.
Marie Heinrich faßte den Entschluß, nunmehr die Sorge für das Wohl und Wehe ihrer Familie selbst zu übernehmen. Die Mutter war alt, weit über ihre Jahre hinaus alt. Langes Witwentum, viel Arbeit und Sorge, wenig Erholung und fast gar keine Freude — für eine Frau, auf die das zutrifft, zählen die Jahre doppelt und dreifach. Wilhelm mischte sich in Familienangelegenheiten niemals ein, er kümmerte sich nur um die Wirtschaft.
So blieb die Sorge um die Ihren Marie Heinrich überlassen.
Wieder hatte Marie mit der Mutter eine ernste Besprechung. Sie hatte zu der Unterredung Wilhelm zugezogen.
„Es sind ernste Dinge um uns, Mutter“, sagte sie, „so geht es mit Karl nicht weiter. Es muß anders werden!“
Wilhelm senkte den Kopf und schwieg.
Die Mutter jammerte:
„Ich hab’ ja den Karl schon so oft gebeten — er folgt mir doch nicht — was soll ich denn tun? Ich kann ihn doch nicht halten. Er ist jung und stark, ich bin alt und schwach.“
Marie sagte: „So muß ihn jemand anders regieren!“
„Wer denn?“
„Ich! Aber dazu brauche ich Vollmacht. Und die Vollmacht mußt du mir geben, Mutter!“
Wilhelm erhob sich. Er war aufgeregt, seine Augen starrten ein wenig, und er sagte:
„Es sind Familienangelegenheiten — ich will —“
„Nein, Wilhelm, ich bitte dich, daß du bleibst; du bist unser bester Freund, wir brauchen deinen Rat.“
„Was denn für Vollmacht?“ fragte die Mutter.
„Die Vollmacht, daß ich über alles Geld und Gut in deinem Namen verfügen kann. Wenn ich diese Vollmacht habe, dann habe ich auch Macht über Karl. Dann werd’ ich ihn kurzhalten. Hab’ ich recht, Wilhelm?“
„Es ist Sache der Frau!“
„Darf es so weitergehen, Wilhelm?
„Nein!“
„Nun, wenn dir das, was ich vorschlage, nicht gefällt, willst du uns nicht etwas Besseres raten?“
Wilhelm zuckte schweigend die Achseln.
„Glaubst du, Wilhelm, ich könnte eine solche Vollmacht mißbrauchen, könnte mir selber mehr zustekken, als mir zukäme?“
„Du würdest für dich weniger nehmen als für die anderen.“
„Nun, warum bist du nicht für meinen Vorschlag?“
„Es geht mich nichts an“, sagte Wilhelm dumpf; „es ist Sache der Frau!“
Er ging davon. Die Mutter starrte vor sich hin.
„Karl ist der Älteste! Was wird er sagen, wenn ich dir alles übergebe?“
„Es ist gleich, was er sagt. Hauptsache ist, daß bei uns Ordnung wird.“
„Ich kann nicht! Ich will auch nicht!“ sagte die Mutter.
„Nun, dann mag alles Gott befohlen sein. Aber dann laß mich in Frieden ziehen, Mutter! Es ist ja ohne mich gegangen, als ich auf der Schule war. Ich will mir etwas suchen draußen in der Welt.“
„Du willst fort?“ jammerte die Mutter.
„Ja“, sagte Marie düster; „ich will nicht untätig und machtlos zusehen, wie Karl über den Hof Not und Schande bringt.“
Am Abend desselben Tages versprach die Mutter zu tun, was Marie wünschte. —
Am nächsten Sonntag, bald nach dem Mittagessen, war die ganze Familie in der großen Stube versammelt. Wilhelm war nicht zugegen, man hatte vergebens nach ihm gesucht.
Da sagte die Mutter: „Ich habe was Ernstes zu sagen. Ich bin alt, ich kann nicht mehr alles übersehen; ich übergeb’ die Führung des Haushaltes Marie.“
„Was soll das heißen?“ fragte Karl, der Älteste.
„Das soll heißen“, sagte die Mutter mit viel festerer Stimme als sonst, „daß überall, wo bis jetzt ich befohlen hab’, nun die Marie zu sagen hat.“
„Und das Geld?“ lauerte Karl; „bekommt sie auch das Geld?“
„Ja, sie bekommt alles Geld; wer etwas braucht, muß sich an sie wenden.“
Feuerrot wurde der Bursche. In jäher Wut schlug er auf den Tisch und schrie:
„Das lasse ich mir nicht gefallen. Ich bin der Älteste, ich bin zwei Jahre älter als sie; ich werd’ mich von einer solchen Gans doch nicht kommandieren lassen.“
„Was willst du denn tun, wenn’s nun doch mal so ist?“ fragte Marie ruhig.
„Ich schlag’ alles kurz und klein und dich dazu!“
Marie blieb ruhig.
„Du würdest nicht lange alles kurz und klein schlagen; denn wir würden dich vom Hofe runterbringen.“
Jetzt wurde der Bursche weiß vor Groll und Haß.
„Wer — wer würde mich vom Hofe herunterbringen?“
„Ich!“
Er lachte laut.
„Du? — Du wärst eine!“
„Nun, wenn ich’s nicht kann, dann am Ende der Gendarm.“
Darauf fand er keine Worte mehr. Er stierte sie bloß an. Die Mutter, deren Energie schon wieder im Erlöschen war und die unter der messerscharfen Auseinandersetzung litt, sagte bittend:
„Marie, gehe nicht zu weit. Die Kleinen sind da!“
„Die Kleinen sollen es miterleben. Sie müssen das schlechte Beispiel des Bruders ja alle Tage auch miterleben. Sie wissen doch, daß ihr Bruder ein Trunkenbold ist!“
Ein heiserer Laut, der junge Mann fiel über das Mädel her. Die Mutter hastete weinend zur Tür hinaus, ihr folgte Bernhard. Klaus, obgleich er Tränen der Angst in den Augen hatte, blieb zurück und schrie: „Laß sie, Karl — laß sie!“ Er hing sich an die Jacke des Bruders und wollte ihn wegzerren.
Marie Heinrich war durch den rohen Angriff des Bruders erschreckt worden, aber sie faßte sich sofort. Das starke, gesunde Mädchen wurde rasch Herrin über den verlotterten Säufer. Sie ergriff seine Hände, bog sie nach hinten über, daß ihm die Gelenke zu brechen drohten, und er mußte vor ihr in die Knie. Starr sah sie dem Keuchenden in die Augen; sekundenlang ließ sie ihn knien. Dann sagte sie:
„Nun weißt du Bescheid! Ich bin stärker als du!“
Читать дальше