Das ganze Land ringsum war verwandelt in eine endlose Fläche von weissem, schimmerndem Schnee.
Indes wir hielten uns nicht lange damit auf, die eigentümliche Landschaft zu betrachten, sondern wandten den Blick zur Ausschau nach dem Berge.
Bald entdeckten wir die Männer, welche die Verunglückten suchten.
Sie bewegten sich hierhin und dorthin, kamen ab und zu in kleinen Gruppen zusammen, als wollten sie miteinander beraten, und dann begannen sie von neuem zu suchen.
Auch die Hunde sahen wir, wie sie umherschweiften, sich wieder sammelten und da und dort eifrig mit den Vorderfüssen im Schnee scharrten.
Dann liefen die Männer hurtig herbei und steckten ihre Stangen hinab.
Doch es kam uns vor, als ob sie nichts fänden.
So standen wir ziemlich lange da in dem festgefrorenen Schnee, zitternd vor Kälte, und folgten beständig mit sorgenvollen Blicken den Bewegungen der Männer droben auf der Höhe.
Plötzlich drang aus der Tiefe eine Stimme zu uns herauf.
Es war, als käme sie aus einem Grabe:
„Kinder, kommt jetzt herein! kommt alle herein!“
Es war die besorgte Hausmutter, die nach uns rief.
Wir gehorchten sofort, kletterten die Schneewand hinunter und gingen in die warme Stube.
Die Lampen waren jetzt überall ausgelöscht, es war wieder Tageslicht da.
Von den Fenstern auf dem schrägen Dach hatte man nämlich den Schnee fortgeschaufelt und Eisschollen über die Scheiben gelegt, damit sie klar blieben, und so fiel das Licht von oben in alle Stuben und Zimmer hinein.
Die Hausmutter brachte uns allerlei gute Dinge zu essen und warme Milch zu trinken. Jedoch es wollte uns nicht recht schmecken. Wir sassen traurig um den Tisch und hatten keine Ruhe.
Bald musste der eine bald der andere von den Grösseren hinausgehen und den Schneegang hinaufkriechen, um zu schauen, wie die Dinge droben auf dem Berge stünden.
Aber jeder machte die gleiche Meldung: það sama, það sama, altaf það sama — „Dasselbe, dasselbe, immer dasselbe!“
Und so blieb es ein paar Stunden.
Endlich nach langem, bangem Warten kam Waldi, der gerade ausgesandt war, gesprungen und rief mit lauter Stimme rasch zur Türe herein, ein Mann auf Ski komme den Berg heruntergesaust, die andern dagegen seien beieinander an einem Platz versammelt.
Dann lief er gleich wieder hinaus.
Flugs eilten wir ihm nach, und im Nu standen wir alle wieder auf unserer Ausschau.
Waldi zeigte gleich nach der Richtung, woher der Mann kam, und so hatten wir ihn rasch erspäht.
Er mochte etwa halbwegs zwischen den Leuten droben und dem Hofe sein.
Wie ein Pfeil schoss er, auf seinen langen Ski fest und sicher stehend, den Berg herab. Er hielt einen Stab in der Hand und steuerte mit staunenswerter Sicherheit an jedem Hindernis vorbei. Rasend schnell kam er näher und näher.
Wenige Augenblicke noch, und mit einer kühnen Wendung im Halbkreis sauste er auf uns zu.
In Eile erzählte er: die vier Leute habe man leider noch nicht gefunden, doch sei man soeben auf die Herde gestossen. Sie werde bereits von einem Teil der Mannschaft ausgegraben. Die andern aber wollten dabei bleiben, nach den vier Männern zu suchen. Er sei vom Hausherrn heimgeschickt worden, um für die Leute etwas zum essen und trinken zu holen.
Dann gingen wir hinein in die Stube.
Der junge Mann bekam sein eigenes Essen gleich jetzt zu Hause. Es war besonders fein. Zuletzt gab es noch eine Tasse Kaffee und ein gutes Glas Kognak.
Unterdessen wurde alles hergerichtet, was er mitzunehmen hatte, und in einen Sack verpackt.
Darauf dankte er der Hausfrau für Speise und Trank, band sich den Sack auf den Rücken und machte sich mit seiner schweren Bürde wieder auf den Weg zum Berge hinan.
Als der Mann mit dem Sack fort war, hielten wir abwechselnd wieder unsere Ausschau.
Diesmal war es Bjössi, der zuerst eine neue Botschaft brachte.
So hastig, dass wir ihn kaum verstehen konnten, rief er zur Türe herein, vom Berge kämen mehrere Männer herab.
