1 ...7 8 9 11 12 13 ...17 Ich wickle mich fest in die Decke. Rechts und links extra Kissen, damit es sich wie ein Nest anfühlt. Bumble, der Löwe, passt von hinten auf.
Doch es reicht noch nicht. Ich kämpfe darum, die Augen offen zu halten. Wenn ich sie schließe, verschwindet alles.
Es ist dunkel .
Ich sehe nichts. Ich mache die Augen weit auf, sehe immer noch nichts. Alle Monster dieser Welt könnten neben mir sitzen, ohne dass ich es merke. Und ich weine und habe Angst, unvorstellbare Angst .
Noch immer kommt keiner .
Ich will auch nie mehr böse sein. Versprochen. Bitte, bitte bringt mich nach Hause .
Mit aufgerissenen Augen verfolge ich die Schatten in der Dunkelheit, aber sobald ich danach schlage, ist da nichts. Mein Herz pocht immer schneller und lauter .
Bitte bringt mich nach Hause …
»Ein Haus, so groß wie das Kolosseum«, sagt Dad und das ist gar nicht mal so übertrieben. Durch das hohe Tor sehe ich eine Parklandschaft und mittendrin eine unfassbar riesige Villa mit drei oder vier Stockwerken. Die gesamte Nachbarschaft ist eingezäunt, abgeschlossen und überwacht. Für die Sicherheitssysteme stehen bestimmt noch extra Notstromgeneratoren bereit und bei Anruf kommt die Polizei sofort.
Hier sieht es so anders aus als überall sonst.
Mir ist schlecht. Ich gehöre nicht in diese Welt, aber das wusste ich auch schon vorher. Warum habe ich bloß zugesagt? Die Nachhilfe in der Schule bekomme ich noch irgendwie hin – auch wenn es Sam ist. Die Schule ist für mich wie ein zweites Zuhause, da habe ich irgendwie das Gefühl, noch das Sagen zu haben. Hier wird es mir nicht so gehen.
Doch nun ist es zu spät. Dad fährt ans Tor heran und drückt auf den Knopf der Gegensprechanlage.
»Ja?«, fragt jemand.
»Taxi mit Ava Nicholls.«
Nach einer Weile öffnet sich das Tor langsam. Zwei Männer stehen vor einem kleinen Wachhäuschen, sie sind bewaffnet. Haben all diese großen Häuser so viel Security, oder liegt es daran, dass Sams Vater Politiker ist?
Eine der Wachen winkt uns heran und wir fahren durch. Er klopft an meine Scheibe und verlangt nach meinem Ausweis. Aufmerksam studiert er ihn, schaut mich an und nickt, bevor er ihn mir zurückgibt. Dann spricht er in sein Headset.
Wir warten, dass sich das Tor zur Einfahrt öffnet. Vergebens. Stattdessen tritt eine Frau durch eine Seitentür.
»Wahrscheinlich habe ich keinen Zugang zum Innersten des Heiligtums.« In Dads Stimme schwingt leichte Verärgerung mit. »Dann mal ab mit dir.«
Ich hole tief Luft und steige aus, während die Frau auf uns zukommt.
»Hallo, Ava? Ich bin Penny.« Sie lächelt. »Ich bringe dich ins Haus.« In der Hand hat sie das Geld für die Taxifahrt. Ich sehe Dad an, dass er ablehnen will, aber es ist ein ordentlicher Batzen.
Ich beuge mich noch mal über den Sitz, um Jacke und Bücher einzusammeln, und sage leise: »Nimm es doch an. Wenn ich mit einem anderen Taxi gekommen wäre, hätten die auch bezahlt.«
Widerstrebend greift Dad nach den Scheinen. Situationen wie diese, in denen er daran erinnert wird, wie sehr wir das Geld brauchen, verbittern ihn. Sie erinnern ihn an das, was er verloren hat, als seine Abteilung an der Uni geschlossen wurde. Latein und Griechisch zählten plötzlich nicht mehr und Dads Doktortitel war über Nacht wertlos geworden.
»Melde dich, wenn ihr fertig seid.« Mit starrem Blick winkt er mir zu.
Ich verschwinde mit Penny hinter dem inneren Tor.
Penny scheint die angespannte Atmosphäre nicht bemerkt zu haben. Wahrscheinlich gehört sie zu den Menschen, die Taxifahrer nicht wahrnehmen, es sei denn, um mit ihnen über den besten Weg zu streiten. Abschätzig betrachtet Penny meine Jeans und mein T-Shirt. Ich bin ihr wohl auch nicht ganz geheuer. Über den Gartenpfad erreichen wir einen Seiteneingang.
»Warte mal kurz«, meint Penny und drückt auf die Gegensprechanlage neben der Tür.
»Samantha, Ava ist hier.«
»Kannst du sie bitte hochbringen?«, antwortet Sam.
