„Ich glaube fest, Ihr Vater hat dort eine Botschaft hinterlassen. Genau an diesem Platz, wo auf dem Plan seine Linie endet ...“, ließ sich der Mann am Fenster plötzlich leise aber deutlich vernehmen. „Irgendwie werden Sie geführt werden. Machen Sie sich keine Gedanken. Doch ich glaube nicht ...“. Unvermittelt brach Meurat ab, als ob er sich bei unbedachten, gedankenverloren geäußerten Worten überrascht hätte.
„Alles kann ich Ihnen noch nicht sagen“, mit diesem Satz wandte er sich wieder vom Fenster ab. „Ich muss erst noch einige Erkun-digungen einziehen. Ich wußte ja bis dato auch nicht, was in dem Päckchen war.“ Wolf wollte etwas einwerfen, doch Meurat machte eine entschiedene Geste.
„Sie werden von mir mit entsprechenden Papieren versorgt, die Ihnen ungehinderte Grenzpassagen ermöglichen. Und in Polen werden Sie dann noch einige Informationen von mir erreichen. Ich muß mich erst noch mit einigen Leuten in Verbindung setzen. Schließlich geht es bei diesem Unternehmen auch um Ihre Sicherheit. Wenn Sie überhaupt den nicht ganz ungefährlichen Spuren Ihres Vaters folgen wollen, was ich jedoch sehr stark annehme.“ Meurat nahm die Nickelbrille ab und schaute Wolf bei diesen Worten aufmerksam an. Der nickte nur.
„Machen wir doch nun eine Auflistung aller relevanten Dinge, Herr Meurat. Schließlich erfordert dies alles einige Planung. Und gleich morgen werde ich wohl noch nicht abreisen.“
Die beiden Männer saßen noch über eine Stunde in der Anwaltskanzlei zusammen. Als der Abend immer mehr über der Stadt hereindämmerte machte sich Wolf wieder auf den Weg. Im Gepäck trug er die Dinge, die ihm Meurat übergeben hatte. Für ihn stand fest, dass er den Spuren nachgehen mußte. Irgend etwas Bedeutsames verbarg sich in dem fernen Gebirge, sonst hätte sein Vater nicht die Angelegenheit mit derart deutlichen Anweisungen hinterlassen. Eilig überquerte er die laubnasse und stille Straße, in der die alte Villa mit Meurats Kanzlei lag und ging zum Parkplatz bei den gegenüber liegenden herbstlichen Parkanlagen. Die Lichter einiger Laternen flammten gerade auf, als er die Wagentür öffnete. Weit weg, am Horizont hinter den dunklen Kronen der alten Parkbäume, zuckte ein diffuses Wetterleuchten über den schwarzgrauen Himmel, als er sich in den spärlichen Abendverkehr auf der Straße einordnete und in Richtung Stadtring davonfuhr.
... draußen vor der Stadt
Sabine lebte weiter draußen vor der Stadt. Ihr Haus stand an dunklen Waldrändern eines flachen Hügelzuges. In der Nähe lagen noch einige weitere Grundstücke verstreut, ansonsten war die Gegend noch recht ländlich-einsam. Felder, Wiesen und hin und wieder einige Waldstreifen prägten hier die Landschaft im schon fernen Weichbild Frankfurts. Wolf steuerte den Wagen vorsichtig über die hier zunehmend unebenen Wege. Kieslöcher und Wasserpfützen breiteten sich aus. Endlich hatte er sein Ziel erreicht und stellte das betagte Fahrzeug an Sabines Gartenzaun ab. Er brauchte nicht zu läuten, die Tür tat sich schnell auf und die Bewohnerin des Anwesens lies ihn eintreten. Im kleinen, dunklen Flur hing sie sich schon an ihn.
„Endlich, endlich bist Du wieder da“, hauchte sie ihm ins Ohr. „Du sollst doch nicht so lange in der Stadt bleiben, wenn ich hier auf Dich warte.“ Im geräumigen, gemütlich eingerichteten Wohnraum, in dem es sogar einen kleinen Kamin aus Feldsteinen gab, saßen sie sich dann gegenüber. Der Tee stand schon auf dem Tisch, und das Abendbrot war in der Küche des kleinen Landhauses vorbereitet. Wolf fühlte sich bei Sabine wohl, die ihn jetzt intensiv mit ihren grünlichen Augen ansah und augenscheinlich versuchte, seine Gedanken zu lesen. Sabine war keine von den unerträglichen dünnen Modepüppchen, deren Fotos jetzt wieder die Zeitschriften füllten, die ihren Leserinnen einen so völlig fremden wie unwirklichen Lebensstil vorgaukelten und dies alles zum allgegenwärtigen Trend erhoben. Wie sie vor ihm auf dem Sofa saß, die Beine keck übereinandergeschlagen, zeigte sie ihm in dem anliegenden grauen Pulli und der hellen Hose deutlich wieder ihre für ihn so begehrenswerte Figur. Sie lächelte, als sie seine leuchtenden Augen bemerkte.
