Die Arbeit des Kartoffellegens war getan, alle Futterfrucht bestellt, jetzt kamen die andern Arbeiten an die Reihe: das Distelnstechen, das Streuen des weißen Kalkmehls aufs Land. Immer tat sie ihm die Arbeit vor, und er machte sie ihr gelehrig nach; er folgte ihr willig, williger, als er sich dem Bauern unterordnete. Der ließ freilich auch nach in seiner groben Unfreundlichkeit. Was konnte am Ende dieser Mensch dafür, daß Krieg war, daß er Franzose war und sie Deutsche waren und sich feind? Bei der Arbeit gibt es keine Feindschaft, da muß man an einem Strang ziehen, sonst wird’s nichts. Und er gönnte seinem Franzosen einen freundlicheren Blick und nickte ab und zu mit einem anerkennenden „Hm“ bei dessen Arbeitsleistung. Er wußte ja nicht, wieviel die Christina dazu beigetragen hatte.
Sie hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, dem Gefangenen Beschützerin zu sein. Der Bruder steckte jetzt in einer bösen „Bredullich“; die Kämpfe am Chemin des Dames waren schon lange schlimm, nun aber hatten die Franzosen ihr „eisernes Korps“ eingesetzt; er schrieb letzthin nur eine flüchtige Karte, die war so geschrieben, als könnte es seine letzte sein, er sagte ihnen allen lebewohl. Da wußte sie in ihrer Sorge um ihn sich nicht anders zu helfen, als daß sie Gutes an ihrem Franzosen tat.
Nachts lag sie, die früher stets ohne Unterbrechung vom Abend bis zum Morgen geschlafen hatte, jetzt oftmals wach. Dann dachte sie nach. Sie hatte vormals gar nicht gewußt, daß man nachdenken kann. Wie konnte sie es nur machen, daß der Gefangene nicht mehr so trübselig war, sich nicht immer nach seiner Mutter sehnte? Und nach seiner Freiheit. Hier war er doch so gut wie frei. Er konnte kommen und gehen, wann er wollte — er könnte sogar weit fortgehen, sich davonmachen über alle Berge, kein Aufpasser wäre da. Die Landsturmmänner, die die Gefangenen hergebracht hatten, waren längst wieder abmarschiert, alle Gefangenen gingen frei im Dorf herum. Es war doch nicht so schlimm, hier Gefangener zu sein. Aber vielleicht hatte er ein Mädchen zu Hause, eine Braut, nach der es ihn zerrte und zog, die ihm nicht aus dem Sinn kam? Christina lag hellwach in ihrem Bett, sie warf sich unruhig und zog die Stirn in Falten: sie mußte ihn wirklich einmal fragen, ob er da, wo er zu Hause war, ein Mädchen hatte. Sicherlich. Er war ja ein junger Mensch und auch ein hübscher Mensch. In ihn konnte sich wohl eine verlieben.
Und sie richtete sich in ihrem Bett halb auf — ihr buntgewürfeltes Federdeckbett war ihr heute heiß, unausstehlich heiß — stützte den nackten Ellbogen auf und hing den Kopf in die Hand, daß ihr das lockere Haar, das sich, wenn es schön gestrählt war, wie eine flimmernde Krone um die Stirn wand, verwirrt über Finger und Gesicht floß. Sie würde sich ärgern, wenn er eine Braut daheim hätte — warum ärgern? Die Antwort blieb sie sich schuldig. Sie war ein aufrichtiger Mensch, aber darauf konnte sie nicht antworten. Sie war sich selber nicht bewußt, daß sie ihn wie ihr Eigentum betrachtete, wie etwas, was von Rechts wegen nur ihr gehörte; etwas, aus dem sie machen konnte, was sie wollte.
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