Die Schachgeschichte hat zwar immer wieder gezeigt, dass selbst den größten Denkern hin und wieder schlimme Fehler unterlaufen, aber einen solch krassen wie diesen hat es zumindest in einer Turnierpartie eines Weltmeisters noch nie gegeben. Man muss lange zurückdenken, um einen nur annähernd vergleichbaren Fall heranzuziehen: Im Jahre 1892 ließ sich der russische Meister Michail Tschigorin, der in der entscheidenden 23. WM-Partie den Sieg vor Augen hatte, von Wilhelm Steinitz plump mattsetzen – allerdings in zwei Zügen, nicht in einem. Steinitz, der erste Weltmeister der Schachgeschichte, behielt dank des glücklichen Sieges seinen Titel.
Müdigkeit oder Druck hat Kramnik selber als Erklärung ausgeschlossen. Auch mit Zeitnot ist das Unbegreifliche nicht zu erklären, schließlich stand ihm für die nächsten sechs Züge mit 32 Minuten noch ausreichend Bedenkzeit zur Verfügung. Für den deutschen Großmeister Artur Jussupow liegt die Ursache für Kramniks menschliches Versagen sowieso weniger im Psychologischen als im Schachtaktischen begründet, nämlich im Mattmotiv selber.
Einerseits sei es ein banales Angriffsmotiv gewesen, andererseits kein alltägliches: Deep Fritz ’ Dame konnte auf dem Feld h7 mattsetzen, weil sie dort von einem auf f8 stehenden Springer gedeckt war. Und dass ein weißer Springer auf der gegnerischen Grundreihe steht, sei kein gewöhnlicher Fall, meint Jussupow. „Wenn dieser Springer wie üblich über g5 oder f6 gekommen wäre, hätte jeder sofort erkannt, dass auf h7 Matt droht“, sagt Jussupow, „aber einen Springer auf f8, den sieht man nicht so oft.“
Kuss des Todes: die Stellung nach De4-h7 matt!
Diese Erklärung erscheint im Falle eines Hobbyspielers völlig einleuchtend. Aber bei einem Genie wie Kramnik? Wie der Maler Kandinsky dank seiner synästhetischen Wahrnehmung die Farben nicht nur sehen, sondern auch hören konnte, scheint doch gerade der 31-jährige Russe wie kaum ein anderer zu fühlen, wo Gefahren lauern und wo seine Figuren hingehören, damit sie perfekt harmonieren.
Es bleibt abzuwarten, ob der geknickt wirkende Weltmeister zu seiner Spielkunst und Präzision zurückfindet. Vor der dritten Partie führt Deep Fritz mit 1,5:0,5 Punkten. Kaum wahrscheinlich, dass Kramnik den Rückstand in den verbleibenden vier Partien noch in einen Vorsprung verwandelt, was neben einer halben Million Dollar Antrittsprämie mit einer weiteren halben Million vergütet würde.
Später am Abend machte er sich selber Mut und wies darauf hin, dass der Spielstand keinesfalls den Spielverlauf widerspiegele. „Ich habe in der ersten Partie Druck gemacht, und ich habe heute wieder Druck gemacht, man kann wirklich nicht behaupten, dass Fritz mir überlegen ist“, sagte Kramnik. „Ja, es stimmt, ich hätte ein Remis erzwingen können, aber ich sah keinen Sinn darin, ich konnte doch ohne Risiko auf Gewinn spielen.“
(„Kuss des Todes“ erschien am 29. November 2006 in der Süddeutschen Zeitung.)
Nach seinem Blackout in der zweiten Partie und vier Remisen lag Wladimir Kramnik mit 2:3 Punkten zurück. In der letzten Partie wagte er viel, um noch den Ausgleich zu schaffen. Doch er verlor ein zweites Mal. Endstand: 4:2 für Deep Fritz.
Arik Braun ist U18-Weltmeister
Nach zwei Wochen Schach hat Arik Braun erst einmal genug. „Jetzt arbeite ich nur noch für die Schule“, sagt er. Schließlich macht der blonde Könner aus dem baden-württembergischen Allmersbach nächstes Jahr sein Abitur. Was er später werden will, weiß er aber noch nicht. „Da fällt mir einfach nichts ein.“ Muss auch nicht, denn notfalls wird er eben Schachprofi. Für den Großmeistertitel fehlt ihm sowieso nur noch eine Norm. Und jetzt, Ende Oktober, ist Arik in Batumi/Georgien U18-Weltmeister geworden!
