«Kaum vorstellbar, denn dann hätte sie ja seinen Namen angenommen. Trotzdem stellt sich die Frage, warum er es dir verschwiegen hat.»
«Ja, das stimmt», erwiderte Lena und schüttelte den Kopf. «Außerdem hätten seine Advokaten etwas Derartiges erwähnt. Die Aufzählung eventueller vorheriger Ehen und der möglichen, daraus resultierenden Versorgungsansprüche waren Bestandteil des Vertrages. Mein Vater hätte es mir bestimmt gesagt, wenn Derartiges in Edwards Ehestandsurkunde gestanden hätte.»
Ihr Blick schweifte gedankenverloren über die Gräber.
«Vielleicht war es auch nur eine Verlobte, und es war ihm unangenehm, mir von einer vorangegangenen Liebe zu berichten. Möglicherweise wollte er keine alten Geister wecken. Jedenfalls kann ich keinen Grund erkennen, warum er mir den Tod dieser Frau verschweigen sollte.»
«Dann frag ihn doch danach.»
Lena überlegte. «Dann weiß er ja sofort, dass wir hier waren und gegen seinen Willen spioniert haben. Außerdem besteht ja immer noch die Möglichkeit, dass diese Henriette auch eine von Lord Williams Verlobten gewesen ist, die Edward besonders gemocht hat.»
«Und warum lässt er sich dann auf dem Stein verewigen und nicht sein Vater?» Maggie war skeptisch.
Lena rieb sich nachdenklich die Nase.
«Aber nein», entschied sie schließlich. «Ich will ihn nicht fragen. Entweder er erzählt es mir selbst, oder jemand, der die Familie gut genug kennt, erwähnt es aus freien Stücken.»
«Zum Beispiel seine Patentante?», fragte Maggie, und ihre Augen blitzten wie die eines Spions, der gerade eine wichtige Information bekommen hat. «Sie hat doch ihren Besuch für heute Abend angekündigt, oder etwa nicht?»
Lady Elisabeth Fortesque war eine verwitwete Endvierzigerin, die selbst eine riesige Plantage besaß und sich regelmäßig auf Redfield Hall aufhielt. In erster Linie machte sie durch ihre Beleibtheit und einen unaufhörlichen Redefluss auf sich aufmerksam. Entgegen ihrer sonstigen Schwatzhaftigkeit trug sie bei der abendlichen Tasse Tee, die Lena mit ihr und Maggie allein im Salon einnehmen durfte, aber nicht wirklich zur Aufklärung der Blake’schen Familiengeheimnisse bei.
«Edwards Mutter war meine beste Freundin», erklärte sie schlicht und nahm Lenas schmale Hand in ihre mollige Rechte. «Ist das der Verlobungsring?»
Sie deutete auf den kostbaren Diamantring, den Lena seit ihrer Verlobung mit Edward am linken Ringfinger trug. Lena fiel auf, dass die Lady manchmal ein wenig lispelte, was wohl an ihren Zahnlücken lag.
«Weißt du, woran ich das erkenne?», fragte Elisabeth Fortesque und schaute sie aus wasserblauen, leicht blutunterlaufenen Augen an.
Lena schüttelte überrascht den Kopf.
«Er ist exakt nach dem Verlobungsring von Edwards Mutter gefertigt. Ich will nicht behaupten, dass es der gleiche ist, aber er sieht zumindest genauso aus.»
Diese Erkenntnis überraschte Lena aufs Neue. Warum hatte Edward ihr den gleichen Verlobungsring geschenkt, den seine Mutter getragen hatte? War er so einfallslos, oder hatte das Ganze Methode? Sie hatte plötzlich viele Fragen, aber Lady Elisabeth schien der Sache keine weitere Bedeutung beimessen zu wollen und ging in eine belanglose Unterhaltung über. Allem Anschein nach war sie eine gutmütige, unkonventionelle Person, die Lena und Maggie entgegen der üblichen Sitte sogleich das Du angeboten hatte. Außerdem war sie Edward und seinem Vater sehr zugetan. Etwas, das Lenas Zweifel über die Strenge ihres Schwiegervaters beschwichtigte.
«Ich bin sehr froh, dass William eine so kluge und hübsche Frau für seinen Sohn gefunden hat. Und dass du sogar bereit warst, für ihn deine Heimat aufzugeben, ehrt dich. Die meisten Plantagenbesitzer ziehen es ja vor, in Europa zu leben. Die Blakes sind da anders.»
«Und warum bleiben die Blakes auf der Insel?», fragte Lena neugierig.
