Psychotricks in Kalmückien
Eigentlich sind der Russe Wladimir Kramnik und der Bulgare Wesselin Topalow nach Kalmückien gekommen, um die geteilte Schachwelt zu einen. Doch aus dem großen WM-Kampf ist ein Spiel mit Psychotricks geworden. Als Kramnik 3:1 in Führung lag, streute Topalows Manager, Silvio Danailow, den Verdacht, Kramnik empfange während der Partien heimlich Computerzüge auf der Toilette. Der Bulgare erwirkte mithilfe seiner Freunde im (mittlerweile zurückgetretenen) Schiedsgericht sogar die Verriegelung des Klos. Woraufhin der empörte Kramnik nicht zur fünften Partie antrat und diese kampflos verlor. Jetzt, nach tagelangem Hin und Her, spielt der Russe weiter. Unter Protest.
Vor der WM waren auf Wunsch Kramniks strikte Maßnahmen gegen Hilfen von außen getroffen worden, u. a. Störsender rund um das Spielgebäude und eine Glaswand zwischen Zuschauern und Spielern. Zudem weisen einige typisch menschliche Fehler stark darauf hin, dass in Elista nicht gemogelt wird. Oben übersahen beide, wie Topalow mit Weiß leicht hätte gewinnen können.
Lösung: 1.Dg6+?(So nicht! Topalow hat ebenso wie Kramnik ein einfaches Matt auf g7 übersehen. Richtig war 1.Txg4+! Lg7 2.Dc7! Df1+ 3.Sg1 bzw. 1…Kh8 2.Th4+ und 3.Dh7 matt.) 1…Lg7 2.f5 Te7 3.f6 De2!(Danach befreite Kramnik sich allmählich aus seiner misslichen Lage und gewann später sogar noch.)
Edler Bauer
„Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“, ist, zugegeben, ein viel zitierter Satz aus Gertrude Steins Die Welt ist rund . Es lässt sich ja auch allerhand hineindeuten in so einen schönen, runden Satz. Schachspieler kennen eine ähnliche Weisheit: Ein Bauer ist ein Bauer. Gut, das klingt vergleichsweise plump; aber die Welt ist eben rund und das Schachbrett eckig. Das mit dem Bauern ist ungefähr so gemeint: Selbst ein kleiner Bauer hat seinen Wert. Schon Meister Philidor hatte im 18. Jahrhundert erkannt, die Bauern seien die Seele des Schachspiels. Und wer ihre Bedeutung begreift, wird die gewaltige Macht einer Dame erst recht zu schätzen wissen, die ist schließlich neunmal so viel Wert wie ein Bauer.
Bloß manchmal scheinen all diese ehernen Gesetze auf den Kopf gestellt, beispielsweise in der Diagrammstellung, die beim Turnier in Gausdal/Norwegen zu sehen war. Zeigen Sie, womit der Lette Kaido Kulaots als Weißer am Zug seinen Großmeisterkollegen Felix Levin überraschte!
Lösung: 1.Db5+!(Nach diesem reizvollen Damenopfer ist der letzte verbliebene weiße Bauer, der bis dahin kümmerlich am Brettrand herumstand, der Held des Tages. Schwarz gab sofort auf, denn nach 1…axb5 folgt natürlich 2.axb5 matt!) 1:0.
Kurz und frech
Fast jeder Schachprofi hat einen Freund namens Fritz . Früher mussten die Meister immer selber denken, heute fragen sie Fritz , und der weiß oft Rat. „ Fritz ist einer von uns, bloß dass er abends nicht mit an die Bar kommt“, sagt Viswanathan Anand. Fritz bleibt dann nämlich im Hotelzimmer, er wohnt in den Laptops der Profis: Fritz ist ein Schachprogramm. Gewiss, heute gibt es andere Programme, die ebenso stark spielen, sie heißen zum Beispiel Rybka oder Shredder . Doch als die Hamburger Fritz -Väter im Jahr 1991 einen Namen für ihr Kind suchten, sollte es kein kryptischer sein, sondern ein kurzer, frecher, freundlicher. Fritz’ Erfolgsgeschichte ist zweifellos auch mit dem Charme des Namens verbunden.Viel an ihn denken muss wohl zurzeit Wladimir Kramnik. Der Russe spielt bald in Bonn gegen Deep Fritz ; es ist Kramniks zweiter Kraftakt innerhalb kurzer Zeit. Erst Mitte Oktober hat er in Elista/Russland seinen WM-Titel verteidigt, indem er oben mit Weiß Wesselin Topalow in der letzten Stichpartie besiegte.
