Stunden? Minuten? Tage? Keine Pause, egal wie lang, wäre ihm recht gewesen, auch wenn er nicht abgestritten hätte, dass es wahrscheinlich ratsam wäre. Er öffnete die Augen und entspannte sich, während er die Arme hängen ließ.
»Bist du okay?«, fragte Cooper erneut. Man hätte glauben können, Taffer stehe schon seit Tagen so da.
»Ja, bin ich. Dieses Virus … es hat mich verändert.«
»Ach was? Auch schon bemerkt?« Spöttisch zu reagieren drängte sich Cooper offenbar auf. Denn das war die Untertreibung schlechthin.
»Ich bin immer noch ich. Ich kann mich nach wie vor zu hundert Prozent selbst beherrschen, stehe aber auch in Verbindung mit ihnen.« Er schwenkte einen Arm herum. »Durch sie kann ich die ganze Welt spüren.«
»Na gut, ich begreife zwar nicht, was das alles zu bedeuten hat, aber eines weiß ich: Ich will von diesem Dach hinunter und zu dem Ort, von dem ich euch erzählt habe.« Cooper machte sich daran, seine Sachen aufzulesen.
»Es bedeutet …« Taffer schaute ihn mit einem intensiven Blick an. »… dass ich fühle, wie sie sich verändern … und wie ich mich selbst verändere.« Er hob die Arme, sah die Geschwister an und ließ seine Hände kreisen.
Cooper sprach leise zu Ellen: »Er ist bescheuert. Was sollen wir denn nur mit ihm anstellen?«
Beide überlegten stillschweigend, während sich Taffer wieder abwandte, um die Scharen der Zombies zu überblicken. Nach einem Augenblick sagte er: »Seht, ich habe euch den Weg freigemacht.«
Die Zwei gingen zur Kante und schauten in die Ferne. Zwischen den Untoten war eine deutliche Lücke entstanden, ein Pfad, der mitten durch die Menge auf dem Parkplatz zur Straße hinunter führte.
»Wie hast du das geschafft?« Cooper war mehr als nur erstaunt.
»Wie lange kannst du sie so zurückhalten?«, wollte Ellen wissen.
»Ich halte sie nicht zurück. Ich habe es ihnen befohlen! Sie angewiesen. Sie würden für immer so stehen bleiben, außer ich erlaube ihnen, sich wieder zu bewegen.«
Es erinnerte an eine grotesk abgewandelte Szene aus »Der Zauberer von Oz«, in der Dorothy, der feige Löwe und die Vogelscheuche der gelben Steinstraße folgten, als Taffer, Cooper und Ellen ungehindert Arm in Arm zwischen zwei Armeen stöhnender und ins Leere greifender Zombies hindurchgingen. Kein einziger Untoter näherte sich ihnen.
Sie setzten ihren Weg im Gänsemarsch fort, zügig und in der Mitte der Schneise. Das Fauchen und Stöhnen der Leiber wirkte noch lauter, wenn sie an ihnen vorbeikamen.
»Wohin führst du uns?«, fragte Cooper nun.
Aber Taffer gab keine Antwort. Er blieb auf einmal stehen und drehte sich um. »Sie hassen das. Ja, das tun sie, und auch mich, weil ich es ihnen zumute.« Er sah plötzlich ängstlich aus. Auf einmal schlug er die Hände vor dem Gesicht zusammen und seufzte. »Sie greifen mich an!«
»Was?«, riefen die Geschwister gleichzeitig.
Er stieß einen gequälten Schrei aus. Die Zombies wichen zurück, rückten aber gleich darauf wieder heran. »Sie … Ich kann es nicht erklären. Sobald ich den Kontakt zu ihnen gesucht habe, haben sie mich bemerkt. Jetzt haben sie sich gegen mich zur Wehr gesetzt.«
»Die Zombies?«, hakte Cooper verwirrt nach.
»Ihr zwei müsst laufen, solange noch Zeit ist. Noch ein paar Minuten, dann bin ich endgültig verloren.«
Ellen packte ihn am Arm. »Ich lasse dich aber nicht im Stich.«
»Du musst fliehen, es gibt keine andere Möglichkeit. Denk daran, sie verändern sich!« Bei diesen Worten schloss Taffer seine Augen und verharrte. Er war nicht mehr ansprechbar. Die Zombies rückten noch ein Stück näher.
