Früher saß Peer Steinbrück sommers gerne mal im Dortmunder Schauspielhaus und schaute Schachgroßmeistern beim Grübeln zu. Doch schon als Ministerpräsident ließ es sich nicht mehr so gut unerkannt kiebitzen; und auch diesmal verpasste der schachbegeisterte Bundesfinanzminister, wie Weltmeister Wladimir Kramnik das Turnier in Dortmund gewann. Zwei Tage später saßen beide aber nebeneinander und gaben Auskunft über ein im November in Bonn beginnendes Duell zwischen Kramnik und Deep Fritz , jenem Computerprogramm, das viele Millionen Züge pro Sekunde berechnet.
Eine Million Dollar bekäme Kramnik, wenn er Deep Fritz nach sechs Partien bezwungen haben sollte. Natürlich wünsche er dem Menschen den Sieg, sagte Steinbrück, der Schirmherr der Veranstaltung ist. Gespielt wird in der Bundeskunsthalle, wo Steinbrück im letzten Jahr selber eine Schaupartie gegen Kramnik austrug. Und mithielt! Erst spät nahm ihm der mit Schwarz spielende Russe entscheidendes Material ab. Wie?
Lösung: 1…Te5!(Steinbrücks Springer hat sich nach h6 vergaloppiert, also schneidet ihm Kramnik den Rückweg über f5 ab.) 2.Txa6(Auch andere Züge änderten nichts.) 2…f6 3.Ta7 Kxh6(Steinbrück gab auf. Mit einer Minusfigur machte das Weiterspielen gegen den Weltmeister natürlich keinen Sinn mehr.) 0:1.
Fast wie Rubinstein
Der großartige Akiba Rubinstein vertraute einst einem Kollegen an, dass er sich quer durch Europa von einer Fliege verfolgt fühle. Wohin er auch komme, hindere ihn das Tier daran, konzentriert Schach zu spielen. Ein schicksalhaftes Vorzeichen. Ausgangs des 19. Jahrhunderts hatte sich der junge Pole entschieden, statt der Tora lieber Schachbücher zu studieren. Bald gelangen ihm Partien voller Kraft und Klarheit, und von 1907 bis 1913 war er der wohl schärfste Rivale des deutschen Weltmeisters Emanuel Lasker. Ein WM-Kampf kam aber nie zustande. Rubinsteins psychische Probleme verschlimmerten sich, und 1931 verschwand der Menschenscheue ganz aus der Öffentlichkeit. Er starb 1961 in einem Heim in Belgien.
Als unsterblich gilt seine brillante Opferpartie gegen Rotlevi in Lodz 1907. Kenner denken vielleicht an jenes Meisterwerk, wenn sie die obige Stellung sehen, zu der es nun in Amsterdam kam. Zumindest erinnert der schwarze Gewinnzug, ausgeführt vom Briten Mark Ferguson (gegen Ben Ahlers), an Rubinsteins Unsterbliche.
Lösung: 1…Td2!(Eine feine Ablenkung. Falls nun 2.gxf4, gewänne 2…Txe2 3.Lg3 exf4 4.Lxf4 Txc2 eine Figur; und 2.Dxd2 scheitert an 2…Df1 matt.) 2.Lxd2 Dxg3(Nun droht’s auf g1.) 3.Sc3(Oder 3.Le3 Dh3+ 4.Kg1 Sxe3 und gewinnt, z. B. 5.Df2 Sd7 6.Ta3 Dg4+ 7.Kh2 Sxd1.) 3…Dh3+ 0:1.
Junge Russen
Zwar haben die Russen zurzeit kein Nachwuchstalent im guten, alten K-Format wie Karpow oder Kramnik, doch die Schachkultur ist bei ihnen immer noch enorm tief verwurzelt, was anlässlich der 59. russischen Meisterschaft in Tomsk mal wieder deutlich wurde. Die sieben Spieler, die sich dort für das Superfinale qualifiziert haben, sind alle erst zwischen 16 und 22 Jahre alt. Man sollte, auch wenn es manchmal schwer fällt, ihre Namen im Kopf behalten: etwa Jan Nepomnjaschtschi, 16 Jahre jung, oder Nikita Witjugow und andere bisher kaum bekannte Größen, die sich den zweiten Platz teilten hinter Ernesto Inarkijew, dem Turniersieger.