Manchmal hatte er sich im Schwarzen Meer schwimmend in Spiellaune gebracht. Von seinen Partien gefällt ihm im Nachhinein die gegen den Georgier Jojua am besten. „Wir waren beide in Zeitnot, dann habe ich eine Kombination gesehen und einfach gezogen, ohne lang zu rechnen.“ Tja, großmeisterliche Intuition. Denn die spätere Analyse ergab, dass Arik selbst bei bester Verteidigung des Gegners ein gewonnenes Endspiel erreicht hätte. Was hatte er also oben als Weißer am Zug im Sinn?
Lösung: 1.Dxf7+! Txf7 2.Txc8+ Ke7(Oder 2…Kg7? 3.Sxe6+.) 3.Tc7+ Ke8(Verloren hätte auch 3… Kd8 4.Sxe6+ Ke8 5.Lb5+ Dd7 6.Txd7 Txd7 7.Kg2!, z. B. 7…a5 8.h4! Ke7 9.Lxd7 Kxd7 10.Sd4 a4 11.h5 gxh5 12.gxh5 Ke7 13.h6 Kf8 14.Kf3 Sc5 15.f5 a3 16.e6 a2 17.Sc2.) 4.Lb5+ Td7 5.Lxd7+ Dxd7 6.Txd7 Kxd7 7.Sxe4 1:0.
Levon, der Zauberer
Denkt der armenische Weltklassespieler Levon Aronjan an den früheren Weltmeister Michail Tal, kommen ihm „wunderschöne, romantische Schachpartien“ in den Sinn. So geht es vielen, schließlich war kaum ein Champion so fantasiereich wie Tal. Außerdem schätzte man den Zauberer aus Riga, der am 9. November 70 Jahre alt geworden wäre, wegen seiner Menschlichkeit. Der in Berlin lebende Aronjan sagt aber, es sei im modernen Schach nahezu unmöglich, so wild zu kombinieren, wie Tal es ab Ende der 1950er Jahre tat, als er regelmäßig die Figuren zu verhexen schien. Das Schachwissen ist ja im Laufe der Jahrzehnte enorm angewachsen, mittlerweile kennen sogar Amateure die Feinheiten des Najdorf-Systems, beispielsweise. Trotzdem verzaubern auch heutige Großmeister immer wieder mit ihrer Spielkunst, nicht zuletzt Aronjan: Beim Tal-Gedenkturnier in Moskau krönte er ein Meisterwerk, indem er oben mit den schwarzen Steinen Alexej Schirow, den anderen Zauberer aus Riga, aus allen Träumen riss. Wie?
Lösung: 1…Ke8!(Falls nun 2.Kxh8 Kf7, gerät Weiß in Zugzwang, z.B. 3.h4 Kf8 4.h5 Kf7 5.h6 Kf8 6.b4 cxb3.) 2.Kg6 Kf8 3.h4 Ke7! (Dreiecksmanöver treiben Weiß in Zugzwang.) 4.Kg7 Ke8 5.Kg6 Kf8 6.h5 Ke7 7.Kg7 Ke8 8.Kg6 Kf8 9.h6 Ke8 10.Kf6 Txh7 11.Kg6 Tf7 0:1(wegen 11.h7 Tf8 12.Kg7 Th8! usw.).
Rabiegas Hammer
Es sah aus, als säßen David und Goliath an einem Tisch: Hier David Navara, das junge tschechische Schachgenie, ihm gegenüber der bullige Berliner Robert Rabiega. In Wirklichkeit verschmähte aber der zarte Navara eine Friedenschance, woraufhin Rabiega, wie er sich selber ausdrückte, „natürlich hammerhart zugeschlagen“ habe. Wohlgemerkt, sie haben nicht geboxt, sondern Schach gespielt am vergangenen Wochenende in der Berliner Bambushalle. Rabiega für den Aufsteiger Tegel, Navara für Bindlach. Eigentlich ist der 35-jährige Rabiega immer nur Außenseiter in der Bundesliga, weil er es am Spitzenbrett oft mit Weltklassegegnern zu tun hat. Bislang blieb Tegels Großmeister aber ungeschlagen; und Navara hat er sogar besiegt, obwohl der auf Rang 13 der Weltrangliste steht, etwa 450 Plätze vor ihm! Oben die entscheidende Stellung, Rabiega mit Schwarz am Zug. In nur anderthalb Minuten habe er sämtliche Verästelungen dieser herrlichen Kombination berechnet gehabt. Was sah Rabiega?
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