»Los, weiter.« Cooper zog Ellen an einem Arm hinter sich her. Sie drehte sich nach Taffer um, weil sie sich nicht von ihm trennen wollte, und stürzte dabei fast. Cooper ließ sie nicht los, auch nicht, als sie wieder nach vorne schaute und geradeaus lief.
Hände grapschten nun nach ihnen, verfehlten sie immer knapper. Der Pfad wurde immerzu schmaler, und Cooper strengte sich an, um schneller vorwärtszukommen, auch wenn er gar nicht wusste, wohin. Mit seiner freien Hand langte er nach unten und zog eine Pistole hervor. Er wollte nicht auf die Untoten schießen, sondern tat es nur für den Fall, dass er sich und seiner Schwester einen schmerzhaften Tod ersparen musste. Die Lücke schloss sich immer weiter um sie herum.
Fast blieb Cooper das Herz stehen, als er unvermittelt stolperte und ungebremst auf das Gesicht fiel. Ellen landete auf seinem Rücken. So lag er niedergedrückt am Boden, und die Zombies waren nur noch wenige Fuß von ihnen entfernt. Bevor er sich allerdings aufraffen konnte, fing seine Schwester plötzlich an zu kreischen und schlug wild um sich, wobei er spürte, dass sie gewaltsam gepackt und von ihm weggezogen wurde. Dass Einzige, was ihm dabei durch den Kopf ging, war: Nein, nein, nein, nein, nein!
Er versuchte panisch, auf die Beine zu kommen, wurde aber in dem heftigen Gemenge über ihm immer wieder zurück auf die Erde geworfen.
Dann hoben sie Ellen auf einmal von seinem Rücken herunter. Sofort stiegen ihm die Tränen in die Augen, als er ihre Schreie hörte, die jedermanns Blut in den Adern gefrieren lassen hätten. Er wollte sie unbedingt retten, obwohl er wusste, dass sie so gut wie tot war.
Indem er die Hände flach auf den Boden drückte, versuchte er, sich wieder aufzurichten, kam aber nicht zum Stehen, geschweige denn überhaupt mit der Brust vom Boden hoch. Kaum dass er das Gewicht seiner Schwester nicht mehr auf sich spürte, trampelten die Zombies auf ihm herum. Hier ein Knie und dort eine Hand – die Untoten überrollten ihn regelrecht. Sie strauchelten, stürzten und standen wieder auf, um ihre Beute zu jagen. Ellens Geschrei spornte Cooper an, sodass er seine Muskeln bis zum Zerreißen anspannte, doch es brachte einfach nichts, die Masse der Zombies begrub ihn unter sich. Das Atmen fiel ihm immer schwerer.
Mit dem Gesicht auf dem rauen Asphalt weinte er, als die Schreie seiner Schwester abrupt abbrachen. Er gab seinen Kampf auf, und wartete, dass sie ihn in Stücke rissen beziehungsweise bei lebendigem Leib verzehrten.
»Geht in Ordnung, Everet. Du bleibst hier, und ich gehe allein zurück, um ihnen zu helfen.«
Rachael wollte sich nicht mit ihm streiten. Sie wusste, dass er ihr lieber in die immer noch dunklen Wälder folgen würde, als alleine im Haus zu bleiben.
Bis die Sonne aufging, würde es noch eine ganze Weile dauern, und ihr war daran gelegen, Ben nach Möglichkeit auf dem falschen Fuß zu erwischen. Als sie jedoch in die Nähe der Lichtung kamen, schwelte der Horizont bereits in Zartrosa und Orange. Im Wald blieb es allerdings weiterhin dämmerig. Rachael plante, zuerst Willow umzubringen, bezweifelte allerdings, dass sie ernsthaft das Zeug dazu hatte, jemanden zu töten. Je näher sie kamen, desto ängstlicher wurde sie, weil sie nicht wusste, was sie letzten Endes tun sollte.
»Da ist sie«, flüsterte Everet und zeigte auf die Stelle, wo der offene Platz begann. Von der Feuerstelle stieg immer noch Rauch auf. Man konnte praktisch dabei zusehen, wie es immer heller wurde.
»Mir nach.« Rachael ging mit einem gezückten Messer vor Everet her, das sie aus dem Haus mitgenommen hatte. Nach ein paar Schritten waren sie so dicht herangekommen, dass ihr erstmals die Stille auf der Lichtung auffiel. Zuerst dachte sie, alle seien verschwunden, aber dann trat sie auf etwas Weiches, das laut schmatzte.
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