Da traf den Raubsaurier ein neuer Schlag, gewaltiger noch als der erste und diesmal von der anderen Seite, traf ihn genau vor die Beine. Er stürzte krachend zu Boden. Sand wirbelte auf, nahm ihm sekundenlang die Sicht. Und Dunas Mutter trampelte mit ihren Säulenbeinen auf ihn zu. Doch im letzten Moment kam der Megalosaurus wieder auf die Füße. Das Maul voll Sand, wandte er sich zur Flucht. Und er war schneller als die tonnenschweren Brontosaurier. Mit weit ausgreifenden Schritten rannte er auf seinen kräftigen Hinterbeinen davon.
Die Brontosaurier verfolgten ihn nicht. Sie wußten, daß es sinnlos war. Und das war auch nicht notwendig. Sie hatten sich und ihre Jungen verteidigt und den Angreifer in die Flucht geschlagen; das genügte ihnen. Und keines der Tiere war verletzt worden.
Die Gefahr war vorbei. Und so bald würde sich der Megalosaurus nicht mehr blicken lassen. Friedlich begannen sie wieder Grünzeug abzurupfen. Nach der Anstrengung des Kampfes spürten sie Hunger.
Nur die Kleinen hielten sich noch dicht in ihrer Nähe. Und Duna blickte immer wieder zu dem Farnwäldchen hinüber. Sie hatte ihren Schreck noch nicht vergessen. Doch der Raubsaurier war längst zwischen dem wuchernden Grün verschwunden.
Heiß brannte die Sonne über dem Ufer der Lagune. Kaum etwas regte sich auf dem glühenden Sand. Nur ein Käfer zog gemächlich seine Spur. Und auf den Wedeln der Palmfarne lärmten die Zikaden.
Draußen im Wasser aber bewegten sich träge ein paar riesige Gestalten, tauchte hin und wieder ein kleiner Kopf auf langem Hals über die Wasserfläche und verschwand mit einem platschenden Geräusch.
Auch Duna tappte in Ufernähe über den flachen Grund der Lagune. Genießerisch weidete sie ein paar Wasserpflanzen ab. Doch als sie ins tiefere Wasser kam, wo die Großen sich aufhielten, kehrte sie um. Hier war es ihr zu unruhig, klatschten ihr zu viele Wellen ins Gesicht. Und zum Schwimmen hatte sie keine Lust.
Langsam stapfte sie zu den anderen Jungen hinüber, scheuchte ein paar Fische auf und wehrte eine Wasserwanze ab, die sich ihr beim Untertauchen auf die Nase gesetzt hatte. Dabei blickte sie kurz zum Himmel. Die Sonne war verschwunden, verdeckt von einer bizarr aufgetürmten Wolkenwand. Und die Wand kam schnell näher, seltsam gezackt und düster, getrieben vom aufkommenden Wind.
Duna spürte, wie ihr ein paar Wassertropfen über die Augen rannen. Da traf sie ein Windstoß, vermischt mit feinkörnigem Sand. Erschrocken tauchte sie den Kopf ins Wasser. Doch als sie wieder auftauchte, bekam sie erneut Sand zwischen die Zähne. Wirbelnde Staubfahnen tanzten über den Strand. Und ein dumpfes Kollern ließ die Luft erzittern.
Plötzlich grellte ein zuckender Blitz über den fast blauschwarzen Himmel, gefolgt von langhallendem Donner. Der Wind nahm an Stärke zu, wuchs allmählich zum Sturm, drückte die Pflanzen tief zu Boden, ließ ihre trockenen, spröden Blätter mit einem kratzenden Schnarren hin und her schwanken, riß sie los und trieb sie ins Wasser. Und in den Lärm des Tropengewitters mischte sich das Prasseln des Regens.
Jetzt hob auch Dunas Mutter ihren Kopf über die Wasserfläche. Und instinktiv erkannte sie die Gefahr. Wenn ein Blitz ins Wasser schlug, konnte der elektrische Schlag auch ihnen gefährlich werden. Mit mächtigen Bewegungen wuchtete sie ihren kolossalen Körper ans Ufer, triefend vor Nässe. Und auch die anderen verließen eiligst die Lagune.
Duna wollte zwischen den Säulenbeinen ihrer Mutter Schutz suchen. Doch sie kam nicht dazu. Die drei Großen rannten ohne Aufenthalt weiter landeinwärts, rannten zu dem Farnwald hinüber. Doch kurz davor stoppten sie. Auch der Wald bot keinen Schutz. Der Sturm bog die Stämme tief zur Erde, brach Zweige und ganze Kronen und wirbelte sie vor sich her. Und ein Holzsplitter traf Duna in den Rücken.
