Ich zucke die Achseln. »Zeichnen ist eben mein Ding. Das habe ich schon immer gekonnt. Nur ist das doch alles reine Fantasie! Es scheint irgendwie nicht mehr«, ich überlege, »wahrhaftig genug.« Ich deute auf die Wände ringsum. »Natürlich ist vieles davon auch mit Absicht Fantasie, aber jetzt möchte ich es realer, und es gelingt mir nicht, das auf Papier zu bringen.«
»Naturwissenschaften oder Sprachen scheinen dich ja nicht so zu interessieren, warum studierst du dann nicht Kunst? Lernst darüber so viel, wie du kannst, machst es so real wie möglich. Du könntest großartig darin sein.«
Verlegen schlinge ich die Arme um mich. »Vielleicht will ich das gar nicht.«
»Warum denn nicht?«
»Nicht jeder ist so ehrgeizig wie du. Warum strengst du dich in der Schule so an?«
»Ich möchte auf eine gute Universität gehen, später mal einen guten Job bekommen. Mir schenkt keiner was, ich muss mir alles erarbeiten.« Sie beißt sich auf die Lippen. »Sorry, so habe ich das nicht gemeint.«
»Schon gut«, sage ich, obwohl es mir einen Stich versetzt. Es stimmt ja. »Aber nicht alle sind so ehrgeizig wie du.«
»Wenn ich mich hier umschaue, sehe ich überall, wie talentiert du bist. Und wie viel Freude dir die Malerei macht. Wenn du zeichnest, dann bist du so versunken, dass du nicht wahrnimmst, wie die Stunden vergehen. Du bist eine Künstlerin, ob du willst oder nicht. Warum versuchst du nicht, eine großartige Künstlerin zu werden?« Während sie spricht, tritt ein Leuchten in ihre Augen, das vorhin gefehlt hat. Genau dieses Leuchten wollte ich in meinem Bild einfangen, doch ich fürchte, dass es verschwindet, sobald ich den Skizzenblock zücke.
Deshalb schüttle ich bloß den Kopf. »Ich kann es nicht erklären, aber ich sehe mich immer nur im Jetzt, nie in der Zukunft. Besonders in der letzten Zeit.«
»Reicht dir das denn?«
»Manchmal.« Doch es stimmt nicht und es ärgert mich. Ava bringt mich dazu, über Dinge nachzudenken, die ich sonst lieber verdränge.
Bevor ich etwas erwidern kann, klingelt ihr Telefon. Und als sie danach greift, klingelt auch meins.
»Hi Dad. Was gibt’s?«
»Da ist was im Gange. Ich wollte dich eigentlich abholen, doch die Straßen sind überall abgeriegelt. Ich komme nicht durch.«
»Was ist denn los? Geht es dir gut?«
»Du weißt doch, mir geht es immer gut. Und ich habe keine Ahnung, was da genau vor sich geht. Die Polizei hat ein ganzes Straßennetz gesperrt, um einige Bezirke abzuschotten. Auch dort, wo du gerade bist.«
Ich schaue zu Sam, die ihr Gespräch gerade beendet hat. »Warte kurz, vielleicht kann ich was in Erfahrung bringen. Sam?«
»Das war einer von Dads Assistenten. Er meinte, es hätte einen Zwischenfall gegeben, wusste aber auch nichts Näheres. Überall gehen die Leute auf die Straße und halten den Verkehr auf. Du kannst also nicht nach Hause. Alle wichtigen Zugangsstraßen wurden vorsichtshalber gesperrt. Dad meinte, du müsstest bei uns bleiben, bis sich die Lage beruhigt hat.«
»Hast du das gehört, Dad?«, frage ich und presse den Hörer wieder ans Ohr.
»Ja.«
»Da sitze ich hier wohl fest.«
»Versprich mir, dass du nicht versuchst, auf eigene Faust nach Hause zu kommen. Geh nicht, ohne mich vorher anzurufen.«
»Versprochen«, sage ich und meine es auch so. Was ich gestern nach der Schule erlebt habe, war ein Schock. Auf eine Wiederholung bin ich nicht scharf.
Nachdem wir uns verabschiedet haben, sehe ich Sam an, und mir wird erst richtig klar, was da gerade passiert ist. Ich muss hierbleiben? »Sorry. Jetzt hängen wir wohl noch länger zusammen. Was glaubst du, was da los ist?«
»Keine Ahnung. Klingt nicht wie sonst.«
»Vielleicht hat dein Vater das bloß alles inszeniert, um deine Nachhilfelehrerin so lange im Haus festzusetzen, bis du alle Prüfungen bestanden hast.«
»Ha! Zuzutrauen wäre es ihm. Aber du kannst ihn selbst fragen. Er kommt nämlich nachher. Zum Abendessen ist er da. Mum ist irgendwo unterwegs.«
»Kommt er denn durch?«
»Von Westminster bis zu uns sind die Straßen noch frei. Aber das war es denn auch. Vor dem Essen hat er hier noch ein Treffen, deshalb bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als zu kommen.«
»Oh. Okay.« Mir ist mulmig zumute. Abendessen? In diesem Haus? Mit dem stellvertretenden Premierminister. Und mit Sam.
