„Und schön lange konnten wir liegen bleiben, nicht wahr“, fügte der zweite hinzu. „Da haben wir wieder einmal famos ausgeschlafen! Und das Licht hat uns auch nicht gestört. Es war alles kohlschwarz, sogar der Schnee war schwarz.“
„Ich hätte aber doch gern ein Licht gehabt“, fiel der dritte ein; „ich hätte dann da unten die schönsten Gedichte geschrieben. Ja, ihr könnt euch darauf verlassen, wir waren in der besten dichterischen Stimmung.“
Dann lachten sie alle drei miteinander.
Aber es war, wie gesagt, kein rechtes, fröhliches Lachen. Das merkte ich auch. Mir wurde sogar ganz unheimlich dabei zu Mute, denn es kam mir vor, wie wenn es drei Leichen wären, die da lachten.
Dann fing nochmal einer an:
„Einen kleinen Ofen hätten wir auch brauchen können. Die Hunde, die uns hätten warm geben sollen, haben ihre Sache schlecht gemacht. — Hu! mich friert es jetzt noch.“
Und wieder lachten sie alle zusammen....
Inzwischen hatten wir den Hof erreicht.
Als wir an den Schneegang bei der Haustüre kamen, meinte einer von den Hirten:
„Was ist denn das? Sollen wir vielleicht schon wieder in den Schnee hinab?“
Und kaum hatte er dies gesagt, da stürzte er, mit dem Kopf nach unten, hinab in das dunkle Loch.
Wir schrien vor Schreck alle laut auf und glaubten schon, er hätte sich ordentlich zuschanden geschlagen.
Doch er erhob sich gleich wieder und sagte, als ob nichts geschehen wäre:
„So, ich bin unten. Diesmal wäre es aber fast zu schnell gegangen. Ja, ja, man merkt es: so stark wie gestern, da wir von hier fortgingen, bin ich nicht mehr.“
„Aber du hast doch so gut ausgeruht droben im Schneebett!“ rief lachend ein Mann zu ihm hinunter, der mit den dreien heimgekommen war, und wir alle lachten mit ihm.
Dann stiegen wir grösseren Knaben hinab und halfen den andern herunter, denn wir kannten die Treppe in der Schneewand ganz genau.
Drinnen wurde gleich aufs beste für die hart mitgenommenen Männer gesorgt.
Wir halfen ihnen die eiskalten, gefrorenen Kleider und Ledersocken abziehen, und die Hausmutter wärmte Unterkleider und wollene Decken für sie.
Eine Viertelstunde später lagen bereits alle drei in ihren Betten, eingehüllt in die warmen Decken, dass kaum noch der Kopf herausschaute.
Das war jetzt ein anderes Lager als jenes droben unter dem Schnee!
Nach einer kleinen Weile bekamen sie gutes Essen ans Bett und auch etwas Warmes zu trinken: heisse Milch, Thymiantee und ein wenig Rum. Dann schliefen sie bald ein.
Die guten Hunde wurden ebenfalls nicht vergessen. Sie bekamen extra feines Futter und durften an diesem Tag in der Wohnstube bleiben. Hinten beim Ofen wurden ihnen weiche, warme Säcke hingelegt, worauf sie schlafen konnten.
Das war aber eine Ausnahme; sonst hatten sie in der Stube keinen Zutritt.
Nachdem so alles für die Verunglückten getan war, kamen die beiden Männer an die Reihe, die sie nach Hause begleitet hatten.
Sie assen am Tisch in der Wohnstube. Nebenher erzählten sie uns, wie es mit der Rettung zugegangen war.
Die drei Hirten, sagten sie, waren gar nicht von der Bergungsmannschaft gefunden worden, sondern sie hatten sich mit ihrer letzten Kraft selbst herausgegraben und waren dann aus ihrem kalten Grabe gekrochen.
Während die Hunde nach ihnen umherschnüffelten und die Leute beständig nach ihnen bohrten, kamen sie auf einmal in aller Ruhe über den Schnee her auf die Rettungsmannschaft zu!
Jetzt erfuhren wir auch, warum Júlli nicht unter den Geretteten war.
Die Hirten waren tags zuvor so geschwind den Berg hinauf geeilt, dass sie wirklich alle vier die grosse Herde noch erreichten, bevor der Sturm losbrach.
Da entdeckten sie nun, dass einige Schafe abseits von den andern ein gutes Stück weiter oben waren.
Diese mussten sofort geholt und zum Haufen getrieben warden.