Schmerzlich zuckte sie zusammen. Und geschüttelt von Sturmböen, wankte sie in den Windschatten ihrer Mutter. Hier war es ruhiger. Der mächtige Körper vor ihr hielt den Sturm ab, den wehenden Sand und die Äste. Und ihre Mutter stand aufrecht wie ein gewachsener Fels. Nur der Regen trommelte auf Dunas nackte Haut.
So verharrte sie, wartete geduldig, sah die treibenden Wolkenfetzen am Himmel, die sturmgepeitschten Regenfahnen. Und sie horchte auf das Grollen des Donners.
Mit einemmal sah sie, wie unweit von ihr ein Blitz in den Farnwald einschlug. Duna zuckte vor Entsetzen zusammen. Ein Baumstamm zersplitterte und flammte auf wie eine Fackel, sekundenlang nur. Dann erlosch die Flamme in den tosenden Wassermassen des Regens, noch bevor der Donner in der Ferne verklang.
Am Rande des Waldes aber bewegte sich etwas. Ein mächtiger Stegosaurier wühlte sich unter Blättern und zerbrochenen Ästen hervor, die dicken, doppelreihigen Knochenplatten über dem hochgewölbten Rücken flachgelegt. Und er schnaufte mühsam. Den winzigen Kopf vorgebeugt und seinen Stachelschwanz hinterherschleifend, suchte er schwerfällig einen Weg ins Freie. Der Blitzeinschlag mußte ihn erschreckt haben. Er warf nur einen kurzen Blick zu den Brontosauriern hinüber und verschwand langsam in entgegengesetzter Richtung.
Dunas Mutter beachtete ihn gar nicht. Trotz seines gefährlichen Aussehens war er ein harmloser Pflanzenfresser, der sich nur gegen Raubsaurier verteidigte. Und seine Nahrung suchte er anderswo.
Für die Kleinen wirkte sein Anblick furchterregend. Und sie drängten sich enger an die Großen, als noch zwei weitere Stegosaurier am Waldrand auftauchten, gefolgt von einer riesigen zweibeinigen Echse, die offensichtlich mit einem Bein humpelte. Auch noch ein paar kleinere Tiere flüchteten. Dann blieb es ruhig am Waldrand.
Allmählich legte sich der Sturm, die Blitze wurden seltener, und das Grollen des Donners klang entfernter. Die Gewitterfront zog langsam weiter, über die Lagune hinweg der nahen Meeresküste zu. Bald klang das Donnergrollen kaum noch wie ein Murmeln. Nur der Regen trommelte eintönig ohne Unterlaß.
Es regnete drei Tage lang, drei Tage und drei Nächte. Der Strom schwoll an, überflutete die Sandbänke und die Ufer. Und schließlich erreichten die Wassermassen auch die ohnehin schon überschwappenden Lagunen. Weithin versank das flache Land unter reißenden Fluten. Und in den Wellen trieben Bäume und Gesträuch und die Kadaver zahlloser ertrunkener Tiere.
Dunas Mutter war schon kurz nach dem Gewitter mit ihren Gefährten aufgebrochen. Im strömenden Regen wateten sie durch das fast kniehohe Wasser. Manchmal, wenn sie durch eine Bodensenke stapften, reichte es Duna und den anderen Kleinen beinahe bis zum Bauch. Dann wurde das Laufen mühsam. Die Großen jedoch zogen unbeirrt weiter ihren Weg, dem höhergelegenen Hinterland zu.
Zwar konnten die Brontosaurier recht gut schwimmen und hielten sich gern im Wasser auf, sie schätzten aber eher stillere Gewässer. Bei zu starker Strömung konnten die Kleinen zu leicht abtreiben und eine Beute der Krokodile werden. Mit Krokodilen jedoch wurden die Jungen noch nicht allein fertig. Das wußte Dunas Mutter aus bitterer Erfahrung.
Gegen Morgen des vierten Tages ließ der Regen allmählich nach. Die Fluten aber stiegen weiter. Selbst hier im sanft ansteigenden Hügelland, das die kleine Gruppe inzwischen erreicht hatte, standen die Urwälder aus Palmfarnen, Koniferen und Ginkgobäumen mehr als fußhoch unter Wasser. Doch das störte die Brontosaurier nicht. Von der langen Wanderung durch das überschwemmte Flachland ausgehungert, begannen sie Blätter und kleine Zweige abzuweiden.
Mit einemmal stutzte Duna. Zwischen den tief herabhängenden Ästen zeichnete sich eine seltsame Gestalt ab. Zuerst erkannte Duna nur einen schnabelartigen Kopf im Blättergewirr: einen Kopf mit geschlossenen Augen. Und daneben schwebte an einer lederartigen Haut eine dreifingerige Kralle. Mehr war nicht zu sehen. Und das interessierte Duna. Neugierig streckte sie ihren langen Hals aus und schob mit dem Kopf einen Zweig beiseite.
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