»Lass uns Nachrichten gucken. Mal sehen, was die so sagen.« Sam steht auf und ich folge ihr zurück in ihr Zimmer. Sie schnappt sich die Fernbedienung und richtet sie auf einen Schrank, in dem ich ihre Anziehsachen vermutet hatte. Eine Tür öffnet sich und dahinter kommt ein Fernseher zum Vorschein. Sam setzt sich aufs Bett und bedeutet mir, auf dem Schreibtischstuhl Platz zu nehmen.
»Bereit?« Ohne meine Antwort abzuwarten, schaltet sie den Fernseher ein. Er ist schon auf den 24 Stunden Nachrichtenkanal von BBC gestellt.
»… gerade eingetroffen. Um 16.00 Uhr wird es eine Pressekonferenz mit dem Londoner Bürgermeister und den Sicherheitskräften geben, gefolgt von einer Liveansprache der Premierministerin aus der Downing Street.«
Die Uhr auf Sams Schreibtisch zeigt 15:45 Uhr.
In der Zwischenzeit wiederholen sie die gestrigen Berichte vom Stromausfall und dem Polizeieinsatz. Den Razzien in London, Birmingham, Manchester und Glasgow. Schnelles und entschlossenes Vorgehen gegen die A4A. Doch nun berichten sie, dass es im Anschluss an die Razzien in London zu Unruhen gekommen ist und viele Straßen abgesperrt wurden.
Die Pressekonferenz beginnt. Der Bürgermeister fasst die Geschehnisse nochmals zusammen, konzentriert sich dabei auf London, auf die Schauplätze und die Anzahl der Festnahmen. Dann dürfen Fragen gestellt werden.
»Woher wussten die Sicherheitskräfte von den geplanten Anschlägen?«
»Sie werden bestimmt verstehen, dass wir keine vertraulichen Sicherheitsinformationen preisgeben können. Der Erfolg zeigt, dass wir denen trauen können, die Londons Einwohner schützen.«
»Es gibt Berichte, dass die Polizei bei den Razzien mit großer Härte vorgegangen ist. Was können Sie uns dazu sagen?«
»Bedauerlicherweise musste konsequent durchgegriffen werden, um die Stadt für uns alle sicher zu machen. Wir können nicht riskieren, dass Terroristen entkommen.«
Jemand flüstert dem Bürgermeister was ins Ohr, und die Pressekonferenz wird beendet, bevor noch weitere Fragen gestellt werden können.
»Die verbergen doch was«, sagt Sam.
»Politiker verbergen immer was.« Sofort wird mir bewusst, dass es so klingt, als könnte ich damit ihren Vater meinen. »Tut mir leid, ich meinte …«
»Schon gut. Hast ja recht«, entgegnet sie, aber wohl fühlt sie sich dabei nicht. Vielleicht geht es ihr so wie mir vorhin, als sie meinte, Penny würde blöd gucken, wenn sie wüsste, dass mein Vater Taxifahrer ist.
»Manchmal ist es vielleicht berechtigt, Dinge zurückzuhalten.«
»Oder nicht.«
Kamera auf die Downing Street Nr. 10. Premierministerin Powell tritt in einem zerknitterten Anzug und mit einem müden Lächeln aus der Tür.
»Unsere furchtlose Anführerin«, sagt Sam sarkastisch. »Mir reicht’s. Hast du was dagegen, wenn ich ausschalte?«
Ich schüttle den Kopf und die Premierministerin verschwindet wortlos.
»Mag denn dein Vater Powell nicht?«, frage ich neugierig. »Er hat sie doch ins Amt gesetzt.«
»Ab und zu darf ich auch mal eine eigene Meinung haben.«
»Sorry, so meinte ich das gar nicht …«
»Entspann dich, das weiß ich doch. Das ist bloß ein wunder Punkt. In der Öffentlichkeit müssen wir immer eine einheitliche Front bilden, aber ich rede meinem Vater nicht nach dem Mund.
Du kannst ihn selbst nach der Premierministerin fragen. Und was immer diese Frau ankündigt, sie setzt eh nie was um. Ich halte sie für keinen schlechten Menschen, aber als Ministerin kann man sie vergessen.«
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