Aufopfernd wie immer, wollte Júlli die Arbeit allein übernehmen.
Er lief von seinen drei Gefährten fort. Da es immer dunkler und dunkler wurde, verloren sie ihn bald aus den Augen, und dann überfiel sie auch schon der schreckliche Orkan....
Nun kannte man wenigstens so ungefähr die Gegend, wo Júlli begraben liegen musste. Am selben Tage aber fand man noch keine Spur von ihm.
Ach, war das eine Betrübnis auf dem ganzen Hofe und ein Herzeleid, besonders für uns, seine jüngeren Freunde!
Der arme Júlli! Was musste er wohl leiden unter dem kalten, tiefen Schnee! O, wir konnten es uns denken, da wir seine geretteten Kameraden gesehen hatten!
Wir weinten viele heisse Tränen um ihn, nichts konnte uns mehr trösten. Auch grosse Leute sah man weinen.
Gegen Abend wollten wir Kinder noch hinaus in die Spanische Hütte.
Ich weiss selbst nicht, wie das kam: wir waren so traurig und zu gar nichts aufgelegt, aber zur Spanischen Hütte, wo wir so oft und gern bei Júlli geweilt, zog es uns hin.
War jetzt auch ein neuer Hirt an seiner Stelle — wir konnten es freilich kaum glauben —, so hatten wir doch noch einen guten Freund dort, unsere liebe kleine Dúfa.
Die Herde war nämlich fast ganz ausgegraben und dann gleich heimgetrieben worden in die Ställe. Nur wenige Schafe fehlten noch.
Die Tiere schienen keinen Schaden gelitten zu haben. So munter und kampflustig, wie sie tags zuvor den Berg hinaufgezogen waren, kamen sie wieder herunter.
Wir gingen also zum Stall der Spanischen Hütte, um Dúfa einen Besuch zu machen.
Unter der Tür riefen wir ihren Namen.
Die Schafe schauten uns an, aber Dúfa kam nicht wie sonst auf uns zu.
Sollte sie am Ende nicht unter den Geretteten sein?
Ängstlich durchsuchten wir den ganzen Stall.
Dúfa war nicht da!
Wir suchten ein zweites, drittes Mal, jedes einzelne Schaf genau betrachtend. Doch vergeblich — unsere liebe, gute Dúfa fehlte! ...
Wir fingen an zu weinen und begaben uns auf den Heimweg. Unser Schmerz war jetzt doppelt gross. Gerade die zwei, die wir am liebsten hatten, waren nicht gefunden worden.
Der gute, teure Júlli und die arme, kleine Dúfa mussten noch einmal übernachten draussen unter dem eiskalten Schnee! —
Als wir zum Hofe zurückkamen, gingen eben zwei Männer mit Laternen fort. Sie wollten die Nacht hindurch nach Júlli suchen und bohren.
Wir Kinder aber beteten wie am Abend vorher inständig zu Gott, er möge doch Júlli und Dúfa nicht sterben lassen. —
Früh am nächsten Morgen wurden die beiden Männer von andern abgelöst und die mühsame Arbeit den ganzen Tag fortgesetzt.
So machten sie es vier volle Tage und vier lange Nächte. Durch die dicke Schneedecke wurden unzählige Löcher gebohrt, aber von Júlli fand sich keine Spur!
Schliesslich stellte man die Nachforschungen ein, denn jetzt konnte man mit Sicherheit annehmen, dass Júlli tot war.
Die fehlenden Schafe waren, mit Ausnahme von vieren, schon am zweiten Tage gefunden worden.
Auf dem Hof betrauerte alles den armen, unglücklichen Júlli.
Besonders wir Kinder weinten noch oft um ihn, wenn wir von ihm sprachen oder des Abends für ihn beteten.
Selbst unsere Spiele waren jetzt ganz anders geworden: wir verspürten nicht mehr so viel Lust dazu wie früher und waren lange nicht mehr so lebhaft dabei.
Die Zeit verging nur langsam.
Da endlich nach etwa vier Wochen wurden wir aus unserer Langeweile aufgerüttelt.
Wie damals, als man die Schafe auf die Weide trieb, kam auch jetzt wieder ganz plötzlich ein heftiger warmer Südwind dahergebraust.
Der Schnee schmolz so rasch, dass es eine förmliche Überschwemmung gab.
Haus und Hof und Stallgebäude standen bald wieder frei da, und vom Berge her begann es grün herabzuleuchten.
Man dachte sofort an Júlli und die vier Schafe, die noch fehlten. Jetzt mussten sie sich ja zeigen.
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