Vielleicht vollzog sich in Tomsk bereits ein abrupter Generationswechsel. Etablierte Großmeister wie Chalifman, Drejew oder Najer verpassten die Qualifikation; Jewgeni Najer allerdings ziemlich knapp. Tröstlicherweise hatte er oben als Weißer am Zug (gegen Großmeister Oleg Kornejew) eine besonders erfrischende Kombination ausgeheckt. Wie kam’s?
Lösung: 1.Txc6+!(Schon in der Vorausberechnung musste Najer das Feld b8 als den wunden Punkt im schwarzen Lager ausgemacht haben; Schwarz erkannte es nun auch und kapitulierte. Denn auf 1… bxc6 folgt die hübsche Pointe 2.Dxc2! Dxc2 3.Tb8 matt.) 1:0.
Der Anrufer
Seit gestern spielen die Weltmeister Wladimir Kramnik und Wesselin Topalow in Elista, Hauptstadt der autonomen russischen Republik Kalmückien. In drei Wochen wird es nur noch einen Champion geben und die Schachwelt, seit 13 Jahren entzweit, zumindest in dieser Frage wieder vereint sein. Das Dilemma hatte mit einem Anruf begonnen: Im Jahr 1993 schlug der Brite Nigel Short, gerade als Herausforderer qualifiziert, dem damaligen Weltmeister Kasparow vor, das gemeinsame WM-Finale ohne den Weltschachbund Fide durchzuführen. Der Russe stimmte erfreut zu. Im Grunde erschien ihnen das Preisgeld von 2,58 Millionen SFr. zu gering. Sie gründeten einen eigenen Verband, übersahen aber, dass dies den traditionsreichen Titel eines Weltmeisters arg beschädigen sollte. Fortan gab es zwei Verbände und zwei Weltmeister. Heute ist (der damals chancenlose) Short 41.
Und er hat kaum etwas verlernt, wie sein Turniersieg bei der EU-Einzelmeisterschaft in Liverpool zeigt. Dort fand er mit Weiß gegen den Finnen Karttunen ein leises Gewinnmanöver.
Lösung: 1.Th6!(Dies gewinnt sofort, denn der mächtige Läufer d5 ermöglicht das entscheidende Manöver Th6-g6; z. B. 1…Lg7 2.Tg6 gefolgt von 3.f6, oder 1…Dd8 2.Tg6+ Kf8 3.Dh6+ nebst 4.Txf6, oder 1…Kg7 2.Th7+ Kg8 3.Dh5 und ggf. 4.Dg6+. Ergo gab Schwarz auf.) 1:0.
Kortschnoi empfindet „nichts“
Viktor Kortschnoi ist endlich Weltmeister geworden, genauer: Senioren-Weltmeister. Und was bedeutet ihm der in der italienischen Gemeinde Arvier errungene Titel? „Nichts“, sagt der 75-Jährige und lacht. Gewiss, viel lieber wäre er einmal „richtiger“ Weltmeister geworden, damals, 1978 und 1981, in den Duellen gegen Anatoli Karpow, im Kalten Krieg auf dem Schachbrett, der Sowjetflüchtling Kortschnoi gegen den linientreuen Karpow. Obwohl Kortschnoi beide Male unterlag, gilt er längst als eine der größten Persönlichkeiten der Schachgeschichte. Dieser Kampfgeist! Diese Hingabe! Seine Energien scheinen unerschöpflich. Demnächst wolle er die Mannschafts-EM spielen und im November vielleicht einen Wettkampf in Teheran. Immer unterwegs. Mit 75. „Für mich ist Schach ein bisschen Kunst, ein bisschen Psychologie und ein bisschen Sport“, sagt Kortschnoi. Bei der Senioren-WM habe er auch ein bisschen Glück gehabt.
Jedoch nicht in der Diagrammstellung! Sehen Sie, was Kortschnoi mit Schwarz Stefano Tatai vorsetzte?
Lösung: 1…Dd2!(Die eine Lady opfert sich, um die andere abzulenken: auf 2.Dxd2 folgt 2…f2+ 3.Tg2 f1D matt.) 2.Tf1 Dxf2 3.Txf2 Ta8?!(Weiß gab auf, obwohl er mit 4.Kg1 noch etwas kämpfen könnte. Klarer als 3…Ta8 gewann 3…Tf6! 4.Sg5 Lc6 nebst …e4 und …e3.) 0:1.
Viktor Kortschnoi
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