Schnell wie der Wind sprangen wir hinaus, und sogar ein paar Mägde folgten uns nach.
An der Schneewand mit den eingegrabenen Stufen kletterten wir jetzt schon wie nichts hinauf.
Wir erblickten auch gleich die Männer; es waren ihrer fünf. Sie hatten aber keine Schneeschuhe und gingen auffallend langsam.
Voraus sprangen zwei Hunde.
Gott sei Dank! sagten wir, jetzt sind sie doch gefunden worden, die Unglücklichen, und sie sind noch alle am Leben.
Unsere Freude kannte keine Grenzen.
Ha! nun kommt Júlli wieder, und noch heute abend gehen wir mit ihm zur Spanischen Hütte und besuchen unsere liebe kleine Dúfa!
Wir Kinder dachten überhaupt nur an Júlli und Dúfa und konnten gar nicht erwarten, bis sie wieder da waren.
Wir liefen hinein zur Hausfrau und baten um die Erlaubnis, den Heimkehrenden entgegen gehen zu dürfen.
Die Bitte wurde gewährt.
In aller Eile zogen wir unsere wärmsten Kleider an und die Schneekappen tief über den Kopf, denn es war noch immer grimmig kalt draussen. Dann nahm jedes noch seinen Schneestab.
Ein paar Mägde begleiteten uns.
So rückten wir aus, ganz aufgeregt vor Freude, dass wir nun wieder zu Júlli und Dúfa kämen.
Von unsern Gesichtern sah man jetzt nur noch die Augen und die Nase, alles andere war wohl und warm geborgen in der wollenen Schneekappe.
Die Nasenspitze, das wussten wir aus Erfahrung, brauchte bloss ab und zu ein wenig mit den weichen Handschuhen gerieben zu werden, dann war auch sie vor dem Erfrieren gesichert.
Das war ein reizendes Bild, wie wir Kinder, eingemummt, so flink und behend über die glitzernde Schneedecke dahin marschierten. Bei jedem Schritt knarrte und kreischte der Schnee.
Aus unsern Augen guckte die helle Freude heraus. Und gesprungen sind wir, dass uns die Mägde schier nicht mehr nachkamen. —
Bald stiessen wir auf die fünf Männer.
Aber kaum dass wir sie näher sahen, blieben wir wie gelähmt vor Schrecken stehen und starrten sie an: drei der eingeschneiten Hirten waren da — Júlli fehlte!
Ich war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen, so schnürte sich mir das Herz in der Brust zusammen, da mir klar wurde, dass Júlli noch nicht gefunden war.
Die drei Hirten sahen recht ernsthaft und trübselig vor sich nieder und sprachen fast kein Wort.
Als wir sie fragten, wo denn Júlli sei, sagten sie nur, sie seien nicht bei ihm gewesen, als der Schneesturm begann. — Doch würden sie uns Näheres daheim erzählen.
Mir schien, die drei armen Männer waren gekränkt, weil wir nur immer nach Júlli fragten und keine besondere Freude darüber zeigten, dass wenigstens sie gerettet waren.
So jung ich auch war, fühlte ich das doch unwillkürlich heraus.
Ich suchte daher unsere drei Freunde zu trösten, indem ich zu jedem einzelnen von ihnen hinging und nach Kinderart zärtlich ihre Hände drückte und streichelte.
Sie verstanden, was ich damit sagen wollte, und sahen nun mit freundlich lächelndem Blick auf mich Kleinen herab.
Unterwegs betrachteten wir sie genauer.
Jetzt erst merkten wir, wie abgemattet und todmüd sie waren. Sie sahen aus wie drei wandelnde Leichen. Ihr Gesicht war bleich und gelb. Gehen konnten sie nur ganz langsam.
Ihren Hunden dagegen, die doch auch mit ihnen begraben waren, hatte es nichts gemacht. Die liefen umher, spielten miteinander und sprangen, vor Freude bellend, an uns hinauf.
Der lange Aufenthalt in dem kalten Grab schien ihr Wohlbefinden und ihre Munterkeit nicht im geringsten gestört zu haben.
Nach und nach wurden auch die drei Männer etwas lebhaft und aufgeräumt. Doch ihre Munterkeit war nicht echt, ihr Lachen klang gezwungen.
Zuletzt versuchten sie sogar Witze zu machen.
„Das war mal eine herrliche Nacht!“ sagte der eine. „Wenn es nur nicht danach ausgesehen hätte, als wollte sie niemals ein Ende nehmen! Dann hätte es uns noch besser gefallen.“
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