Lösung: 1.Tb7+!(Der Zug, der die Weltmeisterschaft entschied! Falls nun 1…Txb7, gewinnt einfach 2.Txc5+ Kb6 3.axb7! Topalow hatte bei seinem vorherigen Zug, …Tc2xBc5, offenbar nur mit der Antwort 1.Kxb6? gerechnet.) 1:0.
Neben Bunker und Bolzplatz
Im Hamburger Stadtteil Eilbek steht ein Haus, in dem sich täglich Menschen zum Schachspielen treffen. Es handelt sich um das Schachzentrum des Hamburger SK, der mit seinen 176 Jahren der älteste bestehende Schachklub Deutschlands ist und mit über 400 Mitgliedern auch der größte. In diesem verklinkerten Haus, gelegen neben einem Bunker und einem Bolzplatz, wird die Kultur des Schachs auf bemerkenswerte Weise gepflegt. Der HSK hat 25 Mannschaften, darunter ein Männer- und ein Frauenbundesligateam, und besonders kümmert man sich um den Nachwuchs.
Aber auch um das Wohl der Denksportler. Denn als sie nun das zehnjährige Bestehen ihres Hauses mit einem kleinen internationalen Meisterturnier feierten, waren sogar Schnittchen und Kuchen von verlockender Qualität. Freundlicherweise ließen sie auch mich mitspielen, weshalb hier ausnahmsweise von einer eigenen Partie die Rede ist. Ahnen Sie, warum ich oben als Weißer am Zug gegen Wolfgang Pajeken ein bisschen Herzklopfen bekam?
Lösung: 1.Tc7!(Diesen Eindringling darf Schwarz nicht nehmen, denn auf 1…Txc7 setzt 2.Df8 matt; während das zähere 1…Dxc7 2.Lxc7 Txc7 3.Dg5 letztlich auch chancenlos wäre.) 1…De8 2.Df7+!(Das war’s – auf 2…Dxf7 gewinnt 3.Txc8+. Schwarz gab auf.) 1:0.
Kuss des Todes
Der unbegreifliche Fehler von Schachweltmeister Kramnik
Wer die Guggenheim Collection in der Bonner Bundeskunsthalle betritt, sieht sogleich Entscheidendes Rosa , ein Bild von Wassily Kandinsky. Der Meister hatte im Jahr 1932 unter anderem ein dreieckiges Schachbrettmotiv auf die Leinwand gepinselt. Wladimir Kramnik, der Schachweltmeister, ist ein Kunstliebhaber, er wird sich die Ausstellung aber erst nächste Woche ansehen können, weil er zurzeit noch mit dem Supercomputer Deep Fritz beschäftigt ist, genau eine Etage unter Guggenheims Meisterwerken.
Am Montagabend muss jedoch auch Kramnik das Schachbrett einen Moment lang nur als Dreieck wahrgenommen haben, eine Ecke hatte er im Duell mit Deep Fritz völlig außer Acht gelassen – unglücklicherweise jene, in der sein König stand. Nach einer bis dahin stark vorgetragenen Partie zog Kramnik im 34. Zug seine Dame nach e3. Offenbar träumte er von einem entscheidenden, ja rosaroten Gewinnzug. In Wirklichkeit war es ein unbegreiflicher, schachhistorisch einmaliger Fehler: Der Weltmeister hatte ein einzügiges Matt übersehen!
Als daraufhin Mathias Feist, der Bediener von Deep Fritz , die Dame nach h7 schwang, wo sie Kramniks König einen sogenannten Kuss des Todes verpasste, durchzuckte es den Weltmeister. Von den Zuschauerrängen waren Laute des Entsetzens zu vernehmen und auch Gelächter. Das geschlagene Genie gratulierte seinem Gegenüber, unterschrieb das Partieformular, fasste sich noch einmal an die Stirn und verschwand. „So etwas ist mir noch nie passiert, ich habe überhaupt keine Erklärung dafür“, sagte Kramnik. Er habe sich gut gefühlt und die Variante mit dem scheinbar krönenden Abschluss lange zuvor berechnet und immer wieder geprüft. „Das sah alles so gut aus für mich, und dann bin ich matt in einem.“ Auch Deep Fritz’ Bediener hatte es nicht gleich gesehen. „Auf dem Monitor leuchtete plötzlich ‚Matt‘, und ich dachte, ist jetzt der Computer kaputt oder was?“, sagte Feist.
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