„Du mußt erst essen, und ich auch, Du Wilder ...“ Sie stand auf, ging in die Wohnküche nebenan und holte eine große, kalte Platte. „Greif zu, ich brauche doch keinen ausgehungerten, sondern einen kräftigen Wolf“, sagte sie leise mit einem listigen Lächeln auf den Lippen. Setzte jedoch gleich sachlich hinzu: „Aber mal Spaß beiseite, hast Du Dich nun entschlossen? Willst Du die Firma Deines Vaters weiterführen oder geht da wirklich nichts mehr? Und was ist denn nun eigentlich bei dem komischen Anwaltstermin rausgekommen?“
„Viele Fragen auf einmal, meine Liebe“, seufzte Wolf. „Mit der pharmazeutischen Firma meines Vaters ist im Moment nicht viel Staat zu machen. Die Leute sind entlassen, und der Betrieb ruht. Wir müssen erstmal ein paar Geschäftsverbindungen aktivieren. Unser Prokurist ist gerade dabei. Morgen werde ich von ihm den Stand der Dinge erfahren. Wir können eh‘ nicht gleich ein riesiges Unternehmen aufziehen. Ich schätze, wir werden uns zum Anfang an ein paar Naturheilprodukte halten. Ein paar Sälbchen, Tropfen und noch dies und jenes. Aber auch das braucht Abnehmer und Werbung. Es kostet eben alles zuerst mal Geld. Den Start des Betriebes brächten wir noch auf die Beine, hat zumindest Keller gesagt. Aber was so ein alter Prokurist ist, der hätte eben gerne noch einen gewissen Rückenhalt bei der Sache.“
„Ich seh‘ schon, ich werde Dich eines Tages doch noch in meiner kleinen Landwirtschaft aufnehmen müssen. Da weißt Du in diesen Zeiten wenigstens, daß Du nicht verhungern musst!“ lachte sie ihn an. „Aber erzähl‘ weiter.“
„Nun, bei Meurat war es interessant. Stell Dir vor, hat doch mein alter Herr eine Art Hinterlassenschaft für mich bei ihm deponiert.“
„Eine Hinterlassenschaft, was war das denn?“ staunte Sabine. „Ein Päckchen“, beeilte sich Wolf zu erklären. „Darin sind verschiedene merkwürdige Sachen. Karten, Gegenstände, alte Fotos und so. Alles stammt noch aus den letzten Kriegsjahren. Er muß da in einer Art geheimer Untergrundfabrik auf heute polnischem Gebiet eingesetzt gewesen sein, wo er zudem noch irgendetwas Wertvolles versteckt hat. Und genau das soll ich jetzt holen. Seine Beschreibungen und Anweisungen in dem Päckchen sind deutlich. Und Meurat wußte auch irgendwie Bescheid ... Wenn ich es fände und herausholen könnte, dann wären wir saniert, so zumindest die Botschaft. Es hängt jedenfalls auch eng mit dem Orden zusammen. Ich denke, es sind vor allem auch einige wichtige Sachen aus den Archiven, die damals verborgen wurden. Wenn ich das Material berge, es dann auf die Burg zu denen vom Schrarzen Stein schaffe, stehen uns alle Wege offen.“
„Du mit Deinen schwarzen Herren. Das ist mir alles unheimlich, weißt Du das eigentlich. Ich habe Angst um Dich.“, regte sich Sabine auf.
„Es sind doch keine schwarzen Männer, die Böses im Schilde führen, meine Liebe, Du weißt es doch eigentlich“, lachte Wolf leise auf. Dann setzte er sich dicht neben sie, nahm sie fest in den Arm und strich ihr liebevoll durch das rötlich schimmernde Haar. „Du brauchst überhaupt keine Angst zu haben. Wir wollen doch nur nicht, daß in diesem Land alles verkommt und das gute und fortschrittliche Erbe völlig vergessen oder in den Schmutz gezogen wird. Die sogenannten Sieger zerstören alles, doch haben sie noch immer riesige Angst. Und dafür haben sie auch allen Grund. Denn dieser liegt in den Menschen, besonders den noch immer im Verborgenen wirkenden Herren von Schwarzen Stein und ihren geheimen Aktivitäten begründet. Sie setzen alte Vermächtnisse fort. Noch sind sie da und besitzen bestimmte Machtmittel, die irgendwo ruhen ... Und den Hauch einer Ahnung haben ihre Gegner auch davon. Sie sind sehr vorsichtig geworden, lecken sich ihre Wunden und versuchen aber weiter in die Organisation einzudringen, ihrer Köpfe und der Geheimnisse habhaft zu werden ...“ Es war unterdessen vollends dunkel geworden im Raum.
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