Und zwischen beiden der einzige wirkliche Kavalier in diesem Kehricht der Levante — gross — schlank — in elegantem Frackanzug und tadelloser weisser Hemdbrust und Binde, ein gepflegter Schnurrbart in dem distinguierten Klubgesicht. Der weibliche Stambul-Efendi trat zu Alphonse Brigolaud, dem Oberkellner in dem Luxusrestaurant Lebon nebenan in der Grande Rue, und reichte ihm hastig die Hand.
„Da bin ich“
„Und was bringst du?“ Er zog sie beiseite. Niemand kümmerte sich um sie. Alles starrte, Betrug witternd, dem Croupier Diamandis auf die zweifelhaften Finger.
„Du hast mir doch eingeschärft“, sie stotterte angstvoll, „ keine Zeit zu verlieren . . .“
„Schnell! Schnell! Ich habe auch keine Zeit! Ich bin nur auf einen Sprung vom Service bei Lebon herüber!“
„. . . sondern dir gleich zu melden, wenn ich etwas über die Eisenbahnkonzession erfahre! Was dich das interessiert, weiss ich ja auch nicht!“
„Ist auch ganz gleich!“ Ungeduldig, herrisch seine Stimme. Willenlos drüben das schmale, bräunliche Pariser Gesichtchen mit den klugen dunklen Augen unter dem roten Fes.
„Also der Marschall wird diesen Russen oder Deutschrussen — ah! — diese barbarischen Namen zerbrechen mir die Zunge . . .“
„Budden’aus!“
„Ja.“
„Paul Budden’aus!“
„Die Türken brauchen ja zu allem eine Woche Zeit. Aber in einer Woche — das ist beschlossen — wird ihn Schükri Pascha empfangen. Die Chancen des französisch-russischen Syndikats steigen gewaltig, mein Freund!“
„Äh!“
„Es handelt sich ja um unsere Landsleute, die Franzosen! Aber ich weiss doch nicht, ob es recht ist, dass ich dir alle Geheimnisse des Konak Schükri verrate. Dafür hat man mich nicht aus Paris dorthin geschickt!“
„Du tust, was ich dir befehle! Verstanden?“ Der Oberkellner zündete sich eine Zigarette an.
„Denn ich weiss ja nicht, was du damit anfängst . . .“
„Nur, was uns beiden nutzt! Spiele nicht die Grille, meine Kleine, sondern die Ameise! Sammle in diesem verfluchten Lande mit Nägeln und Zähnen Geld wie ich!“
„Das tu’ ich! Man schreibt mir Geld in Fülle beim Crédit Lyonnais gut — dafür, dass ich hier zwischen diesen Paschas und Eunuchen und Odalisken für Frankreich leide!“
„. . . und denke immer an dieses verführerische kleine Hotel ,Zum Seefahrer Sindbad’ im Hafen von Marseille! Nur mit unseren Ersparnissen können wir uns heiraten und es kaufen!“
„Es ist der Traum meiner Tage und Nächte . . . Du als Patron — ich an der Kasse — die beiden Kinder, die wir haben werden, helfen bald unten im Kaffeehaus mit . . .“ Der schmächtige Stambul-Efendi atmete schwer, aber hoffnungsvoll.
„Ich dank’ dir! Nun geh, meine kleine Ratte!“
Am Kartentisch gab es über einer mit einem Nadelstich punktierten Treffsieben ein wildes Stühlegetaumel, Händegefuchtel, Zungengezeter. Der Taschendieb und der Falschspieler beschuldigten sich gegenseitig des Betruges. Der Stiefelputzer deutete auf den Bankhalter. Der Hautarzt und der Fremdenführer hielten sich keuchend die Fäuste vor die Nasen. Plötzlich schlüpften überall handliche kleine Trommelrevolver aus den Taschen. Auf der Schwelle zeigte sich, muskelstrotzend, stiernackig, riesig wie ein Ofen, Sliman, der türkische Preisringer und Hüter der Hausordnung. Sein schweigsames Erscheinen beruhigte die Gemüter. Man spielte stumm mit neuen Karten weiter, als sei nichts geschehen.
Die Froidure war weg. Alphonse Brigolaud, der Oberkellner, warf einen verächtlichen Abschiedsblick auf die Levante und stieg eilig die Treppe zum Varieté empor.
In dem heissen, von Rauch bläulichen, von Fessen rotschimmernden Tingeltangel beendete eben das böhmische Damenorchester schmetternd den Fatinitzamarsch. Die Kapellmeisterin stand feurig, schwarzäugig, vor ihrer Schar, in einem Kopftuch aus bunten Glasperlen, weissleinene Puffärmel an der farbigen Jacke, mit einer geblümten Schürze und hohen roten Saffianstiefeln.
