Er war der erste Mann, der auf Rose einen gewissen Eindruck hervorzurufen schien. Sie hörte ihm gerne zu, sie fragte ihn viel und verliess das Zimmer selten, wenn er als Gast der Eltern bei ihnen weilte.
Frau Zollbrügge atmete auf und begünstigte diesen Verkehr auf jede erdenkliche Weise.
Als Herr Dorenblut aber, durch sie ermutigt, eines Tages um Roses Hand anhielt, gab sie ihm ein erschrecktes, doch entschiedenes Nein zur Antwort. Der empörten Mutter sagte sie, dass ihr dergleichen bei dem älteren Manne niemals in den Sinn gekommen, dass sie ihn gern habe erzählen hören, wohl auch mancherlei von ihm gelernt habe, dass aber zum Heiraten für sie ganz etwas anderes gehöre.
Nun hatte sie es mit allen verdorben! Der gern gesehene Hausfreund zog sich gekränkt zurück, Pauline und ihr Bräutigam nannten sie eine Närrin, die ihr Glück mutwillig von sich wies, selbst der gutmütige Vater, der durch das Fernbleiben des Herrn Dorenblut eine Reihe wertvoller Geschäftsverbindungen verlor, liess an ihr seinen Unmut aus.
Sie galt als überflüssig und fühlte selber, dass sie es war. Als sie an ihre Eltern mit dem Wunsche herantrat, das Seminar zu besuchen und das Lehrerinnenexamen zu machen, stiess sie auf erbitterten Widerstand. Das wäre ein unnützes Ding für die Tochter eines so angesehenen und vermögenden Kaufmanns! Sie sollte sich im Hause nützlich machen, die Mutter, die in der Tat anfing, zu kränkeln, bedürfte dringend der Unterstützung. Nur dass Frau Zollbrügge trotz ihrer Schwächlichkeit Rose von häuslicher Einmischung bis auf sehr geringe Obliegenheiten fernhielt.
*
Pauline war längst verheiratet und in die Garnison ihres Gatten übergesiedelt. Friedrich, der sich kurz nach bestandenem Assessorexamen mit einem Rechtsanwalt der Hauptstadt zusammengetan hatte, kam sehr selten zu Besuch in seine Vaterstadt, Rose war allein mit den Eltern geblieben. Sie führte ein weltabgeschiedenes Dasein, fremd nach aussen hin, fremd im eigenen Hause. Als lebte sie auf einem einsamen Eiland und sähe wie in verschwommener Ferne das Tun und Treiben der Menschen.
Und doch — trotz ihres abgeschlossenen Daseins entging ihr eins nicht: Sie merkte, wie der sonst harmlose und lebensfrohe Vater immer sorgenvoller und die Mutter bekümmert und traurig wurde, und sie fühlte zugleich, dass diese Gemütsverstimmung ihren Grund nicht allein in dem zunehmenden körperlichen Leiden haben konnte.
Freilich . . . so recht eigentlich berührte sie auch dies nicht einmal. Man teilte ihr keine Sorge mit, man besprach nichts mit ihr, sie ging durch das Haus der Eltern wie ein Schatten, dem eine eigene Existenz nicht zukam. So verlor sie auch ihrerseits zuerst die Neigung, dann die Fähigkeit, auf die Freuden und Leiden anderer einzugehen . . . immer mehr erstarrte sie zur Eisrose.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.