«William ist auf der Insel geboren und will die Arbeit seines Vaters fortsetzen, der all das mit sehr viel persönlichem Fleiß und Einsatz aufgebaut hat.»
«Ist sein Vater hier auf der Insel gestorben?»
«Ja, er wurde Opfer eines Überfalls von entlaufenen Sklaven und hat seinem Sohn auf dem Sterbebett das Versprechen abgenommen, die Ländereien niemals im Stich zu lassen.» Sie lächelte milde. «Auch wenn Lord William einen Adelssitz im englischen Lake Distrikt und mittlerweile zahlreiche Pflanzungen in den amerikanischen Südstaaten besitzt, empfindet er Jamaika nach wie vor als seine Heimat. Er würde immer wieder hierher zurückkehren.»
«Und das Gleiche erwartet er auch von seinem Sohn», sagte Lena mehr zu sich selbst.
«Richtig, William würde es niemals gestatten, dass sein Sohn für immer nach England oder in die Staaten von Amerika übersiedelt.»
Maggie, die die Unterhaltung mit Interesse verfolgt hatte, mischte sich neugierig ein:
«Würde Edward es denn vorziehen, in London zu leben?»
«Vielleicht», erwiderte Lady Elisabeth und zuckte mit den Schultern, «aber die Frage stellt sich ja nun nicht mehr, wo er endlich eine passende Frau gefunden hat.»
«Bedeutet das, er hätte mich nicht geheiratet, wenn ich mich einer Übersiedlung in die Karibik verweigert hätte?» Lena spürte, wie sie an Boden verlor.
«Das vermag ich nicht zu beurteilen», antwortete Lady Fortesque diplomatisch und setzte ein undurchsichtiges Lächeln auf. «Aber Lord William war es sehr wichtig, eine Gemahlin für Edward zu finden, die ihm auf die Insel folgen würde. Und man kann sagen, sein Einsatz hat sich gelohnt!»
Lady Fortesque bot an, Lena nach der Hochzeit rasch in die höchsten Kreise der Insel einzuführen. Im Gespräch entpuppte sie sich als eine einflussreiche Plantagenbesitzerin, deren Dinnerpartys unter den reichen Familien Jamaikas sehr begehrt waren.
«Du musst mich so bald wie möglich besuchen kommen», flötete sie und legte Lena in einer vertraulichen Geste die Hand auf die Schulter. «Das Schicksal von Rosenhall wurde seit jeher von Männern bestimmt. Aber nun ist meine Villa ein reiner Frauenhaushalt, wenn man von Candy Jones, meinem persönlichen Butler, einmal absieht, dem die Organisation des Hauspersonals und auch das Wohlergehen der Ladyschaft obliegt.»
Mit einem leicht frivolen Lächeln zwinkerte sie ihrem wesentlich jüngeren Leibdiener zu, der sich unauffällig in eine Ecke des Raums zurückgezogen hatte. Er war ein ausgesprochen groß gewachsener Mulatte mit blendend weißen Zähnen und trug eine eng sitzende, violettfarbene Livree, die keinen Zweifel über seine Vorzüge aufkommen ließ.
«Bevor er in meinen Dienst getreten ist», erklärte Lady Fortesque, «hat er auf der Plantage aus Zuckerrohr Melasse gekocht. Daher sein Name. Candy , von Süßigkeit. Er ist ein wahrhafter Engel. Liest mir jeden Wunsch von den Augen ab. Sogar mein Bett vergisst er nie vorzuwärmen.»
Maggie warf Lena einen irritierten Blick zu, der diese beinahe zu einem unpassenden Grinsen verleitet hätte. Die Miene des jungen Mannes blieb undurchsichtig, doch er schien seiner Herrin tatsächlich zutiefst ergeben. Unterdessen hatte der zufriedene Ausdruck in den Augen der Lady, wenn ihr Blick auf seiner markanten Erscheinung ruhte, etwas von einer Katze, die in einen Rahmtopf gefallen war.
Als Edward sich kurz darauf zu ihnen gesellte, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck zu einer neutralen Miene, die darauf schließen ließ, dass sie ihr süßes Geheimnis nicht mit jedem teilte.
«Und liebe Tante, wie stehen die Geschäfte in Rosenhall?»
«Alles bestens», gab sie mit einem Schulterzucken zu Protokoll.
«Keine Aufstände? Keine entlaufenen Sklaven?», fragte er.
«Gott bewahre!», erwiderte die Lady und fasste sich an ihre ausladende Brust. «Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Sklaven», beteuerte sie.
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