Sie senkte den Taktstock wie einen Degen zum Dank gegen das südliche Geprassel der Handflächen. Nur ein pariserisch elegant in Taubengrau gekleideter, schmächtiger Grieche lass teilnahmlos allein an einem Tischchen. Seine regelmässigen, von einem kleinen schwarzen Schnurrbart beschatteten Züge waren ohne Ausdruck. Seine dunklen Augen leer, tief in sich glühend.
Mit dem Riefendiamanten in seinem mattgoldenen Seidenschlips hätte man den ganzen Kristallpalast kaufen können. Scheue Blicke geldgieriger Andacht fielen rings auf ihn. Jedes Kind in Pera kannte den Sohn des Stiefelputzers von Saloniki, den Schrecken aller ehrbaren Kaufleute der Levante, den grössten aller Abenteurer zwischen Alexandria und Odessa — jedes Kind kannte Lamba, den reichsten der Griechen — Palamidi Lamba, dem der weisse Palast draussen am Bosporus, gegenüber dem Dorf Ortaköi, und in dem Palast die dunkeläugige Charis, die schönste der Levantinerinnen, gehörte.
Alphonse Brigolaud, obwohl im Frack einem Diplomaten des vornehmen Cercle d’Orient nebenan ähnlich, stand ehrerbietig vor dem gefürchteten Millionär, so, als sei er, der Oberkellner, nur rasch, in blossem Kopf, aus dem Restaurant Lebon herübergekommen, um die Befehle der Eccellenza für ein späteres Souper dort entgegenzunehmen. Er sagte leise, mit dem Lächeln des Vertrauten:
„Kein Augen heute für Mademoiselle Mucki?“
Die Slavacek, die Kapellmeisterin, war als die „Mucki“ seit fünfzehn Jahren mit ihrer Damenkapelle in den Häfen des östlichen Mittelmeeres bekannt wie ein bunter Hund. Wenn sie nach Konstantinopel kam, war sie die Freundin Lambas. Das stand ein für allemal fest. Aber der Levantiner murmelte mit einem widerwilligen Zucken der Unterlippe:
„Wann wird man diese alte Ziege schlachten?“
Und dann leidend, in sich verbissen, mehr zu sich als zu dem Oberkellner vor ihm:
„Es ist nur eine Gewohnheit, dass ich hier sitze! Ich habe heute im Meer ein Mädchen gesehen — ein Mädchen wie die Sonne — das Haar golden wie die Sonne — tief — tiefblau wie das Meer die Augen . . .“
Der vornehme Frackträger wechselte diskret das Gespräch. Er versetzte absichtlich laut:
„Hühnerbrust in Milch . . . Sehr wohl!“ und flüsternd, während er anscheinend notierte: „Nachricht aus dem Konak Schükri: der Marschall empfängt in acht Tagen Herrn Buddenhaus. Das Paris-Petersburger Syndikat ist auf dem Marsch zur Macht!“
„Zum Nachtisch Maiskörner mit Maulbeersaft!“ Lamba, der griechische Übermillionär, stand hastig auf. Ohne einen weiteren Blick nach seinem Agenten, dem Oberkellner, und der Kapellmeisterin, verliess er das Café chantant. Er eilte weiter die Grande Rue hinauf und betrat nach zwei Minuten, auf der linken Strassenseite wie der Kristallpalast, die prunkvollen Räume des Cercle d’Orient.
Er sah in dem feudalen Konstantinopeler Diplomatenklub um sich die gesellschaftliche Creme aller Nationen Europas, er fühlte an jeder Bewegung der vornehmen Franken, die da sassen, lasen, assen, konversierten, die Jahrhunderte alte Selbstverständlichkeit abendländischer Gesellschaftskultur. Er ahnte die exklusive Unauffälligkeit der Kleidung — keine traubenbeerengrossen Diamanten — keine farbentrunkenen Schlipse — keine schwarzen Fussspiegel von Lackstiefeln.
Auf ihn, den Levantiner, der von den Galgenphysiognomien des Kristallpalastes kam, machte das keinen Eindruck. Europa sagte ihm nichts. Für ihn war Pera das Paradies und das Ägäische Meer die Welt. Er hätte gar keine Sehnsucht gehabt, sich zwischen diesen Honourables und Marquis und Durchlauchten des ihm ewig fremden Okzidents zu langweilen. Aber selbstverständlich war ein Mittelmeermischling seines Rufes trotz aller seiner Millionen nicht Mitglied des Cercle d’Orient, sondern nur für diesen Abend zu einer Besprechung hierhergeladen, und der, der ihn bestellt hatte, noch nicht anwesend.
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