»Hier entlang«, sagt Penny. Ich folge ihr durch die Tür in den Flur und eine Treppe hinauf. Von hier sehe ich eine weitere geschwungene, reich verzierte Treppe in der Mitte des Hauses, die wohl zum Haupteingang führt. Wir steigen aber andere Stufen hinauf, laufen durch noch einen Flur, und bei all den Zimmern, an denen wir vorbeikommen, verliere ich allmählich den Überblick. Drinnen ist das Haus sogar noch größer, als es von außen scheint. Es gibt hohe Decken, und an den Wänden hängen Bilder, die alle echt wirken. Wie im Museum. Muss seltsam sein, hier zu wohnen. Ob man sich hier je zu Hause fühlt?
Als wir um eine Ecke biegen, kommt Sam uns entgegen.
»Hi«, sagt sie. »Danke, Penny. Den Rest übernehme ich. Kannst du uns bitte Tee in mein Atelier kommen lassen?«
»Natürlich.«
Sam trägt auch Jeans, verblichen zwar, aber mit perfektem Sitz; sie schmiegen sich an, ohne zu eng zu sein, und sehen nach Designer aus. Ein weites rotes Top, das ihr auf einer Seite über die Schulter fällt, als hätte sie es in aller Eile übergezogen. Ich war wohl eine der wenigen, die bei Beginn der Oberstufe der Schuluniform nachgetrauert haben. Als Stipendiatin bekam ich die Uniform gestellt und wirkte dadurch mehr wie alle anderen. Und Sam? Selbst in Schuluniform sieht sie immer mühelos perfekt angezogen aus, und das in einer Schule, in der sich die meisten eine Menge Mühe geben. Heute dasselbe, ohne Schmuck und Make-up. Dass sie sich offenbar nie anstrengen muss, verschüchtert mich nur noch mehr. Sie ist einfach … wunderschön, so wie sie ist.
»Was denn?«, fragt sie und zieht sich das Top zurecht.
Habe ich sie angestarrt? »Sorry.« Ich schaue mich um. »Bei eurem Haus bleibt mir ein wenig die Luft weg.«
»Es ist groß. Aber es hat keine Seele. Ich kann dich gerne rumführen, wenn du magst.« So wie sie es sagt, hat sie keine Lust, deshalb schüttle ich den Kopf, obwohl ich eigentlich neugierig wäre.
»Ich bringe dich in mein Reich«, sagt sie. Sam hält mir eine Tür auf und ihr Blick wandert zu den Büchern unter meinem Arm. »Das sind aber eine Menge.«
»Deinen Lehrern zufolge hinkst du in den meisten Fächern hinterher.«
»Na toll!«
Wir laufen den Flur entlang, bis sie vor einer Tür stehen bleibt. »Hier wohne ich.«
Es ist ein riesiges Zimmer mit Bett, Schreibtisch, Bücherregalen, Schränken und sogar einem Sofa. Am Ende gibt es noch eine weitere Tür – ein Bad vielleicht? – und Sam steuert darauf zu. Oder ist das ihr Atelier? An die Tür ist ein Eintritt-verboten-Schild mit einem schaurig realistischen Totenkopf gemalt.
Dahinter herrscht das reinste Chaos. Eine Seite des Ateliers ist komplett verglast, selbst an einem grauen Tag wie heute ist das Zimmer lichtdurchflutet. Eine Wand ist mit Szenen aus Der Herr der Ringe , eine andere mit Harry Potter bemalt, ansonsten ist jede freie Fläche mit Bildern und Zeichnungen bedeckt. Auf den Tischen, die herumstehen, liegen Zeichenutensilien, Farben, Pinsel. In der Mitte ist ein Tisch fast frei, Sam räumt noch ein paar Dinge weg und bedeutet mir, meine Sachen dort hinzulegen.
»Hast du das alles gemalt? Auch das an der Wand?«
Sie tritt von einem Fuß auf den anderen. Ist sie etwa verlegen? »Ja, es gab mal eine Zeit, da waren mir Zeichenblock und Leinwand nicht groß genug. Eigentlich will ich es immer mal übermalen, bin nur noch nicht dazu gekommen.«
»Aber das ist doch der Hammer!« Meine Bücher sind vergessen. Fasziniert sehe ich mir die Bilder und Zeichnungen der Reihe nach an.
Es klopft an der Tür. Sam geht nachsehen und kommt mit einem Tablett zurück. »Hier darf niemand rein. Lernen tue ich hier sonst auch nicht, das Licht ist zum Zeichnen hier einfach am besten. Deshalb wollte ich eigentlich auch, dass du kommst. Weil ich gestern nicht fertig geworden bin. Und so war es ja abgemacht. Deshalb weiß ich nicht, was du mit all dem hier willst?« Sie wirft einen Blick auf meine Bücher und zieht eine Grimasse, während sie das Tablett daneben abstellt.
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